Hintergrund 18.03.2010 19:24
Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie das Thema "Desktop" unter Linuxern die Gemüter erhitzt. Da vergleichen die Vieltester von Phoronix die populären Linux-Desktops KDE, Gnome, Xfce und LXDE, und schon kocht die Stimmung fast über.
Dabei ist der Phoronix-Test reichlich dünn: Man hat lediglich auf einem einzigen Netbook mit 2 GByte RAM den Speicherverbrauch und die Stromaufnahme unter den Standard-Ubuntu-Installationen der Desktops in einigen wenigen, nur unscharf definierten Situationen gemessen. Keine Messungen unter anderen Desktop-Konfigurationen oder auf Rechnern mit unterschiedlicher RAM-Ausstattung. Kein Vergleich von Benutzerfreundlichkeit, Übersichtlichkeit oder Leistungsfähigkeit. Kein Wort zu den zum Desktop gehörenden Anwendungen. Keine Geschwindigkeitsmessungen, keine Aussagen zur Anpassparkeit, keine Stabilitätstests.
Mehr als eine Tendenzaussage zu einem von vielen Aspekten, die bei der Wahl des Desktops eine Rolle spielen können, lässt sich aus der Phoronix-Studie also nicht ableiten. Und die lautet platt: Der belegte Speicher nimmt (bei ordentlicher RAM-Ausstattung) von KDE 4 über Gnome und Xfce zu LXDE ab. In der Redaktion hat dieses Ergebnis niemanden besonders überrascht, zumal es sich mit den Erfahrungen deckt, die wir vor einigen Jahren auf Rechnern mit knappem Speicherausbau gemacht haben (Pinguin im Oldtimer, c't 21/05, S. 118) – damals natürlich noch mit KDE 3.
Man kann halt nicht gleichzeitig coole Optik, moderne Architektur, viele Funktionen, umfassende Konfigurierbarkeit und einen geringen Ressourcenverbrauch haben. Wenn es nur auf den Speicherhunger ankäme, würden wir heute noch mit den einfachen Fenstermanagern aus dem letzten Jahrhundert arbeiten.
Aber einige KDE-Fans waren ungeheuer empört. Die Argumentation ging dann ungefähr so: Die Messungen von Phoronix benachteiligen KDE, außerdem stimmen sie nicht, und wenn sie doch stimmen, spielen 100 MByte RAM mehr oder weniger heutzutage eben keine Rolle. Und auch die KDE-Hasser waren in ihrem Element, bestätigten ihnen die paar Zahlen von Phoronix doch alles, was sie schon immer schlecht fanden an KDE: Wahlweise "zu fett", "zu instabil", "zu verspielt", "völlig an den Bedürfnissen der Anwender vorbei" oder was immer sonst. Bei dem einen User läuft KDE 4 auf einer uralten 1-GHz-Maschine wie eine Eins, ein anderer kann mit seinem 2-GByte-Trumm erst vernünftig arbeiten, seit der KDE durch LXDE ersetzt hat. So sind die Ansprüche (und die User) halt verschieden.
Was die ganze Zankerei so absurd macht, ist der Umstand, dass zwischen den Entwicklern der verschiedenen Desktops überhaupt keine Rivalität besteht. Die Gnome- und KDE-Macher veranstalten ihre Entwicklerkonferenzen Guadec und Akademy dieses nächstes Jahr wie schon 2009 gemeinsam, weil die Entwickler beider Projekte von der Zusammenarbeit und dem Austausch profitieren. Bei Freedesktop.org finden alle Desktopumgebungen eine gemeinsame Heimat – und die Grundlagen zur Kooperation.
Jede Desktop-Umgebung hat ihre eigenen Ansprüche und Präferenzen, ebenso wie jeder Nutzer andere Bedürfnisse hat. Das Schöne an Linux ist doch gerade die Auswahl: Wenn Gnome Ihren alten Rechner in die Knie zwingt, nehmen Sie eben den schlankeren LXDE-Desktop oder gleich einen einfachen Fenstermanager; und wenn Ihnen Xfce zu unflexibel und spartanisch ist, passt vielleicht KDE. Aber nur weil ein Desktop den eigenen Bedürfnissen nicht entspricht, ist er deswegen nicht unbrauchbar. Ein bisschen mehr Gelassenheit wäre angebracht – so, wie es die Entwickler vormachen. (odi)
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