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17. Juni 2004 23:08

Re: Diskussionsveranstaltung mit SCO in Jena - so war es

Klingon schrieb am 17. Juni 2004 22:03

> Im erster Teil hat er die Vorteile von OpenSource aufgeführt und
> betont, dass er nicht gegen OpenSource ist.

Mit Ausnahme der Tatsache, dass

a) OSS ein adäquates Geschäftsmodell fehle
b) OSS den Markt für proprietäre Software kaputt mache

> Im zweiten Teil ging es um die Feinheiten des Urheberrechts. Da hat
> er unterschiedliche Methoden aufgezeigt, wie man ein Programm kopiert
> (Copy->Paste, Copy->Paste->Umschreiben, nur die Idee klauen und
> komplett neu programmieren usw.).

. Direkt Copy
. Obfuscated Code
. Copy of Idea
. "Reenginering"

> Im dritten Teil ging es dann um den Prozess SCO vs. IBM.
> Da hat er Teile des umstrittenen Quellcodes gezeigt (natürlich nur,
> wo ein Codeklau vermutet wird - bewiesen ist ja noch nichts).

Es handelt sich um den bekannten malloc.c Code von Ritchie/Thomson,
soweit ich sehen konnte. Im persönlichen Gespräch hat Blepp nicht
abgestritten, dass es sich um BSD-Code handeln könnte, auch wenn das
bei der Präsentation ganz anders klang ("reden wir nicht über
einzelne Codezeilen ...")

> Er ist
> auch auf das Urteil des Bremer Landgerichts eingegangen, dass SCO
> Deutschland nicht behaupten darf, in Linux wäre Teile des SCO-Codes.

Nach einer Zwischenfrage ...

> Aber er hat betont, dass es
> eigentlich gar nicht mehr um den Code geht. Das ist mittlerweile
> völlig egal, der ist nun mal drin. Es geht nur darum, dass nach
> Ansicht von SCO IBM einen Vertragsbruch begangen hat, in dem es die
> Codezeilen nach Linux kopiert hat.

Richtig happig waren die Aussagen bezüglich des Vertrages mit IBM
(auch im persönlichen Gespräch, vorher war er ausgewichen):

"Wenn IBM einen eigenen Treiber, sagen wir für ein Filesystem in AIX
integriert, den es, sagen wir für Linux unter GPL gestellt hat,
greift dann hier der SCO-IBM-Vertrag, dass die SysV-Lizenz auf den
Treiber ausgeweitet wird und dieser aus Linux entfernt werden
müsste?"

"Ja, dieser Treiber, wenn er Teil von AIX ist, ist unter der Lizenz
von AIX."

Nicht hundertprozentig wörtlich, aber immerhin. Falls IBM einen
solchen Vertrag unterschrieben hat, na dann ...

> Auch auf die Verwurstelung mit AT&T und Novell ist er eingegangen.
> Aber nur kurz, weil das wäre wohl ausgeufert.

Oder: Er hätte Klartext reden müssen.

> Weiterhin hat er dann versucht die Frage zu klären, ob freie und
> propertiäre Software nebeneinander existieren können. Antwort: ja,
> denn z.B. SCO selbst liefert Unixware mit Samba, Mozilla usw. aus.
> Was SCO stört ist die GPL, weil die kommerzielle Weiterentwicklung
> unmöglich machen würde.

Auch witzig: GPL ist kein Problem im legalen Sinne (auf die
Nachfrage, ob er die GPL für rechtens halte), sondern auf der Ebene
des Geschäftsmodells. Das muss SCO aber nicht weiter stören, wenn
Linux da auf Aufträge verzichtet. Nur, der Punkt ist: Sie haben den
Kernel unter GPL vertrieben, inklusive nachweisbar eigenem Code.
Dieser steht dann IMHO unter GPL.

Seine Reaktion: Caldera bzw. SCO wussten nicht, dass sich gestohlener
Code im Kernel befand und SCO hat keinen schriftlichen Vertrag
erlassen, dass sie ihren Code unter GPL stellen würden. (Ich bin kein
Rechtsexperte, aber es kann sein, dass man das so oder ähnlich sehen
kann.)

> Der Vortrag war recht locker und bot auch einige Anlässe zur
> Heiterkeit.

Blepp ist immer noch ein recht ordentlicher Redner, auch wenn während
der "Diskussionsphase" seine Antworten sehr weitscheifig,
wiederholend und ausweichend waren und viele vorzeitig den Saal
verlassen haben. Verständlich. Beides.

> Persönlich ist im der Ausgang des Verfahrens fast egal, da SCO
> sowieso nicht mehr mit UNIX weitermachen wird (Firmenname versaut, zu
> viel Geld in den Prozess gesteckt). Mittlerweile sind die
> Gerichtsverfahren das eigentliche Geschäft von SCO.
> Falls SCO gewinnt, wollen Sie eine Linux-Lizenz einführen (ca. 2-20 $
> pro Server). Bei freien Distributionen wie Debian geht das natürlich
> nicht - Lösung unbekannt.

"Wenn alle möglicherweise beschmutzten Stellen ausgetauscht würden,
bevor der Prozess zu Ende ist (und SCO gewinnt!!), dann könnte SCO
nach dem Prozess ja kaum jemanden verklagen ..." (Intention: Bringt
er die: "Einmal schmutzig, immer schmutzig"-SCO-Theorie? Antwort:
Nein!!)

"Benutzer des gereinigten Kernels wären auf der sicheren Seite."

> Das Publikum bestand hauptsächlich aus Studenten (auch viele
> Frauen!), mindestens 1/3 waren Informatiker und 80% von denen
> Linuxer. Es gab 2-3 Personen, die Herr Blepp auch etwas härter
> angegriffen haben, aber ansonsten war die Diskussion doch sehr
> sachlich und interessant.

Und wurde leider ausschließlich von den Informatikern geführt, nicht
den Medienwissenschaftlern, für welche sie ja eigentlich gedacht war.
Leider gab es bei den Fragen immer wieder einige Unklarheiten
(Copyright/Patent/etc), die Blepp dann lang und breit aufklären und
sich um eine Beantwortung der tatsächlichen Frage drücken konnte.

Ich persönlich werde am Wochenende noch einmal ein bisschen
growlawen, denn ich habe irgendwie den Eindruck, mir geht langsam,
ganz langsam, ein Licht auf.

2b|!2b

ps. Blepp machte kaum den Eindruck, besonders hinter der
"Geschäftspolitik" von SCO zu stehen. Es würde mich persönlich nicht
wundern, und ich finde es schade, ihn nicht gefragt zu haben, wenn er
bereits genaue Pläne für die Post-SCO-Ära hätte. Also dann, wenn der
Prozess zu Ende ist. D.h. unmittelbar nach dem Erscheinen von
GNU/Hurd ;)

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