7. Januar 2013 18:53

Re: "das Piraterl" oder: was ist Sexismus? - Re: Verwirrt - Re: "Piratin"

besserwiss0r schrieb am 7. Januar 2013 18:29
> Ulriko schrieb am 7. Januar 2013 18:26

> > Einfach "Pirat" würden aber viele als männlich verstehen.
> Für die mangelnde Sprachkenntnis vieler kann ich nichts.

Ich glaube, Du verwechselst hier etwas. Die wohl deutliche
Mehrheit der deutschen Sprecher empfindet "der" und "die"
bei Personenbezeichnungen als Anzeiger für das natürliche
Geschlecht. Und da sowohl die Mehrheit so empfindet als
auch die gesetzlichen Bestimmungen für geschlechtsneutrale
Anzeigen, Ausschreibungen etc. das auch so sehen und daher
die (lästigen) Doppelformen ("wir suchen belastbare(n) Koch/
Köchin") oder die Binnen-I-Form vorsehen ("LehrerIn"), bist
Du die abweichende Meinung und kannst nicht die allein
"richtige" Ansicht für Dich beanspruchen.

> > Weil "Pirat" nun mal vom Genus her Maskulinum ist, also
> > "der" Pirat.
> Genau wie "Mensch". Und, lustigerweise, "Feminismus". Und?

Bei Mensch gibt es aber keine Unterscheidung in "der Mensch"
und "die Menschin" (mehr). Daher funktioniert die Analogie
hier nicht. Analog, aber umgekehrt, ist es ja mit "die" Person. 

Ich weiß also sehr wohl, dass grammatisches und natürliches 
Geschlecht nicht das Gleiche sind. Jedoch ist es nun mal 
dennoch der Fall, dass die Mehrheit der Sprecher und alle 
gesetzlichen Regelungen Deine Deutung ablehnen. Es geht hier 
nicht um Linguistik, sondern um Sprachsoziologie. Das mag Dir 
nicht behagen (wie auch mir), aber sich eine andere sprachliche
Realität ausdenken ist etwas anderes als "richtig" und
"falsch" feststellen.

> > "Piratin" schafft da Klarheit.
> Das Wort "Piratin" bezeichnet eine Seeräuberin. Das Wort "Pirat" ist
> namensgleich mit einem Seeräuber, bedeutet aber etwas anderes.
> Duden-Recherchetipp: Homonyme.

Ist bekannt, hat aber mit unserem Problem nichts zu tun,
denn "Pirat" war für Dich ja in Ordnung, obwohl der Einwand
auf beide Wörter gleichermaßen zutrifft. Und während die
Anzahl der Menschen, die bei "Pirat bezweifelt..." an 
einen Mann gedacht hätten sicher erheblich gewesen wäre,
dürfte die Zahl der Menschen, die bei "Piratin bezweifelt..."
an eine Seeräuberin gedacht haben ziemlich gering gewesen
sein.

> > Sexismus ist ja nicht die Tatsache, dass man weiß, ob
> > jemand männlich oder weiblich ist, sondern die Tatsache,
> > dass jemand wegen seines Geschlechts bewusst bevorzugt
> > oder benachteiligt wird.

> Sexismus ist zunächst mal, etymologisch, nichts als die wie auch
> immer geartete Hervorhebung eines biologischen Geschlechts.

Es geht nicht um Etymologie, denn ginge es darum, würden über 
50% aller Wörter Anderes bedeuten als alle denken (und was
genau, das hinge davon ab, wie weit man zurückgeht). Es geht um
die aktuelle Bedeutung eines Wortes. Wäre Sexismus jede Art
von Hervorhebung, wären alle deutschen Personennamen ebenfalls
sexistisch da sie das Geschlecht kennzeichnen (was in einigen
Kulturen nicht der Fall ist). Selbst in den USA sind eine
ganze Menge Eigennamen geschlechtsneutral, etwa Marilyn oder
Payton oder Mike. Konsequenterweise müsstest Du die Einführung
von geschlechtsneutralen Namen fordern. Und schließlich ist 
bereits die Existenz der Wörter "Mann" und "Frau" unter diesem 
Gesichtspunkt sexistisch, wenn man sich darauf versteift. Ob 
das aber wirklich irgend wem etwas bringt, so zu tun, als gebe 
es keine Geschlechter, ist doch sehr fraglich. Andere wollen
dann vielleicht, dass auch niemand mehr blond oder rothaarig
sein darf, dass Nationalitätenbezeichnungen verboten werden
und dass alle Wörter für Hautfarben und sämtliche körperliche
Merkmale tabu werden, inklusive die Größe und die Wörter
"attraktiv" und "hässlich". Am besten sagt man immer nur noch
"Schlumpf". Das wird das Problem wohl am besten lösen...

Ulriko


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