25. Dezember 2012 01:33

SMS-Kürzel im 19. Jahrhundert

Es ist immer wieder erscheckend, wie wenig sich gewisse Personen mit
Themen beschäftigen, über die sie dann Meinungen in die Welt posaunen
die schlichtweg falsch sind, an den Haaren herbeigezogen oder
engstirnig auf Scheuklappen-Schlußfolgerungen basieren.

Da wird dann das mangelnde Vokabular und die fehlerhafte
Rechtschreibung in SMS kritisiert udn völlig außer Acht gelassen,
dass es sich hier um eine Short-Message, eine Kurznachricht handelt:
ein modernes Telegram. Hat irgendjemand bei Telegramen behauptet sie
müssten grammatikalisch richtig mit möglichst reichem Vokabular
geschrieben werden? Dann behauptet er die SMS wären weniger herzlich
oder gefühlvoll. Das mag stimmen, jedoch sind sie dafür ja nicht
gedacht. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen und hierraus dann
Rückschlüße gezogen ohne! irgendwelche Fakten: SMS sind verkürzte
Nachrichten ohne korrekte Gramatik, viele Jugendliche nutzen SMS,
folglich verfällt unsere Sprache? Klassisch "cum hoc ergo propter
hoc" (Siehe wie der Rückgang der Piraten für die globale Erwärmung
verantwortlich ist:
https://de.wikipedia.org/wiki/Cum_hoc_ergo_propter_hoc#Globale_Erw.C3
.A4rmung)

Das Beste/Schlimmste jedoch ist: Es gibt Studien die aufzeigen, dass
eine kreative Verwendung von Abkürzungen in SMS eher auf einen
gefestigteren Stand für Sprache schließen lassen, als umgekehrt!
Beispielsweise ein schönes Buch hierzu:
David Crystal (britischer Linguist und Autor) – Txtng: the Gr8 Db8:
"If you collected a huge pile of messages and counted all the whole
words and the abbreviations, the fact of the matter is that less than
10% would be shortened."
"As part of the research I did I asked teachers if work in the
classroom was riddled with abbreviations, and it wasn't."
"If you ask kids if they use the same style in their work they look
at you as if you are mad."
Sein Schluß:
"The panic about texting and its effects on language is totally
misplaced. It adds a new dimension, enriches language, gives you a
new option."

Und das ist auch alles nichts Neues! Hier einmal ein Gedicht aus dem
19. Jhd.:

Charles C. Bombaugh - Harvest Fields of Literature - Essay to Miss
Catharine Jay (von 1847)
Fünfte Strophe:
"From virt U nev R D V 8;
Her influence B 9
A like induces 10 dern S,
Or 40 tude D vine."

Hier möchte ich den Sprachlog.de Beitrag zitieren:
"Sprachwissenschaftlich ist zu diesem Gedicht nicht allzuviel
Interessantes zu sagen. Wer einen Beleg brauchte, dass SMS-Kürzel
kein Zeichen von Sprachverfall sondern eines von sprachlicher
Kreativität sind, der kann ihn in diesem Gedicht vielleicht sehen."
Src: http://www.sprachlog.de/2010/08/22/smskuerzel-im-19-jahrhundert/

tl;dr: SMS-Kürzel sind kein Zeichen von Sprachverfall sondern eines
von sprachlicher Kreativität!

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