03.10.2011 10:52
Vor 50 Jahren: ein Bahnhof für Düsenflugzeuge
Heute vor 50 Jahren wurde in Darmstadt das Deutsche Rechenzentrum (DRZ) gegründet. Anders als die damals "Rechenstellen" genannten Computerinstallationen in physikalisch-technischen Instituten war das DRZ unabhängig von den Hochschulen und stand Wissenschaftlern aller Fakultäten aus ganz Westdeutschland zur Verfügung. Am DRZ analysierten sie mit Unterstützung des Computers linguistische Probleme, die Bundestagswahlen, landwirtschaftliche Preisbildungsprozesse oder die Verteilung von Studenten auf Universitäten durch die ZVS. Dabei arbeiteten sie in "Mönchszellen für Wissenschaftler", die in einem eigens entworfenen Gebäude um den Zentralrechner angelegt worden waren.
In den 50er Jahren war führenden Wissenschaftlern bewusst, das wissenschaftliche Probleme in vielen Disziplinen mit Hilfe der Datenverarbeitung angegangen werden konnten. Eine in der BRD bereits im Jahre 1951 einberufene "Kommission für elektronische Rechenanlagen" konzipierte ein überregionales Rechenzentrum, das als Dienstleistungsunternehmen allen Wissenschaftlern offen stand. Das Rechenzentrum sollte so angelegt sein, dass es bis zum Ende des Jahrhunderts jeweils die neuesten und schnellsten Rechner beherbergte. Hubert Cremer, der 1952 in Aachen das 1. Deutsche Rechenautomaten-Kolloquium (PDF-Datei) veranstaltet hatte, versuchte die Idee hinter der Einrichtung des DRZ Außenstehenden so zu erklären: "Sie müssen sich vorstellen, dass Sie einen Bahnhof für die erste Eisenbahn zu bauen hätten, von dem in absehbarer Zeit aber auch Düsenflugzeuge starten müssen".
Neben den Technikern begrüßten auch Geisteswissenschaftler den Bau des Deutschen Rechenzentrums. Sie schwärmten davon, dass der Einsatz eines Computers und die Programmierung nichtmathematischer Fragen den immer tiefer gewordenen Graben zwischen den literarischen und naturwissenschaftlichen Kulturen zuschütten werde. Das Ende der Zwei Kulturen sei nahe. Innovative DRZ-Mitarbeiter wie der spätere Germanistik-Professor Gerhard Stickel mit seinen am DRZ errechneten Autopoeme wurden als Indiz für dieses Ende genommen.
Die Anfänge des Deutschen Rechenzentrums waren bescheiden. IBM spendete einen Rechner IBM 704 und übernahm die Wartung. In das DRZ konnte er erst 1962 einziehen und wurde nach einem Jahr von einem von der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) und der Stiftung Volkswagenwerk gekauften System IBM 7090 ersetzt, die wiederum von IBM unentgeltlich in eine IBM 7094 umgebaut wurde. Dieser Rechner lief 1966 in drei Schichten rund um die Uhr und wurde von 340 Instituten in Deutschland benutzt. Das danach vom DRZ geplante "Upgrade" auf ein IBM System /360 ging schief. Statt des vom DRZ gewünschten Rechners schaffte die DFG eine TR 440 von AEG Telefunken an. Aus Protest nahm der damalige Direktor seinen Hut, viele Mitarbeiter verließen das DRZ. Das Ende der Idee einer bundesweiten Versorgung mit Rechenkapazitäten kommentiert die Geschichte der Rechenzentren (PDF-Datei) so: "Es wäre gelogen zu behaupten, dass die Länder und die Hochschulen darüber besonders unglücklich waren. Die DFG übernahm durch einen eigenen Mitarbeiter kommissarisch die Leitung des DRZ, das später in eine Darmstädter Dependance der Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung umgewandelt wurde."
Während die Rechner des DRZ längst verschrottet sind, ist das für sie errichtete Gebäude eine Inkunabel der Architekturgeschichte. Es beherbergt heute das Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT), das am 19. Oktober den Geburtstag des Deutschen Rechenzentrums mit einem Festkolloquium begeht. Unter den Rednern ist Dieter Kempf von der Steuerberatungs-Genossenschaft DATEV, Betreiber des kommerziell erfolgreichsten Rechenzentrums Deutschlands. (Detlef Borchers)
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