25. Januar 2011 19:22

Gorny & Co - ein Fall für den Staatsanwalt?

Ich versuche nun mal darzulegen, weshalb Staatsanwaltschaften und
Ermittlungsbehörden sich einmal mit den großen Fischen der
organisierten Filesharergruppen (Szene) vorgehen sollten, wollte man
denn wirklich illegales Filesharing schnell und wirksam eindämmen,
was ich aber stark bezweifele. Persönlich habe ich zwar überhaupt
nichts gegen diese Szeneleute und schon gar nichts gegen P2P. Wären
da nicht die Abmahnungen, wäre das Leben doch viel angenehmer. Ich
hoffe, dass hier auch Vertreter der Rechtsorgane, Politik, Medien
sowie Kinder- und Jugendschutzverbände mitlesen. 

Trotz Abmahnwahn und Piratenjagd haben sich die schönen Strukturen,
die illegales Filesharing überhaupt erst ermöglichen, nicht
verändert. Für das Bitttorrent-Netzwerk, das schön längst dem Esel
den Rang abgelaufen hat und seinen Vorsprung weltweit weiterhin
ausbaut, gibt es im Wesentlichen lediglich 2-3 sehr große
Torrentverteilerseiten, die speziell auf den deutschsprachigen Markt
zugeschnitten sind. Das heißt: das aktuelle Musikangebot entspricht
dem, was man in Deutschland, der Schweiz und Österreich so hört, also
auch deutsch singende Künstler. Das Filmangebot ist dementsprechend
zumeist mit deutscher Synchronisation verfügbar und natürlich sind
auch Spiele, Software und Magazine als PDF (C't, Chip, Spiegel,
Stern, PC-Welt etc.) deutschsprachig. Von diesen wenigen Seiten
(Tatort) findet das Gros der illegalen Verbreitung statt, weshalb ich
dafür plädiere, den Hebel dort anzusetzen. Diese Seiten verlinken
fast ausschließlich nur auf illegale torrents. 

Anstatt von Filesharing zu reden, lege ich jetzt aber mal mein
Augenmerk auf den Kinder- und Jugendschutz. Bereits auf der
Startseite, der wohl populärsten deutschen Bittorrent-Verteilerseite,
die seit Jahren in dieser Form existiert, findet man die aktuellen
Neueinstellungen sortiert nach Themenbereichen. KiPos sind dort
natürlich nicht zu finden (VERBOTEN wie auch Nazi-Sachen), aber am
Ende der langen Tagesliste der neuen Werke gibt es die Rubriken
Pornobilder und Pornofilme. Für jeden zugänglich, also auch für
Kinder. Ein Klick und jeder Internetbenutzer beginnt, sofern er ein
entsprechendes Programm installiert hat, diesen Film herunterzuladen
und natürlich auch zu verteilen. Selbst Pirate Bay hatte oder hat
noch immer einen over-18-Bereich, in den man nur mit Anmeldung
reinkommt. Das stellt allerdings kein Problem dar, da man lediglich
ein Häkchen setzen muss, um zu bestätigen, dass man über 18 Jahre alt
ist. Ein Altersnachweis wird nicht verlangt. Der illegale deutsche
Pornokonsument lebt da wesentlich komfortabler. Wenn aber auch Kinder
und Jugendliche per simplen Mausklick von einer Startseite sich
Pornos downloaden können, steht doch normalerweise sofort der
Staatsanwalt auf der Matte, Kinderschutzverbände laufen Sturm und die
konservativsten Kräfte dieses Landes schreien natürlich am
lautestens. Wie schon gesagt, diese 2-3 deutschsprachigen Webseiten
existieren schon seit Jahren in dieser Form. 

Billige Schmuddelpornoproduzenten, wie die Firma Purzel GmbH, die im
großen Stil abmahnen lässt und wohl wenig DVDs verkauft, überbieten
sich dabei in der Perversität Ihrer gewählten Filmtitel. Mein Anstand
verbietet es mir, dies mit Beispielen zu untermauern. 

Wer sind aber nun die großen Fische, die Staatsanwaltschaft und
Piratenjäger verfolgen sollten?

1. die 2-3 Webseitenbetreiber, die deutschsprachige Angebote wie oben
gezeigt anbieten
2. die Tracker, über die dieses Material in den P2P-Kreislauf
hochgejagt wird
3. die organisierten Gruppen, die diese Werke auftreiben,
rippen/cracken/umwandeln und über die Tracker erstmals verteilen. Man
nennt sie Firstseeder. Ich meine dabei aber wirklich nur diejenigen,
die das organisiert und im großen Stil machen. Ich bin mir fast
sicher, dass über 90% des Angebotes von diesen deutschprachigen
Verteilerseiten aus diesen Quellen stammt.  

Wer sind denn diese organisierten Gruppen von Firstseedern?

