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26. Januar 2013 10:34

1984-Hysterie und Werbung

Viele von uns denken bei Datenschutz an 1984: ein alles überwachender
Staat, der die Menschen in einer Diktatur überwacht und Abweichler
ausschaltet.
In der aktuellen Diskussion um den Datenschutz geht es aber nicht um
den Staat. Im Gegenteil: Mit Patriot-Act wird Hysterie geschürt, aber
die Schilypakete werden von "Datenschützern" nicht angesprochen, die
enthemmt die NSU-schützenden Superdienste in alles ohne Kontrolle
rein sehen lassen. Das Fluggastdatenabkommen zur Überwachung
unverdächtiger Bürger wird nicht aufgehoben, sondern soll auf die EU
ausgedehnt werden. Wir werden in Kenntnis gesetzt, dass der
Bundestrojaner keinerlei Rechtsgrundlagen hat, aber die Datenschützer
spielen mit und erklären die Aufklärung über den Bundestrojaner zur
geheimen Kommandosache: VS - nur für den Dienstgebrauch. Datenschutz
für den Bürger unerwünscht, Source-Code-Inspektion zu teuer. Mit
SWIFT werden Daten über unsere Auslandsüberweisungen exportiert an
staatliche Einrichtungen wo immer auf der Welt.

Aber bei den Facebook-Festspielen wird jetzt vom EU-Parlament
geheuchelt es ging um Datenschutz beim Lex Facebook. Geht es das oder
geht es nur antiamerikanisch gegen Facebook aus Neid, weil man selbst
nichts gebacken bekommt?

Wir haben gesehen, dass die Werbebudgets von den Zeitungen abgezogen
werden und zu Google und Facebook wandern. Als Rache will uns die
Presse das Leistungsschutzrecht aufzwingen, mit dem wir noch mehr
Rechtsunsicherheit bekommen würden und das Abmahnwesen weiter
ungehemmt die Bürger abzocken kann (wegen Vorschaubildchen bei
Facebook sollen dann Kinder kriminalisiert werden).

Aber worum geht es der werbungtreibenden Industrie? Die wollen
verkaufen. Die interessiert nicht, ob wir durch sexuelle
Abartigkeiten erpressbar werden (wie es der Staat mit General
Kießling versucht hat). Die interessiert es nicht, unsere
Bettabenteuer zu belauschen (wie es die Schilypakete ermöglicht haben
und einige Staatsanwälte rechtswidrig das Sexgeplänkel in den Akten
haben). Wenn die mit Sex Geld verdienen wollen, produzieren die
Pornos und verballern damit 50% der Netzbandbreite. Manchmal sogar
gegen Geld.

Die Werbeleute möchten aber nicht mehr gerne Milliarden verplempern
für ungerichtete Werbung an Litfasssäulen, in Zeitungen oder im TV,
wenn es auch gezielter geht. Die aktuellen Maßnahmen von Google und
Facebook waren schon viel besser die richtige Werbung an die richtige
Frau zu bringen. Aber damit wird immer noch nicht gekauft. Also hat
die Werbung Interesse, dort Geld anzulegen, wo nachher auch gekauft
wird. Ich halte das für legitim, wenn die personenbezogenen Daten in
einer Maschine bleiben, nicht nach außen verkauft werden und nur
abstrakte Conversionrates geliefert werden gegen Geld. Theoretisch
könnte das den Verbrauchern sogar zu gute kommen, in dem weniger Geld
für bessere Werbung ausgegeben wird.

Aber das diskutieren wir nicht. Wir lassen uns von lauten
Marktgeschrei der EU blenden. Gegen 1984 wird nichts gemacht und am
Lex Facebook sollen wir uns abarbeiten mit erratischen
Sonderlichkeiten: 40 Mio Bürger sollen bei Facebook das Recht
bekommen, jedes Jota dort um zudrehen, dass sie selbst dort
eingestellt haben. Massenhafter Aufwand mit zweifelhaftem Ergebnis
(die Wirksamkeit kann bist jetzt nur spekuliert werden). Aber wir
könnten auch sagen, dass Täter die sich an 40 Mio Bundesbürger
datenschutzrechtlich schlimm vergehen, hart bestraft werden, so dass
40 Mio Ruhe vor ihnen haben. Das aber tun wir nicht. Wir sollen es
beim Bußgeld belassen, weil man zu faul ist, Gefängnisstrafen zu
implementieren (da das mit dem Instrument der Verordnung nicht geht).
Statt die Täter hart zu bestrafen und die vielen zu entlasten führen
wir dann lieber wieder die Sippenhaft ein: bis zu 2% vom Umsatz
sollen die Aktionäre berappen statt die Täter zu bestrafen. So geil
ist unsere Facebook-Hysterie mittlerweile. Und wir machen schön mit,
lassen uns blenden, wie dann der Staat im Schatten der
Facebookfestspiele der Datenschützer sich weiter ausbreiten kann:
Geheime Bundestrojaner (VDS bei Datenschützern),
Funkzellenüberwachung, Schilypakete, Fluggastdatenabkommen,
Rasterfahndung, Vorratsdatenspeicherung, ACTA, Schengen, usw. usw.

Wir sollten uns überlegen, ob wir uns blenden lassen und auf den
Facebookfeierlichkeiten-Zug aufspringen und uns von "Datenschützern"
blenden lassen oder ob wir echten Datenschutz haben wollen. Auch
gegenüber unserem geliebten Staat.

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