19.08.2008 16:56
In den Lehranstalten der nordrhein-westfälischen Stadt Würselen kommt seit Beginn des Schuljahres 2008/09 ein neues Lehrmittel zum Einsatz: Sowohl im öffentlichen Gymnasium als auch in der Realschule der im Kreis Aachen gelegenen 38.000-Einwohner-Stadt wurden sogenannte Notebook-Klassen eingerichtet. Rechnet man die Hauptschule, die sieben Grundschulen und die Förderschule von Würselen hinzu, sollen im Rahmen des zunächst auf vier Jahre angelegten Projekts Lemmon ("Lernen mit modernen Medien online") künftig rund 220 Lehrer und zirka 3700 Schüler in Würselen schulische Arbeiten mit dem Laptop erledigen – vom Unterricht in den Klassen über Leistungstests bis hin zu den Hausarbeiten der Schüler.
Am Gymnasium Würselen spielen Notebooks seit Beginn des neuen Schuljahres eine zentrale Rolle.
Die Stadt Würselen investiert eigenen Angaben zufolge 2,4 Millionen Euro in das Lemmon-Projekt. Das Geld fließt in Hardware, Software und Dienstleistungen – darunter eine zentral verwaltete IT-Infrastruktur mit Rechenzentrum für Daten, Programme, Internetzugang und Administration der mobilen Endgeräte, die in den Schulen über WLAN angebunden werden. Ziel der Stadtverantwortlichen ist es, dass mittel- bis langfristig jeder Lehrer und Schüler in Würselen über ein eigenes Notebook verfügt. Mit dem Systemhaus Bechtle, der Kommunalen Einkaufsplanung AG und dem chinesischen Produzenten Lenovo wurde dazu über die Lieferung der benötigten Endgeräte-Hardware verhandelt.
Zwar verfügt jede Schule über jeweils zwei sogenannte Notebook-Wagen mit insgesamt 36 Laptops, die für Unterrichtszwecke genutzt werden können, doch sind die Eltern zumindest an den weiterführenden Schulen angehalten, eigene Lenovo-Notebooks für ihre Sprösslinge zu kaufen oder zu leasen. Beim Leasing-Modell zahlen die Eltern nach derzeitigem Stand viereinviertel Jahre lang monatlich eine Rate von 29,50 Euro für ein Lenovo ThinkPad der R-Serie. Der Schüler kann das Gerät in dieser Zeit auch privat nutzen. In den Gesamtkosten von 1504,50 Euro sind Software- und Lernprogramme ebenso enthalten wie eine Diebstahlversicherung sowie eine Versicherung gegen selbstverschuldete Schäden mit Eigenbeteiligung. Zudem wird eine Wartung und Aktualisierung der Notebooks garantiert. Wer nicht in der Lage ist, die monatliche Rate aufzubringen, kann über einen Sozialfonds Unterstützung beantragen.
Statt Stift und Heft nutzen Würselener Schüler künftig verstärkt Nummernblock und Return-Taste.
Softwareseitig kommen Windows Vista, MS Office sowie das auf weiteren Microsoft-Produkten basierende Lernportal IQ:on Professional 2008 von Conciety zum Einsatz. Letzteres bildet Unternehmensangaben zufolge die alltäglichen Abläufe der Schule ab und ermöglicht den Nutzern etwa über SQL-Server den Zugriff auf alle in den Schulen zur Verfügung stehenden digitalen Medien. Über IQ:on lassen sich lehrerseitig zudem Aufgaben zuweisen, Arbeitsbereiche verteilen oder Lernstandskontrollen durchführen. Eine sogenannte Klassenraum-Steuerung ermöglicht es den Lehrkräften, Funktionen auf den Schüler-Notebooks durchgehend zu kontrollieren und anzupassen.
Mit dem in dieser Größenordnung in der Bundesrepublik bislang einzigartigen Projekt würden den Kindern "praktikables Wissen und brauchbare Werkzeuge zur optimalen Qualifikation für Ausbildung und Studium" vermittelt, erklären die Lemmon-Initiatoren. Eine kontinuierliche Nutzung der Notebooks in verschiedenen Fächern und daheim vermittle den Schülern innerhalb von etwa drei Jahren Qualifikationen, wie sie zum Beispiel im "Europäischen Computerführerschein" aufgelistet seien. Zudem stärke die Arbeit mit Laptops das eigenverantwortliche Lernen der Schüler, fördere ein offene Kommunikation zwischen Lehrern und Schülern und stärke den Teamgeist.
Die Lemmon-Verantwortlichen berufen sich bei diesen Angaben unter anderem auf die Studie "Notebooks in der Hauptschule. Eine Einzelfallstudie zur Wirkung des Notebook-Einsatzes auf Unterricht, Lernen und Schule", die im Sommer 2006 im Auftrag der Stiftung Bildungspakt Bayern durchgeführt wurde (PDF-Datei), sowie die Zusammenfassung verschiedener internationaler Studien zum Thema "Notebooks in der Schule" (PDF-Datei) von Heike Schaumburg, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Humboldt-Universität Berlin. Überzeugt haben die Argumente aber offenbar noch nicht alle Pädagogen in Würselen: Das von der Missionsgesellschaft der Spiritaner getragene private Heilig-Geist-Gymnasium nimmt an dem Notebook-Projekt nicht teil.
(pmz)
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