8. Dezember 2012 22:48

Stressachse und "Quacksalber"

> Burnout ist ein esoterisches Modethema, tatsächlich gibt es dieses
> Syndrom im maßgeblichen Klassifikationskatalog ICD-10 gar nicht.

Burnout bezeichnet einen Zustand, der als Folge anhaltender
Stressreaktionen auftritt, siehe auch den ganz brauchbaren
Wikipediaartikel "Stressreaktion". Dadurch wird die normale Funktion
der Stressachse (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse)
nachhaltig gestört, bis hin zum Tode (z.B. plötzlicher Herzinfarkt).

Als Begleiterscheinung kann sich eine Depression entwickeln, und wird
es wohl auch in den meisten Fällen. Mit Antidepressiva kriegt man
vielleicht ein bisschen mehr Serotonin an die Synapsen, aber die
Stressachse beeindruckt das recht wenig.

> Früher nannte man die Quacksalber.

Sind das eigentlich die gleichen, die vor der Entdeckung des
Helicobacter Pylori als Verursacher von Magengeschwüren dem Patienten
eine Psychotherapie oder in schweren Fällen eine Operatiopn
nahegelegt haben? So war das nämlich früher - heute nimmt man
Antibiotika. Der Entdecker des Helicobacter bekam den Nobelpreis.

Sind das eigentlich die gleichen, die Staatsanwalt Erich Schönfeld in
den 80ern im Bundesgesundheitsministerium erzählt haben, die
gesundheitlichen Folgen von Holzschutzmitteln (bis zum Tode) seien
nur ein Ausdruck von "Midlife Crisis"?

Sind das eigentlich die gleichen, die Hashimoto-Patienten monatelang
als rein psychisch gestört hinstellen, bevor sie dann die richtige
Diagnose bekommen? Die Selbsthilfeforen zu Hashimoto sind randvoll
mit solchen Geschichten, kann selber eine schreiben. Dann nehmen die
Leute Thyroxin und alles ist wieder in Butter.

Sind das eigentlich die gleichen, die vor 70+ Jahren multiple
Sklerose für eine psychische Krankheit gehalten haben?

Sind das eigentlich die gleichen, die vor 30+ Jahren Zöliakie für
eine psychische Krankheit gehalten haben?

Das sich als FOLGE der oben beschrieben Ignoranz (aber auch
Unkenntnis, Überforderung, Kostendruck) von Medizinern, und dann auch
von Familienangehörigen, Freunden und Bekannten ("stell dich nicht so
an", "ist ja nur die Psyche") depressive Verstimmungen bis hin zu
Depressionen entwickeln können ist allerdings KEIN Wunder.

Mir drängt sich der Eindruck auf: Noch nicht ausreichend erforschte
Krankheiten oder solche mit hohem Therapieaufwand (Kosten) führen
sehr schnell zur Einschätzung, "ist ja nur die Psyche". Und: Für
Mediziner scheint "Ich weiss es (noch) nicht" ein schwer
ausprechbarer Satz zu sein.

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