Man muss noch nicht einmal Filesharing selbst betreiben, um
überprüfen zu können, welche Dateien sich in einem Containern
befinden. Bei so gut wie jedem torrent mit illegalem Inhalt befindet
sich eine Textdatei mit der Endung nfo. In dieser Datei steht drin,
welche "Szenegruppe" diesen torrent erstellt hat. Hat man davon
einmal mehrere gelesen, stößt man immer wieder auf die gleichen
Namen. Bei Musikdateien findet man in der Regel die gleichen
Information in den sogenannten ID3-Tags vor. Natürlich werden alle
Tricks und ausländische Tracker/Server genutzt, um sich zu
verschleiern. Doch wie heißt es schön: wenn man will, lassen sich
alle Spuren im Netz zurückverfolgen. Die Jungs sprechen jedenfalls
sehr gut Deutsch und sitzen sicherlich nicht auf den TukaTuka-Inseln
in einer Strohhütte vor dem PC. 

Eine internationale Kooperation der Ermittlungsbehörden wäre
natürlich angesagt. So schwer dürfte das nicht sein, auch wenn es bei
den KiPo-Seitenlöschung im Ausland zu hapern scheint. Na klar, man
will ja Stoppschilder, Vorratsdatenspeicherung und hat für diesen Job
nur wenig Planstellen eingerichtet.   

2-3 Jahre intensiver Abmahnwahn haben jedenfalls gezeigt, dass
Piratenjäger nicht gegen die Verursacher vorgehen, sondern nur
diejenigen verfolgen, die von diesem Angebot Gebrauch machen. Als
Begründung für die Piratenjagd, wird dennoch vorgegauckelt, man
möchte illegales Filesharing bekämpfen. Hauptgrund Nummer 1 ist dabei
immer der notleidende Künstler und der Verlust von Arbeitsplätzen der
Kreativbranche. Zusätzlich wird behauptet, es würden der Branche
Milliardenverluste entstehen. Die Branche belegt diese Aussagen mit
selbst in Auftrag gegebenen Studien, die keiner unabhängigen
wissenschaftlichen Überprüfung standhalten. Studien, die das
Gegenteil beweisen, werden aber systematisch vom Gesetzgeber
ignoriert.

Wenn es um unglaubliche Milliardenverluste geht, weshalb bekämpft man
dann nicht die Ursachen? Weil man dann auf eine kostenlose
Werbeplattform verzichten müßte? Weil man dann keine
Massenabmahnungen, die das Land flächendeckend überziehen,
verschicken könnte?

Ein Abmahner oder Rechteinhaber, der abmahnen will, kann das nur dann
tun, wenn seine aktuellen Werke so schnell wie möglich in den
Kreislauf der Tauschbörsen gebracht werden. Was ist aber, wenn kein
Mensch Lust hat, z.T. billigen Schrott, der sich sonst nicht
verkaufen läßt, sich vor oder kurz nach Verkaufsstart besorgt? Hilft
man dann nach? Macht man es selbst oder über die Loggerbuden? Oder
kennt man die oben beschriebenen Szenegruppen, die im engen
Zusammenhang mit den Trackern und Verteilerseiten stehen sehr gut und
kooperiert mit diesen Leuten? Gäbe es diese 2-3 deutschsprachigen
Bittorrent-Verteilerseiten nicht, würde trotz Hochladens der Dateien,
kaum jemand dieses Angebot finden. Diese 2-3 bedeutenden Webseiten
gibt es aber in unveränderte Form seit Jahren.

Das ist das Kernproblem und der Ansatzpunkt zur Problemlösung.
Ermittlungsbehörden könnten gezielt mit den technischen und
rechtlichen Möglichkeiten, die wir nicht haben, dieser Form der
organisierten Kriminalität nachgehen. Da sie es nicht tut, drängt
sich der Verdacht auf, dass Rechteinhaber, Abmahnanwälte und
Loggerbuden selbst in das Fadenkreuz der Ermittlungen geraten würden.
Die Piratenjäger konzentrieren sich stattdessen lieber auf die
Massenverfolgung von Durchschnittskonsumenten, die sich lediglich dem
vorhandenen jederzeit frei zugänglichen Angebot der Tauschbörsen
bedienen. Damit das klappt, wurden neue Gesetze eingeführt und ein
Bagatelldelikt hochstilisiert. Vor den Massenabmahnungen, als
Filesharing ein risikoloser Volkssport war, war die Hemmschwelle
einen Apfel, von einem im Feld freistehenden Baum, zu klauen,
gewaltig höher als auf eine urheberrechtlich geschützte Datei zu
klicken. Als die Medienbranche aufgewacht ist, die zuvor mp3's
angesichts Ihrer tollen Silberscheiben nur belächelt hatte, änderte
sich das fast über Nacht. Ein Paar Raubkopiermörderspots langen nicht
aus, um Gewohnheiten abzustellen, die in Köpfen der Menschen drin
sind. Zu den Urheberrechtsverletzern von damals zählen mit Sicherheit
auch Loggerbudenbetreiber. Dass Oberstudienräte,
Versicherungsvertreter, Bankangestellte, Psychologen, Journalisten
und Ärzte dazugehörten, weiß ich aus eigener Quelle persönlich. Die
leichtfertigen Opfer dieser organisierten Kriminalität wurden
jedenfalls zu den eigentlichen Straftätern gemacht. Schöne neue Welt
und alle schauen nur zu. 

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