22. Dezember 2012 14:33

Re: The right to bear arms...

Das ist natürlich etwas polemisch, enthält aber einen Kern Wahrheit.
Das Problem ist nämlich in meinen Augen nicht die vielzitierte
"Wildwestmentalität", auf die sich auch der Artikelschreiber bezieht,
sondern der niemals überwundene Puritanismus. 

Ich vergleiche Amerika gerne mit dem viktorianischen England: eine
wüste Mischung aus Bigotterie und Puritanismus. Einerseits ließ sich
der Thronfolger einen speziellen Bordellstuhl bauen, andererseits
taten alle so, als würde ein nacktes Bein den Weltuntergang bedeuten.
Wohlstand und Adel waren gottgewollt. 
Nur hat England diese Zeit halt überwunden und Amerika nicht wirklich
- mal vom Adel abgesehen, denn man durch Politik- und Geldadel
ersetzt hat.

Anspruch und Wirklichkeit driften dort immer weiter auseinander. In
den Filmen haben selbst mittelalterliche Pestkranke perfekte Zähne
und ein Sixpack, in der Realität wird der durchschnittliche
Amerikaner immer dicker und immer mehr Menschen können sich eine gute
Gesundheit nicht mehr leisten. Im Fernsehen wird nicht mehr geraucht
und getrunken, eine nackte Brust oder ein "fuck" (in jeglicher
grammatikalischer Bedeutung) ist absolut undenkbar, aber in der
Realität wird gesoffen, wüst geflucht und die Mütter werden immer
jünger.

Irgendwie sollte man ja meinen, daß die harte Realität doch jedem
denkenden Menschen klar sein sollte, aber irgendwie schafft es die
amerikanische Gesellschaft, sich selber das Gegenteil einzureden. Nur
mal so als Beispiel: wenn man geschäftlich nach Amiland fliegt,
bekommt man empfohlen, das bei der Einreise zu verschweigen und einen
privaten Grund bzw. Urlaub für die Einreise anzugeben. Weil es selbst
für einen unterbezahlten amerikanischen Mitarbeiter der
Einreisebehörde im "rust belt" unvorstellbar ist, daß man dann nicht
gleich im tollsten Land der Welt bleiben will. Obwohl es in der
Innenstadt von Detroit und Co. aussieht wie in einem
postapokalyptischen Zombiefilm. Aber es ist ja Amerika und da ist
selbst eine Pappkarton neben einer brennenden Mülltonne noch besser
als eine Eigentumswohnung in München.
Daß ein Tourist wieder ins feudale Armenhaus Europa zurück will,
scheint eher glaubhaft zu sein.

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