Hintergrund 03.01.2008 18:30
Es ist fast ein ungeschriebenes Gesetz: Kaum kommt ein Gerät auf dem Markt, dessen Elektronik ein wenig intelligenter ist als die eines Fernsehers, formiert sich auch schon die Linux-Community und setzt alle Hebel in Bewegung, um das freie Betriebssystem darauf zu portieren. Dabei ist es völlig egal, ob es um DSL-Router, PDAs oder Spielekonsolen geht – überall soll der Pinguin Fuß fassen.
Der Auslöser für das Engagement, Linux auf ein bestimmtes Gerät zu bringen, ist oft eine fehlende Funktion in der Original-Firmware, irgendwelche durch den Anbieter auferlegte Nutzungsbeschränkungen oder auch einfach nur die Lust am Basteln. Selbst wenn der Hersteller schon Linux als Firmware ausliefert, heißt das nicht, dass die Community nicht eine eigene, unbeschränkte Linux-Portierung entwickelt, mit der der Anwender zum Beispiel seinen Router um Voice-over-IP- oder VPN-Funktionen erweitern kann.
Bei den Herstellern treffen diese Projekte allerdings nur selten auf Gegenliebe, insbesondere wenn dadurch Funktionen bei Consumer-Geräten nachgerüstet werden können, die sonst den teuren Business-Modellen vorbehalten sind. Man fürchtet schwindende Verkaufszahlen. Daher unterstützt man die Entwickler weder mit Testgeräten noch stellt man irgendwelche Informationen über die Interna der Geräte zur Verfügung. Die Linux-Community betritt quasi wie ein moderner Entdecker unkartographiertes Gebiet und muss sich sämtliche Informationen mühsam selbst beschaffen. Man mag es kaum glauben, aber diese Herkules-Arbeit macht den Computer-Spezialisten durchaus Spaß.
Spielekonsolen sind für die Linux-Entwickler besonders interessant: Hier bekommt man für kleines Geld sehr leistungsstarke und wohnzimmertaugliche Hardware, die zudem noch von den Herstellern subventioniert wird. Der Verkaufspreis einer Microsoft Xbox liegt zum Beispiel deutlich unter dem Herstellungspreis. Das große Geld wird mit dem Verkauf der Spiele gemacht. Dementsprechend argwöhnisch stehen die Hersteller den Bestrebungen gegenüber, die subventionierte Hardware zum Beispiel als billige Rechenknechte in Rechenclustern zu missbrauchen.
Die Angst vor Raubkopierern und sogenannten Mod-Chips, mit denen sich Regionalbeschränkungen und Kopierschutz aushebeln lassen, hat dazu geführt, dass heutige Konsolen wie die Microsofts Xbox, Sonys Playstation 3 und die Nintendo Wii vor Verschlüsselungs- und Authentifizierungs-Algorithmen nur so strotzen. Teilweise kommunizieren selbst die einzelnen Chips im Gerät nur verschlüsselt miteinander, um einem Dritten keine Möglichkeit zu geben, etwas über die Interna zu erfahren oder einen weiteren Chip einzuschleusen.
Es soll möglichst nur geprüfte und entsprechend autorisierte Software ausführbar sein, damit niemand mit selbstgeschriebenen Programmen die Schutzmechanismen umgehen kann. Darunter fällt natürlich auch Linux. Eine rühmliche Ausnahme ist die Playstation 3, hier erlaubt Sony explizit, Linux zu verwenden. Allerdings läuft das System in einer virtuellen Maschine, die es Linux unmöglich machen soll, direkt auf die Hardware zuzugreifen und zum Beispiel die Verschlüsselung auf dem HDMI-Ausgang abzuschalten, hohe Grafikauflösungen zu verwenden oder auf den normalerweise gesperrten siebten Cell-Prozessor zuzugreifen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Linux-Entwickler gegen die Beschränkungen der Playstation 3 rebellieren und einen Weg suchen, Linux nativ zu betreiben.
Der erste Schritt für die Portierung von Linux auf eine aktuelle Spielekonsole ist, irgendwie ein eigenes Programm einzuschmuggeln. Dabei ist den Hackern nichts heilig: Sie brechen Gehäuse auf, tauschen Chips aus, fügen eigene Mikroprozessoren hinzu und schicken die Platinen sogar zum Röntgen, wenn sie herausfinden wollen, ob zum Beispiel ein bestimmter Pin eines Chips irgend wo angezapft werden kann. Der Königsweg ist allerdings, über Schwachstellen der Original-Firmware eigene Programme ohne jede Modifikation der Hardware einzuschleusen – nicht zuletzt, weil die Hersteller gegen die Verkäufer modifizierter Konsolen oder Mod-Chips rechtlich vorgehen. Eine Demonstration eines Einbruchs ohne Hardware-Modifikation war für Microsofts Xbox und Nintendos Wii erst vergangene Woche auf dem 24. Chaos Communication Congress in Berlin zu sehen.
Der Wii-Hack ist für das WiiLi-Projekt besonders interessant: In der Hoffnung, irgend wann einmal eine Schwachstelle ausnutzen zu können, hat man dort bereits vor Monaten ein komplettes Linux-System für die Wii entwickelt und Gelder für verschiedene Aktivitäten gesammelt. Jetzt, wo eine Lücke gefunden ist, dürfte es nicht mehr lange dauern, bis der Pinguin auch auf der Wii heimisch wird. Und wer weiß, auf wie vielen Geräten in Zukunft noch.
Für die Anwender bleibt zu hoffen, dass es auch in Zukunft noch möglichst viele dieser Enthusiasten gibt, die sich in ihrer Freizeit mit der Verbreitung von Linux beschäftigen. Einmal bereichern sie das Betriebssystem um neue Anwendungsmöglichkeiten, und zum anderen hat der Nutzer eine völlig freie Alternative zur diktierten Firmware der Hersteller. Denn immer öfter dürfen Geräte nur noch viel weniger leisten, als sie wirklich könnten, weil irgend jemand ein Interesse daran hat, die Benutzer einzuschränken. Linux kennt diese Schranken zum Glück nicht. (mid)
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