08.09.2006 11:38
Für neue Diskussionen um Wachkoma-Patienten sorgt der Fall einer 23-jährigen Frau, die nach einem Unfall durch eine schwere traumatische Hirnschädigung in ein Wachkoma gefallen ist. Britische und belgische Wissenschaftler berichten in der aktuellen Ausgabe von Science, dass die Frau sich im "vegetativen Zustand" befand. Sie war nicht ansprechbar und zeigte nach allen üblichen Tests kein Bewusstsein. Fünf Monate nach Beginn des Wachkomas und ohne einen Hinweis auf eine Veränderung ihres Zustands begannen die Wissenschaftler mit einem Versuch, bei dem sie die junge Frau einer funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRI) unterzogen, einem bildgebenden Verfahren, bei dem Stoffwechselvorgänge, die aufgrund von Aktivität in Hirnarealen entstehen, sichtbar gemacht werden können. Ihr wurde gesagt, sie solle sich vorstellen, in Wimbledon Tennis zu spielen oder in ihrem Haus von Raum zu Raum herumzugehen. Beim Scan wurde daraufhin Aktivität in bestimmten Arealen entdeckt, die auch bei Gesunden aktiv sind, wenn sie aufgefordert werden, sich etwas vorzustellen. Zuvor hatten die Wissenschaftler getestet, ob die Patientin auf sprachliche Äußerungen anders reagiert als auf Geräusche. Hier sind Areale aktiv geworden, die mit der Sprache verbunden sind.
Für Adrian Owen, dem Leiter des Experiments, von der Medical Research Council Cognition and Brain Sciences Unit in Cambridge ist dies ein Zeichen dafür, dass die junge Frau, auch wenn sie sich im Wachkoma befindet, sprachliche Aufforderungen verstehen und auf sie antworten kann: "Ihre Entscheidung, mit uns zusammenzuarbeiten und sich nach Aufforderung bestimmte Aufgaben vorzustellen, ist eine deutliche Willensäußerung, die ohne Zweifel bestätigt, dass sie sich ihrer selbst und ihrer Umgebung bewusst ist." Mit der Technik könne man, so hofft Owen, Patienten erkennen, die noch Bewusstsein haben, möglicherweise ließe sich so auch eine Möglichkeit herstellen, mit ihnen zu kommunizieren.
Allerdings ist die Aussagekraft der Untersuchung begrenzt. Es handelt sich nur um eine Patientin, deren Gehirn zudem nicht so schwer geschädigt ist. Schon zwei Wochen nach dem Beginn des Wachkomas hatte sie ihre Augen geöffnet, Wach- und Schlafzyklen wechselten einander ab. Nach der Durchführung der Studie hat die Frau begonnen, auf ihr Spiegelbild zu reagieren. Möglicherweise hat der Gehirnscan daher nur die ersten Anzeichen für ein allmähliches Erwachen aus dem Koma erfasst. Zudem ist fraglich, ob die gemessene Aktivität in den Hirnarealen tatsächlich ein Beweis dafür ist, dass sie auf die Außenwelt bewusst reagiert. Auch Menschen im vegetativen Zustand reagieren manchmal auf ihre Umwelt, ohne dass dies ein Zeichen für eine bewusste oder sinnvolle Antwort ist. Auch Aktivität in Hirnarealen ist nicht notwendigerweise mit Bewusstsein verbunden. Gleichwohl dürfte mit der Studie erneut eine Diskussion über die Befindlichkeit von Wachkoma-Patienten und den vegetativen Zustand sowie der Aussagekraft von bildgebenden Verfahren einsetzen.
Für gewöhnlich wird angenommen, dass Menschen, die sich aufgrund eines Unfalls, einer Hirnblutung oder einer Krankheit im Wachkoma befinden, kein Bewusstsein mehr haben. Sie seien in einem "vegetativen Status", da nur noch das Stammhirn aktiv ist. Im Wachkoma können die Menschen, so wird normalerweise angenommen, nicht mehr auf die Außenwelt reagieren, kommunizieren oder Willensäußerungen zeigen. Die Diagnose ist in aller Regel zugleich eine Prognose, denn man geht davon aus, dass der Ausfall der kognitiven Funktionen in den meisten Fällen irreversibel ist, auch wenn die Menschen im vegetativen Zustand noch viele Jahre leben können. Die Diagnose kann auch eine Entscheidung über Leben und Tod sein, denn bei Wachkoma-Patienten können als "passive Sterbehilfe" lebenserhaltende Maßnahmen wie die Zufuhr von Wasser, Nahrung oder Sauerstoff eingestellt werden, wenn eine Patientenverfügung vorliegt oder dies aus dem mutmaßlichen Willen abgeleitet werden kann.
Ob Patienten im Wachkoma tatsächlich ganz das Bewusstsein verloren haben und nicht mehr auf die Außenwelt reagieren können, ist allerdings ebenso wie die Prognose, dass die kognitiven Funktionen nach einer gewissen Zeit irreversibel verloren seien, umstritten. Das hatte voriges Jahr auch in den USA der Fall Terri Schiavo gezeigt, bei der aufgrund der Entscheidung ihres Mannes nach 15 Jahren im vegetativen Zustand die künstliche Ernährung eingestellt wurde. Zuvor hatte der Fall für heftige Diskussionen bis in die politische Spitze hinein gesorgt.
(fr)
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