27.07.2010 09:03
Carl Djerassi war in den 50er Jahren maßgeblich an der Entwicklung verschiedener künstlicher Steroide beteiligt. Damals gab es einen dramatischen Wettlauf um die Synthese chemischer Vorstufen menschlicher Hormone, die als Grundstoffe für orale Verhütungsmittel dienten. Djerassis Forschungsgruppe in Mexiko gewann den Wettlauf, und seitdem gilt er als "Vater der Pille" – oder "Mutter", wie er selbst gerne sagt.
In einem ausführlichen Interview mit Technology Review äußerte sich Djerassi nun zum aktuellen Stand der Fortpflanzungsmedizin. Der emeritierte Professor für Chemie an der Universität Stanford hat dabei eine ebenso radikale Haltung wie einst bei der Erfindung der revolutionären "Pille": Er möchte die heutigen Möglichkeiten demokratisieren. "Früher habe ich über den "Verhütungs-Supermarkt" geschrieben, und der fängt nun eben an, sich in einen reproduktiven Supermarkt zu verwandeln." So sei etwa vorstellbar, dass Menschen sich "Spermienkonten" anlegten, sich dann aber die Männer sterilisieren ließen - was seine eigene Erfindung überflüssig machen würde. "Solange garantiert ist, dass eingelagerte Keimzellen später im Leben noch fruchtbar sind – und so weit sind wir mittlerweile bei Spermien auf jeden Fall, bei Eizellen gibt es noch Probleme beim Auftauen –, sehe ich absolut keinen Grund, warum Männer nicht diesen Weg gehen sollten."
Djerassi beschäftigt sich heute vor allem mit den weitreichenden gesellschaftlichen Implikationen seiner Erfindung, in Form von visionären Science-Fiction-Romanen und Theaterstücken über die Zukunft der Fortpflanzung. "Mit Fragen der Entscheidungshoheit, ja Zeugungshoheit befasse ich mich eingehend in meinem neuen Theaterstück Taboos. Die Hauptfigur ist eine Ärztin, die auch auf natürlichem Wege Kinder bekommen könnte, also keine Fruchtbarkeitsprobleme hat. Aber sie entscheidet sich aufgrund ihres Alters für IVF (In-Vitro-Fertilisation), weil sie so die Embryos noch vor der Implantation überprüfen kann."
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