28. November 2012 01:19

Re: Also ich mach' ja auch viele Überstunden...

daodot schrieb am 27. November 2012 23:17
> ... bzw. muss sie machen. Deshalb kann mir keiner erzählen, dass 220
> Überstunden im Monat irgendwie "normal" oder gar gesund sein sollen.

Ich denke, dass sie sich da schon die Extremfaelle herausgepickt
haben. Wobei 220 Ueberstunden eigentlich nicht mal so viel ist: wenn
man von zehn Stunden pro Tag, sechs Tagen in der Woche ausgeht, dann
sind in einem Monat (31 Tage, vier davon Sonntage) bereits 270
Arbeitsstunden moeglich.

Wie gesagt, das betrachtet niemand als Dauerzustand. Das sind junge
Leute, ohne Familie, i.R. mit wenigen sozialen Kontakten (sind ja
erst frisch in der Stadt angekommen), gegessen wird in der Kantine,
geschlafen in einem "Dorm" der Firma, Arbeitsweg je zehn Minuten im
Firmenshuttle, sein Geld fuer Freizeit zu verschwenden kommt kaum
jemandem in den Sinn. Die Karriere kommt zuerst. Und je mehr Arbeit
es in der Fabrik gibt, desto schneller kann man ihr entfliehen.

Und natuerlich machen das nicht alle. Wessen Eltern Geld haben, der
geht nicht in die Fabrik, sondern direkt an die Uni. Wer keine
Ambitionen hat oder sich keine Chancen ausrechnet, sucht sich einen
ruhigeren Job.

> Übrigens: Von welcher Regelarbeitszeiten pro Woche gehen wir da in
> China aus? 60 plus? Da sind 220 Stunden mehr menschenverachtend. 

Ich weiss es nicht genau, glaube aber, dass die Regelarbeitszeit
nicht ungewoehnlich hoch ist. Und wie gesagt, wenn man ausser
Arbeiten nicht viel anderes tut, dann kommt man schnell auf viele
Stunden, ohne sich dabei zu verschleissen.

Natuerlich ist es wichtig, dass eben genau das auch respektiert wird
- die Fabrikarbeiter wollen viel arbeiten, dabei aber nicht
kaputtgehen. Schliesslich warten am Ende des Jobs Ausbildung,
Karriere, und Familiengruendung. Wenn die Karriere eine komfortable
und nicht allzu stressige Position mit 40 einschliesst, um so besser.

Was ich sagen will: um diese Zahlen richtig zu interpretieren, muss
man sie in den Kontext der chinesischen Lebensplanung und der
Situation der jeweiligen Arbeiter setzen. Manches, was auf den ersten
Blick nach Quaelerei aussieht, ist dann viel weniger schlimm. Aber
natuerlich gibt es auch Quaelereien, die selbst bei wohlwollendster
Betrachtung immernoch Quaelereien sind.

- Werner

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