Viren frei Haus
Das Sammeln, Lagern, Prüfen, Konfigurieren, Transportieren und anschließende Installieren der Hardware verbraucht den mit Abstand größten Teil der Zeit- und Finanzressourcen von Linux4Afrika: Ohne verlässliche Hardware wären die Ziele des Projekts unerreichbar. Die Bedeutung der auf den Maschinen eingesetzten Software tritt dabei leicht in den Hintergrund – zu Unrecht, denn gerade hier zeigen sich die besonderen Stärken des Projekts.
Afrikanische PCs arbeiten, wie in Europa, fast immer mit Windows. Gültige Lizenzen aktueller Windows-Versionen sind allerdings die Ausnahme; veraltete, virenverseuchte, instabile Rechner hingegen die Regel. Wenn Hans-Peter Merkel E-Mails von Nutzern afrikanischer Windows-Computer erhält, sind im Anhang fast immer ungebetene Gäste zu finden. Als Linux-Anwender sieht er solchen Bedrohungen gelassen ins Auge, die zugrunde liegenden Probleme beschäftigen ihn stärker.
"Bei meiner Arbeit als IT-Trainer in Entwicklungshilfe-Projekten habe ich viele hoch motivierte, junge Afrikaner kennen gelernt, die mit Begeisterung an Linux herangegangen sind. In ihrer Heimat stoßen sie aber auf erheblichen Widerstand und Aussagen wie 'Was sollen wir mit Linux? Windows ist für uns auch kostenlos!'. Wenn wir Linux in afrikanische Schulen bringen, bieten wir jungen Menschen schon früh eine Alternative zur Abhängigkeit von Microsoft." Merkel sucht nach Wegen, die digitale Kluft zu überwinden. Freie Software kann dazu wesentliche Beiträge leisten.
In ihrer aktuellen Version setzt die Linux4Afrika-Installation auf Debian 5
Im Fall der von Linux4Afrika konzipierten Schulnetzwerke spielt Edubuntu die zentrale Rolle, ein mit dem Linux Terminal Server Project (LTSP, siehe Artikel Das Linux Terminal Server Project) und zahlreichen Lernprogrammen ausgestattetes Ubuntu-Derivat. In Zukunft soll, auch dank immer leistungsstärkerer Gebraucht-Hardware, statt des LTSP die Terminalserver-Software x2go zum Einsatz kommen. Damit verbunden ist ein Wechsel zu Debian 5, schulspezifische Bausteine steuert Skolelinux bei. Unverändert bleibt der für den Start der Clients verwendete Netzwerk-Bootloader. Hier arbeitet ebenfalls freie Software, die von Linux4Afrika selbst gebrannten Boot-ROMs enthalten das aus dem Etherboot-Projekt hervorgegangene gPXE.
Umfangreiches Lernangebot
Der konsequente Einsatz freier Software setzt sich aus Anwendersicht fort. Den Schülern steht ein reichhaltiges, wenn auch stark naturwissenschaftlich ausgerichtetes Angebot verschiedener Lernprogramme zur Verfügung. Pädagogisch orientierte Spiele sind ebenfalls vertreten, darüber hinaus können die Schüler den Umgang mit wichtigen Standardprogrammen wie OpenOffice erlernen.
Als Ausgleich für die in den Schulen meist fehlende Internetanbindung hält der Server einen LAMP-Stack mit CMS-Werkzeugen wie WordPress und Typo3 bereit, ebenso eine Installation des Lernmanagement-Systems Moodle (siehe Artikel Die freie Lernplattform Moodle). Ein lokaler Mailserver bietet eine Plattform zum Erlernen grundlegender Kommunikationstechniken, auch Programme für das Chat-Protokoll Jabber/XMPP sind mit an Bord. Ein Snapshot der Wikipedia dient als universelles Nachschlagewerk.
Um aufwändige und fehlerträchtige Installationsarbeiten in Afrika zu vermeiden, gehen sämtliche Rechner vollständig vorkonfiguriert und einsatzbereit auf die Reise. Die Festplatten der Server enthalten zudem eine leicht aktivierbare Rettungspartition zur Wiederherstellung des Systems nach fatalen Fehlkonfigurationen und ähnlich gelagerten Problemen. Weitergehende Reparaturen, etwa den Austausch defekter Festplatten, übernehmen die jeweiligen Partner vor Ort, etwa Cenfoss in Mozambik, Hilltop Centre in Südafrika und Agumba Computers in Tansania.
Einige Partner können auch die Inbetriebnahme neuer Klassenzimmer-Netzwerke schultern, zumindest für eine erste grundlegende Schulung rund um das Terminalserver-System wird aber doch das Fachwissen von Linxu4Afrika benötigt. In der Vermittlung von Wissen und Erfahrung sieht Hans Peter Merkel auch einen Schwerpunkt für die Zukunft von Linux4Afrika. Ein aktuelles Projekt sieht beispielsweise gar keine Hardware-Lieferungen, sondern die Einweisung eines IT-erfahrenen Schülers in die Funktionsweise der von Linxux4Afrika zusammengestellten Terminalserver-Installation vor. Als Trainer wird er diese Kenntnisse an die Projektpartner vom Hilfskorps Sankt Lazarus weitergeben, die sich zudem eigenständig um das Sammeln der für den Kongo bestimmten Hardware kümmern.
Neue Perspektiven verspricht auch die von Linux4Afrika unlängst auf der Bildungsmesse Didacta vorgeführte Kopplung von OLPC-Laptops an einen Terminalserver. Hier hat ein ebenfalls von der UN-Dekade ausgezeichnetes Projekt in Ghana Interesse angemeldet. Eine derzeit angedachte Kooperation mit dem deutschen Verein Ingenieure ohne Grenzen verspricht Lösungsansätze für ein allgegenwärtiges, grundsätzliches Problem: Anstelle der bestenfalls lückenhaften und unzuverlässigen, oft aber gar nicht vorhandenen Netzstromversorgung soll Solarstrom für den PC-Betrieb genutzt werden. Ein mobiles Klassenzimmer mit 20 Spenden-Laptops aus den USA und einer von Linux4Afrika installierten Linux-Basis soll den Anfang machen.
Offenbar kann auch Mikro-Arbeit einiges bewirken. (odi)








