04.08.2008 18:27
Was wirklich wahr war. (Antworten der ersten rätselhaften Sommernacht)
Möglicherweise war der Sonntagssommer in Deutschland zu schön oder das Thema Olympia nicht wirklich Heise-kompatibel. Oder ich hätte die legendäre Zeile aus dem Sommersong "Stand by me" nicht mit den in die See gespülten Bergen übersetzen sollen, sondern zeitgemäßer mit den brüchig werdenden iPhones, die Kollege vowe zeigt. Wer hält zu uns, Pumba, wenn das iPhone Risse zeigt? Möglicherweise war die Werbung nicht gut genug oder es war das falsche Megafon. Jedenfalls hielt sich der Zuspruch zur ersten Folge des Sommerrätsels in engen Grenzen. Statt Yottabytes Lösungen zu kassieren, wurden ganze drei der 10 Fragen gelöst, ein Verhältnis, das den sportlich getrimmten Rätselerfinder in eine schwere Krise stürzt. Liebend gerne würde ich jetzt Alt-F4 drücken, jenes Kommando, das in Microsoft Multiplan für den Befehl "Alles falsch berechnen" stand und betreten eine Ecke aufsuchen. Rätsel sollen knifflig sein, aber auch gelöst werden können.
Was wirklich wahr war.
Die Frage Nummer 1 war die einzige ohne Sportbezug, denn sie galt dem Geburtstagskind Luigi Colani, der einen LKW für Containertransporte konzipierte. Auf der Basis des Kienzle Laborschreibers dachte sich Colani einen Datenschreiber aus, der ein rund laufendes, mit Metall bedampftes Papierband abnudelt, auf dem elektro-erosiv eine Menge Daten geschrieben werden. "Eine Konvertierstation erlaubt die Umsetzung dieser Codierung auf computerkompatible Datenträger wie Lochstreifen oder auch 1/2"-Magnetband." (Keine Disketten, wir schreiben das Jahr 1977). Gespeichert werden sollte alle 5 Minuten ein Datensatz bestehend aus Uhrzeit, Wegstrecke, Kurbelwellenumdrehungen, Kraftstoffverbrauch, Beladungszustand, Öldruck, Öltemperatur, Kühlwasserstand, Kühlwassertemperatur, Bremsdruck, Reifendruck, Druck im Luftfedersystem und Lenk- und Wartezeit des Fahrers. Wer die Vorschläge heute liest, wird schnell erkennen, dass ein zentraler Datenbus im Fahrzeug geplant wurde, der all diese Daten abgreift.
Wer übrigens das komische Führerhaus der Colani-LKW belächelt, das den Fahrer beim Frontalcrash über den Container wegkatapultiert, sollte noch diese Zeilen lesen: "Liegen haben in einem LKW nichts zu suchen. Ein LKW ist ein LKW und kann kein Schlafzimmer sein. Ein LKW-Fahrer schläft entweder in einem Motel oder daheim. Aber um Himmelswillen nicht in einem LKW, der ja stehen muss, damit dem Gesetz genüge getan ist, Der LKW muss rollen, damit er sein Geld verdient. Am besten 24 Stunden am Tag. Fahrerliegen sind unwirtschaftlich und inhuman und verkehrsgefährdend." Heute sind in den LKW digitale Tachographen installiert, die die jede Fahrzeitüberschreitung merken, während gleichzeitig die Rastplätze so überfüllt sind, dass man über ein Rastplatzreservierungssystem nachdenkt - von speziellen Etappenhotels für LKW-Fahrer keine Spur.
Mit Frage 2 begann der Sportteil des kleinen Sommerrätsels. Das mit freundlicher Genehmigung von IBM aus einer Zeitschrift übernommene Bild zeigt den jungen TeX-Erfinder Donald Knuth, wie er 1958 an einer IBM 650 programmiert. Die Lochkarten hält der in den USA legendäre Basketballtrainer Phillip "Nipp" Heim in der Hand. Knuth entwickelte ein Scoring-System für das von Heim trainierte Team der Case University, an der auch Knuth studierte. Heim rühmte, dass dank der Spieler-Scores von Knuth Case die Meisterschaft in jenem Jahr gewinnen konnte. Mit Knuth begann die systematische Auswertung von Bound und Rebounds und was es sonst noch so neben Nowitzki im Basketball gibt. Den Hinweis auf Knuth als Vater der computergestützten Spielanalyse verdanke ich Leslie Lamport, dem La in LaTeX.
