Alain Maquet, Senior Executive Vice President EMEA, Ingram Micro
Lieber Alain Maquet, EMEA-Chef von Ingram Micro,
Sie wurden vor Kurzem zum EMEA-Chef von Ingram Micro ernannt und sind damit der Vorgesetzte von Gerhard Schulz, der für Zentral- und Osteuropa verantwortlich ist. Gestern waren Sie zu Besuch in der Ingram-Micro-Dependence in Dornach bei München und hatten auch ein bisschen Zeit für uns Medienvertreter mitgebracht. Natürlich aus unserer Sicht viel zu wenig Zeit, aber klar, so ein EMEA-President und Senior Executive Vice President wie Sie hat eine Menge um die Ohren, das muss man verstehen. So ein Mensch lebt ja praktisch aus dem Koffer, heute hier, morgen dort, kaum ist er da, muss er auch schon wieder fort. Wenn man so etwas mag, ist das sicher ein toller Job und man lernt eine Menge Flughäfen kennen. Na gut, das ist ein Thema für sich.
Wenn man so will, waren Sie gestern zum Antrittsbesuch in Dornach. Bei solchen Terminen kommt ja inhaltlich meistens nicht soooo viel rum. Es geht dabei ja auch in erster Linie um etwas anderes, ich weiß nur nicht genau, was. Na ja, egal, das schöne an diesen Terminen ist aus journalistischer Sicht, dass man danach fast nie dümmer ist als vorher. Oder sagen wir es positiv: Ein bisschen nimmt man doch immer mit nach Hause. Gestern erfuhr ich zum Beispiel, dass sich nicht nur in Deutschland viele IT-Händler darüber ärgern, dass die E-Tailer günstigere Preise haben als ihre Distributoren, sondern auch in anderen europäischen Ländern. Das ist zwar kein Trost für die Händler, aber man arbeitet zusammen mit den Herstellern an dem Problem, sagten Sie.
Ja, lieber Herr Maquet, wirklich schade, dass Sie nur eine gute halbe Stunde Zeit hatten, denn ich hätte mit Ihnen so gerne über ein Thema gesprochen, das mich schon lange interessiert: das Verhältnis von Franzosen und Deutschen. Sie sind ja ein Franzose – und nebenbei bemerkt, Sie sehen auch so aus wie ein Darsteller in einem Chabrol-Film, wenn Sie mir diese Bemerkung erlauben (fehlte nur die Gauloise) –, und Gerhard Schulz, der an Sie berichtet, ist Deutscher. Ein Franzose und ein Deutscher – das kann funktionieren, muss aber nicht. Man kann sich in so einer Konstellation auch grandios missverstehen, gar nicht mal aus böser Absicht, sondern einfach weil die kulturellen Hintergründe so verschieden sind, auch im Geschäftsleben.
Lieber Monsieur Maquet, als ich die Einladung zum gestrigen Termin mit Ihnen erhielt, erinnerte ich mich an einen Aufsatz eines Franzosen, der über eben dieses Thema schrieb: die Unterschiede zwischen Deutschen und Franzosen im Business. Dieser Mann heißt Denis Jeanson, und er betreibt in München die Unternehmensberatung "djconseil", die sich auf die Zusammenarbeit zwischen deutschen und französischen Firmen spezialisiert hat. Jeanson also hatte vor etwas mehr als einem Jahr in der Süddeutschen Zeitung (SZ) einen längeren Aufsatz veröffentlicht mit der Überschrift "Franzosen sind anders, Deutsche aber auch", Untertitel: "Nicht nur bei Airbus: Woran es oft hakt, wenn die beiden Nachbarn zusammenarbeiten". (Im Online-Archiv der SZ habe ich den Beitrag nicht gefunden, wohl aber auf der Homepage von djconseil, sie müssen auf der Seite nach unten scrollen, um den Artikel (PDF) zu lesen.)
Einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Franzosen und Deutschen ist die Art zu führen, sagt Unternehmensberater Jeanson, was in interkulturellen Teams immer die größten Probleme verursacht. So empfinden Deutsche den französischen Führungsstil als autoritär, während umgekehrt französische Angestellte deutsche Vorgesetzte als zu weich bewerten. In Frankreich verschafft bereits allein der Status – also die Tatsache, dass ein Manager eine Hierarchiestufe über den Mitarbeitern steht – dem Manager einen Autoritätsvorschuss, während in Deutschland die fachliche Kompetenz des Vorgesetzten über seine Akzeptanz bei seinen Mitarbeitern entscheidet. Der französische Chef ordnet an, der deutsche versucht, zu überzeugen. Der Deutsche delegiert nicht nur Aufgaben nach unten, sondern auch Entscheidungen. Ganz anders der Franzose: Zum einen gibt er bei Aufgaben, die er nach unten delegiert, auch präzise Angaben über die Art und Weise, wie diese Aufgaben ausgeführt werden soll. Zum anderen kommt es für den Franzosen gar nicht in Frage, Subalternen irgendwelche Entscheidungen zu überlassen. Im Gegenteil: In Frankreich werden Entscheidungen "oft nach oben delegiert", wie Jeanson schreibt. Daraus entsteht dann immer wieder das Problem, dass sich zwei Verhandlungsführer in die Haare geraten, weil zwar der deutsche Partner entscheidungswillig und entscheidungsbefugt ist, sein französischer Kollege aber erst seinen Chef anrufen muss, damit dieser die Entscheidung trifft.
Dies nur ein paar der von dem Franzosen Denis Jeanson in seinem Aufsatz beschriebenen deutsch-französischen Unterschiede. Vor diesem Hintergrund würde ich natürlich schon mal gerne Mäuschen spielen, wenn Sie und Ihr Mitarbeiter Gerhard Schulz sich treffen und wichtige unternehmerische Themen besprechen und wegweisende Entscheidungen treffen.
Beste Grüße und au revoir!
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