28.11.2006 16:49
Rund zehn bis fünfzehn Prozent des weltweit geschlagenen Holzes werden Schätzungen zufolge zu Papier verarbeitet: Bücher, Toilettenpapier, Zeitungen, Verpackungsmaterial – und auch Kopierpapier. Dessen Verbrauch steigt trotz (oder gerade wegen) der zunehmenden Verbreitung von Computern kontinuierlich an. So kopieren beispielsweise Büroangestellte in den USA laut einer Untersuchung des Drucktechnik-Spezialisten Xerox jeden Monat durchschnittlich 1200 Seiten, knapp die Hälfe davon dient der Visualisierung tagesaktueller Informationen, jede fünfte Seite verschwindet bereits am Abend im Mülleimer.
Die Aufgabe von Papier in modernen Büros hat sich grundlegend gewandelt, erläutert Brinda Dalal vom Palo Alto Research Center (PARC). Es ist nicht mehr vorrangig ein Langzeit-Speichermedium – diese Aufgabe haben PCs und Server übernommen –, sondern dient inzwischen vor allem als temporäres Präsentationsmedium für zeitnahe Informationen. Gemeinsam mit Chemikern des Xerox Research Centre of Canada (XRCC) sucht Dalal deshalb nach Wegen, wie man ein Stück Papier mit immer neuen Informationen beschriften kann, ohne es zuvor entsorgen und recyceln zu müssen.
Neu ist diese Idee allerdings nicht: Bereits in den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelten Firmen wie Ricoh oder die US-Firma "imageX" Geräte, die Toner mittels chemischer Substanzen von einer Papierseite entfernen konnten. imageX brachte den sogenannten Dekopierer auf den Markt, der pro Sekunde 60 Seiten säubern und eine Investition von 90.000 US-Dollar innerhalb von 18 Monaten amortisieren sollte. Nur Käufer ließen sich für den Dekopierer nicht finden. Auch das System der Japaner, das eine zehnmalige Nutzung von Papierseiten für Kopiervorgänge vorsah, ist längst in der Versenkung verschwunden.
Die Projekte scheiterten nicht zuletzt an niedrigen Papierpreisen, hohen Anschaffungskosten der Multiple-Use-Systeme und am Aufkommen einer neuen Technik: dem elektronischen Papier, das sich aber bis heute ebenfalls nicht durchsetzen konnte. Warum Xerox sich erneut am mehrfach nutzbaren Kopierpapier versucht? "Leute mögen Papier", erklärt Eric Shrader vom Hardware Systems Laboratory des PARC, der Ideenschmiede von Xerox, wo schon Sachen wie der Laserdrucker, die erste grafische Benutzeroberfläche (GUI) oder auch das Ethernet erfunden wurden. "Sie mögen einfach das Gefühl, Papier in der Hand zu haben."
Gegenüber früheren Ansätzen unterscheidet sich das Konzept von Xerox vor allem dadurch, dass keine Maschine mehr nötig ist, die das Papier vom Toner befreit, sie also quasi wieder sauber wäscht. Vielmehr kommt eine Art umgepolte Geheimtinte zum Einsatz: Auf den von Xerox entwickelten und zum Patent angemeldeten "Transient Documents" (flüchtige Dokumente) verschwindet Schrift nach spätestens 16 Stunden von selbst – ideal also für den Tagesablauf in Büros. Und nach Hitzeeinwirkung soll sich eine Seite sofort wieder für den nächsten Kopiervorgang nutzen lassen. Grundlage des sich selbst löschenden Papiers ist eine spezielle Photochrom-Beschichtung, die bei Absorption bestimmter Wellenlängen ihre Farbe ändert. Schrift auf den gelblichen Transient Documents erscheint derzeit lila.
Noch sei das Projekt aber im Experimentierstadium, heißt es bei Xerox. Bis zur Marktreife müsse unter anderem ein stärkerer Kontrast sowie eine genauere Kontrolle darüber erreicht werden, wie lange Schrift bei unterschiedlichen Umgebungsvariablen sichtbar bleibt. Um in Konkurrenz zu herkömmlichem Papier treten zu können, dürften Transient Documents auch nicht mehr als das Dreifache gegenüber normalem Kopierpapier kosten. Dann aber, so Xerox, könne man potenziellen Kunden eine deutliche Reduzierung der Ausgaben für Kopier-Verbrauchsmaterialien in Aussicht stellen. Die Häufigkeit der Wiederbeschriftung sei letztlich nur durch die Lebensdauer des Papiers selbst begrenzt.
(pmz)
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