Wie die Links im Rätseltext zur Frage 3 verraten, lieferte IBM die IT der Winterspiele von Lillehammer. Für jeden Athleten wurde dabei ein Mail-Postfach eingerichtet und der Nutzername auf die Rückseite des Athletenpasses gedruckt. Als Passwort wurde standardmäßig der Geburtstag benutzt. Das verführte Journalisten von drei US-Zeitungen dazu, sich in das Postfach der Eiskunstläuferin Tonya Harding einzuloggen, nachdem in einem TV-Interview die Rückseite ihres Ausweises entziffert werden konnte. Noch heute wird der Fall diskutiert, ob Journalisten ethisch korrekt handeln, wenn sie ein privates Mailfach öffnen und lesen. Tonya Harding stand damals im Mittelpunkt des Interesses, weil es Vermutungen gab, sie hätte einen Überfall auf ihre Konkurrentin Nancy Kerrigan veranlasst. Das konnte ihr erst nach den Winterspielen nachgewiesen werden. Olympiasiegerin wurde keine der beiden, sondern Oksana Baiul. Der Streit zwischen Harding und Kerrigan fand 2002 in einer Antitrust-Klage von Sun Microsystems gegen Microsoft einen Nachhall.
Die vierte Frage zum Triumph Alphatronic erntete Kritik, weil sie zu unpräzise war. Reumütig Besserung gelobend muss ich also ergänzen, dass nach dem Projektleiter des Gesamtsystems von Soft- wie Hardware gefragt wurde. Gesucht wurde der Hürdenspezialist und Olympiasieger Martin Lauer, der in Rom die Goldmedaille im 4×100 Meter Staffellauf gewann. Nach der durch einen ärztlichen Behandlungsfehler abgebrochenen Sportkarriere wurde Lauer Schlagersänger. Von 1973 bis 1983 arbeitete Lauer bei Triumph Adler und war für die Entwicklung, Produktion und Vertrieb des Alphatronic verantwortlich. Während sich Lauer erst nach seiner Sportkarriere für die IT-Branche entschied, brach der Landesmeister von Iowa im Turmspringen seine Sportkarriere ab, um sich auf die Ingenieurslaufbahn zu konzentrieren: Frage fünf galt dem Sportler Bob Noyce, einem der Gründer des Chipkonzerns Intel, der unlängst seinen Geburtstag feiern konnte.
Die 6. Frage wurde sofort gelöst, obwohl sie im Test zuvor als besonders schwierig eingestuft wurde. Doch die unbekannte Diskuswerferin Anya Mayor scheint auf ihre Weise mit weißem Hemd und roter Hose eine richtige Fan-Gemeinde zu haben. Vielleicht liegt es auch an dem beworbenen Computer. Mit weißem Trikot und roten Streifen sprang 1972 eine 16-Jährige Unbekannte zur Goldmedaille, über das Computersystem Golym zunächst keine Informationen besaß. Frage 7 galt dem sensationellen Debüt von Ulrike Meyfarth, die jüngste und älteste Goldmedaillengewinnerin im Hochsprung. Heute springt sie für die dubiose Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft nur noch über Bildungsschranken. Was genau der Informatiker Nico Motchebon macht, der mit Frage 8 gesucht und auch gefunden wurde, ist selbst beim Auspeitschen von Google nicht klar ersichtlich. Seine Homepage verweist auf die Wikipedia und umgekehrt, eine klassische Schleife.
Macht man sich mit Rätseln im Umfeld der olympischen Sommerspiele schon zum Multiplikator? Ist es nicht vielmehr so, dass es eine Rätselfreiheit da geben muss, wo es eine Pressefreiheit gibt. Selbst in einem zurechtgestutzten Internet ist jedoch sauberes Recherchieren nicht völlig unmöglich, wie hier gut zu verfolgen ist. Bei der Recherche zur Frage 9 wurde übrigens nicht sauber genug recherchiert und die Wikipedia vergessen. Gründliche Heise-Leser fanden darum einen Hinweis auf die Konstruktion eines Landes namens Chinese Taipei, für das es sich das Internationale Olympische Komitee nicht nehmen ließ, eine Fahne zu gestalten. Die feinen Herren wussten schon früher, das richtige Fähnchen in den Wind zu halten, da braucht man gar nicht bis zu dem Sommerspielen 1936 rückwärts zu blättern.
Empfehlenswert ist indes das Blättern im aktuellen SZ-Magazin. Die Redaktion schrieb 200 deutsche Sportler (von 238, die nach China fliegen) an, ob sie nicht im sicheren Deutschland für die Menschenrechte demonstrieren wollten. Beschämend ist, dass nicht 200, nicht 100, nicht einmal 10 den Mut für eine solche Aktion fanden. Nur neun Sportler sagten zu, womit die Frage 10 mit der Quote 200:9 auch erklärt sein dürfte, komplett mit einer bemerkenswerten Frauenquote. Drücken wir diesen Athletinnen und Athleten die Daumen. (Hal Faber) / (Hal Faber)
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(vbr)










