12.07.2002 17:47
Das Feindbild der Musikindustrie ist sattsam bekannt: Die bösen Tauschbörsen, die bösen CD-Brenner-Hersteller, und natürlich letztendlich CD-Käufer, denen die Lust auf illegale Kopien zur Last gelegt wird.
Die Hysterie macht auch vor gestandenen Musikern nicht halt. So poltert Joachim Witt in einem aktuellen Interview mit Eckie Stieg: "Es ist de facto so, dass alle Künstler mit Einsatzbußen von bis zu 50 Prozent leben müssen." Bei der aktuellen CD des ehemaligen "Goldene Reiters", den unlängst "Die Flut" verschlang, sorgt Sonys Kopierschutz Key2Audio dafür, dass die CD in vielen CD-ROM-Laufwerken nur im Leerlauf dreht.
Witt trägt seine "militante Haltung" stolz zur Schau und fordert eine Unterwanderung der Tauschbörsen sowie drakonische Strafen: "Ich würde auf die CDs zudem Programme einbinden, die das Betriebssystem sofort zerstören, sobald die CD in den Computer geschoben wird. Gnadenlos." Andererseits verurteile er die Kopierer seiner CDs nicht: "Es ist eine ureigene menschliche Eigenart, dass man sich das, was es umsonst gibt, auch ohne Zusatzkosten holt."
Witt will seine Platten als "hochwertige Kunstwerke" verstanden wissen und fordert sogar, dass Radio- und Fernseher Videos und Lieder künftig für die Wiedergabe bezahlen müssen: "Unsere Videos und Songs sind Kunstprodukte, keine Promotionplattform!"
Eine komplett andere Position nimmt die amerikanische Sängerin Janis Ian ein: Kostenlose Musik-Downloads über Tauschbörsen schaden, wenn überhaupt, nur den Megaerfolgen der Musikbranche. Künstlern mit kleinerem Publikum würden Gratis-Downloads hingegen dabei helfen, überhaupt ihr Publikum zu erreichen.
In einem Artikel für die US-Fachzeitschrift "Performing Songwriter Magazine" widerspricht Janis Ian Punkt für Punkt vier Hauptargumenten der Musikindustrie aus einem Schreiben der Vorsitzenden der Vereinigung der amerikanischen Musikindustrie, Hilary Rosen [Download-Link, HTML-Transkript]
Aber auch Janis Ian sieht eine Krise in der Musikindustrie. Sie stellt mehrere Thesen über die Ursachen der Misere auf und nennt auch Möglichkeiten, um gegenzusteuern. Kopierschutzverfahren und eine Sperrung der Tauschbörsen hält sie für einen gravierenden Holzweg: Die Musikindustrie vergesse offenbar, dass Künstler dadurch bekannt werden, dass ein Publikum sie hört.
Gegen Kopiersperren spreche schon der Umstand, dass sie die ehrlichen Käufer bestrafen. Wer mehrmals erlebe, wie Autoradios die Wiedergabe gekaufter CDs verweigern, werde sich spätestens nach dem vierten Mal fragen, warum sie für CDs überhaupt noch Geld ausgeben.
Ians Schlussfolgerung: Sie habe nichts dagegen, wenn die Musikindustrie versuche, ihre Interessen durch hysterische Panikmache zu schützen -- das sei schließlich die Aufgabe der von den Plattenfirmen finanzierten RIAA. Wogegen sie aufbegehre, sei die Behauptung der Musikindustrie, sie veranstalte ihren Zirkus zu Gunsten der Musiker ("I object violently to the pretense that they are in any way doing this for our benefit.").
Für die meisten Künstler liefe ein Plattenvertrag auf ein Verlustgeschäft hinaus; Tourneen seien die einzige Möglichkeit zum Geldverdienen. Angesichts der Hits nudelnden Formatradios böten Tauschbörsen den Musikern eine der letzten Möglichkeiten, überhaupt gehört zu werden.
(ghi)
Version zum Drucken | Per E-Mail versenden | Newsletter abonnieren
Permalink: http://heise.de/-62385