08.12.2008 09:55
Die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise stelle heute auch im Bereich der Internetdomains eine rein marktgetriebene Entwicklung in Frage, warnte Everton Lucero, Vertreter des brasilianischen Außenministeriums in Washington beim 3. Internet Governance Forum IGF in Hyderabad. Er bezweifelt, dass ein selbstregulierter Domainmarkt dem öffentlichen Interesse dient, sagte Lucero. "Und da nehme ich es mit jedem hier auf." Lucero sprach sich deswegen für eine Stärkung des Regierungsbeirates der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) aus. Evertons Gegenspieler Richard Beaird, der Vertreter des US-Außenministeriums, unterstrich demgegenüber den Gedanken von der Internet-Ökonomie als Motor der weiteren Entwicklung.
Lucero beklagte sich darüber, dass der Regierungsbeirat innerhalb der ICANN nur eine beratende Rolle habe und dass zu wenige Regierungen überhaupt an den ICANN-Treffen teilnehmen. Vor allem aber stört den Brasilianer wie auch einige andere Regierungen die einseitige Aufsicht der US-Regierung über die DNS-Verwaltung. Dabei differenzierte Lucero klar zwischen unterschiedlichen Organisationen, die sich ums Netz kümmern. Die fünf regionalen Internet IP-Adressvergabestellen (RIR) lobte er ausdrücklich für die reibungslose Arbeit.
"Ich denke, wir sollten in einigen Fällen ganz ohne Regierungen arbeiten", sagte Lucero und wies dabei auf die Standardisierungsorganisationen Internet Engineering Task Force (IETF), W3C und die RIRs hin. Die Alternative sei, alle Regierungen wie bei der International Telecommunication Union oder der UNESCO an Bord zu haben. Es müsse verhindert werden, dass eine einzige Regierung das Sagen hat.
Der chinesische Regierungsvertreter forderte eine offene Diskussion darüber, ob die Aufsicht über das DNS einer Regierung, vielen Regierungen oder einer internationalen Organisation überlassen bleiben solle. Momentan verwalte die Regierung eines einzelnen Landes das Internet, stattdessen solle es besser viele Regierungen oder auch eine gemeinschaftliche Verwaltung durch staatliche und nichtstaatliche Stellen geben.
China gilt seit Langem als eines der Länder, die die DNS-Aufsicht lieber bei der ITU angesiedelt sehen möchten. Eine eigene Netzpolitik-Arbeitsgruppe (PDF-Datei) haben die Mitgliedsstaaten kürzlich bereits eingerichtet, bestätigte der US-Amerikaner Beaird. Das wurde von vielen Beobachtern als erneuter Schritt der ITU gesehen, sich gegen die von ihm kritisierten Organisationen ICANN und IGF in Stellung zu bringen. Beaird und die Chefin der ICANN-Aufsichtsbehörde National Telecommunications and Information Administration (NTIA) versuchten, die Wogen zu glätten, und sagten, alle drei Organisationen hätten ihre Berechtigung und ihre Besonderheiten. Für das IGF gab es von der US-Delegation viel Lob.
Zum 3. Internet Governance Forum siehe auch:
(Monika Ermert) / (Monika Ermert)
/
(ea)
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Permalink: http://heise.de/-187187
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