08.01.2009 12:53
Vor 50 Jahren veröffentlichte der österreichische Journalist und Soziologe Peter Ferdinand Drucker in den USA eine Schrift, in der erstmals vom Wissensarbeiter bzw. Knowledge Worker und von der Wissensgesellschaft die Rede war. Anlässlich des Datums startete die tageszeitung eine Artikelserie zum Lernen 2.0. Sie begann mit einem Aufsatz des führenden Theoretikers der IG Metall, Ulrich Klotz. Darin preist dieser den Open-Source-Programmierer als Idealtyp des Wissensarbeiters.
Die Arbeit in modernen Unternehmen pendelt zwischen den Extremen Bore-Out und Burn-Out, zwischen Anwesenheitspflicht und freier Heimarbeit. Einen Ausweg bietet der von Drucker so getaufte Wissensarbeiter: "Ein Wissensarbeiter ist jemand, der mehr über seine Tätigkeit weiß als jeder andere in der Organisation."
Für Ulrich Klotz ist diese Definition auf die Open Source-Produktion übertragbar. Selbsorganisierte Peers, absolute Spezialisten auf ihrem Gebiet, arbeiten hierarchiefrei miteinander, weil ihre "Einnahmen" anders aussehen: "Hier sind die Menschen hoch motiviert und gerne bereit, ihr Wissen und ihre Ideen mit anderen zu teilen – weil ihnen Vertrauen, Respekt, Anerkennung, Fairness und Toleranz entgegengebracht wird." Für den IG Metall-Vordenker ist es ausgemacht, dass Open-Source-ähnliche Arbeitsformen den immer noch herrschenden Taylorismus ablösen werden, in dem der entmündigte Mensch ein Anhängsel der Maschine ist. Zusammen mit dem Prinzip des Crowd-Sourcing könnten gänzlich andere Produktionsformen entstehen. Als Beispiel für seine These und seine Branche führt Klotz den Automobilbauer Fiat an, der den neuen Cinquecento durch die Internetnutzer in einem Concept Lab mitentwickeln ließ. Sie stellten mehr als 250.000 Entwürfe ein, aus denen Fiat lernen konnte, wie sich potenzielle Käufer den neuen Wagen wünschen.
Open Source ist für Klotz mehr als nur ein Ausweg aus der Bredouille. Mit dem Wissensarbeiter werde eine Sackgasse der Zivilisationsentwicklung verlassen, in der Menschen wie Maschinen behandelt wurden. "In einer Welt voller Computer wird das wichtiger, was man Computern (noch) nicht beibringen kann: nämlich die Fähigkeit, intelligent mit Unvorhersehbarem umzugehen." Hier schließt sich gewissermaßen der Kreis, denn auch Peter F. Drucker definierte den Wissensarbeiter als Menschen, der dank seines Wissens auch mit ungewöhnlichen Situationen umgehen kann. In Anlehnung an Drucker wurde aus dem Konzept des Wissensarbeiters die Idee vom Enterprise 2.0 entwickelt.
Der Artikel von Ulrich Klotz ist eine gekürzte Fassung seines Beitrages "Mit dem 'Unternehmen 2.0' zur 'nächsten Gesellschaft'" aus der gewerkschaftlichen Betriebsratszeitung Computer und Arbeit. Wer kann, sollte unbedingt die Fußnoten in dem nicht im Internet verfügbaren Artikel lesen: Hier findet sich unter anderem der Hinweis, dass Ulrich Klotz seine Gedanken erstmals im Jahre 2000 in einer Artikelserie "Das Internet und die Zukunft der Arbeit" veröffentlichte. Diese Artikel wurden vom damaligen IG-Metall-Vorsitzenden als "intergalaktischer Blödsinn" verspottet, obwohl der Autor mit ihnen eine Stiftungsprofessur gewann. (Detlef Borchers) / (Detlef Borchers)
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(jk)
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