Lieber Herr Sicking,
zunächst vielen Dank für Ihre anerkennenden Worte und die guten Wünsche , die ich erst gestern nach meiner Rückkehr nach Deutschland gelesen habe. Es freut mich, unseren kleinen Dialog aus dem letzten Jahr über die Parallelen zwischen Wirtschaft und Sport im allgemeinen sowie der Dakar im besonderen fortzusetzen.
Was Ihre Einschätzung zu den Erfolgsfaktoren anbelangt: Hier liegen Sie in meinen Augen genau richtig. Natürlich muss jeder selbst entscheiden, welches Ziel er verfolgt: Ist es der kurzfristige persönliche Erfolg – z. B.: "Nach der 3. Etappe raus aber wenigstens selbst gefahren" – oder doch eher die langfristige Perspektive wie: "Bestmögliches Abschneiden des Teams im Ziel der Rallye"?
Ich strebe nach langfristigem Erfolg - und das geht nur im Team aus Spezialisten.
Dr. Thomas M. Schünemann, Geschäftsführer der HS Hamburger Software GmbH und Rallye-Dakar-Teilnehmer
Im Grunde gilt der Ansatz, "Leute an Bord zu holen, die für die Lösung bestimmter Aufgaben besser geeignet sind als man selbst”, überall dort, wo Erfolg aus dem Zusammenspiel unterschiedlicher Stärken entsteht. Sei dies bei bestimmten Sportarten oder im Unternehmen.
Natürlich schadet es nichts, wenn man von möglichst vielen Dingen etwas versteht, so durchaus auch einmal selbst Hand anlegen kann und sich dazu auch nicht zu schade ist. Man sollte sich jedoch schleunigst von der Vorstellung verabschieden, in allem auch der Beste zu sein. Die Konzentration auf die eigenen Stärken und das Besetzen der erfolgskritischen Positionen mit den an diesen Stellen geforderten Experten, das sind die Schlüsselfaktoren für Erfolg – auch im Unternehmen.
Die diesjährige Dakar hat uns vor besondere Herausforderungen gestellt: Mit dem in erster Linie für unsere Team-Kollegen Mattias Behringer, Hugo Kupper und Sigi Schadl sehr bedauerlichen Ausfall des Trucks am 6. Renntag sind Matthias Kahle und mir natürlich auch die Service-Spezialisten für den Notfall im Rennen verloren gegangen. So haben wir mehrfach in Eigenregie die notwendigsten Reparaturen während des Rennens vornehmen müssen. Nach 16 Tagen so gut abschneiden konnten wir jedoch nur, weil die echten Experten für diese Aufgabe den Wagen abends und nachts im Biouvac dann regelmäßig wieder auf Vordermann gebracht haben.
JFK hat das einmal schön auf den Punkt gebracht: "Ein gescheiter Mann muss so gescheit sein, Leute einzustellen, die viel gescheiter sind als er."
Natürlich lassen sich weitere Parallelen zwischen Sport und Unternehmensführung bzw. Wirtschaft ziehen. Wie Sie treffend anmerkten, wird sowohl im Wirtschaftsleben als auch im Sport zum Teil mit harten Bandagen, zum Teil aber auch unfair gekämpft. Der Unterschied ist, dass im Sport sehr viel klarer geregelt ist, was fair und was unfair ist. Sicher gibt es auch für die Wirtschaft gesetzliche "Spielregeln" – jedoch ist der nicht geregelte Bereich sehr viel weitläufiger, als im Sport. So müssen wir uns darauf verlassen, dass alle wissen: Nicht alles Nichtverbotene ist auch gleichzeitig gesellschaftlich sanktioniert. Oder anders gesagt: Was das Gesetz noch erlauben mag, mag der Anstand dennoch verbieten. – Hier haben die Erfahrungen der letzten Jahre sehr deutlich gezeigt, dass leider nicht alle Marktteilnehmer dieselben Wertvorstellungen haben. Um eine lokalpatriotische Lanze zu brechen: Eine Rückbesinnung auf die Tugenden hanseatischer Kaufleute ist dringend notwendig.
Natürlich versuchen auch im Sport die "großen Player", in ihrem Sinne Einfluss auf Regeln und Rahmenbedingungen zu nehmen. Dies zeigen nicht zuletzt Beispiele wie der handfeste Streit um die Formel-1-Reglements oder die aktuelle Diskussion um den künftigen Austragungsort der Dakar. Auch hier besteht eine Parallele zur Wirtschaft. Wichtig ist in solchen Fällen eine starke Interessenvertretung auch der "kleineren" Mitspieler, die im Dialog mit den Regelverantwortlichen steht. Nach meiner Erfahrung lässt sich in einer ruhigen, sachlichen Kommunikation im Regelfall mehr erreichen, als in einer in Hinblick auf große Medienwirksamkeit geführten Diskussion. Daher bin ich im Moment noch nicht so weit, ein Schweigen des BITKOM nach außen als Fehlen eines solchen Dialogs zu werten. Wir werden sehen.
Lieber Herr Sicking, gern wiederhole ich meine Einladung aus dem letzten Jahr. Vielleicht haben Sie ja einmal Lust und Gelegenheit, unser Gespräch persönlich fortzusetzen. Ich würde mich freuen.
Ihr
Dr. Thomas M. Schünemann
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