Lieber Ingram-Micro-Azubi Emre Gürbüz,
Sie absolvieren zur Zeit Ihre Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann beim Distributor Ingram Micro, sind im zweiten Ausbildungjahr und haben mir eine Mail zu meiner Kolumne "Wie wird man ein guter Mitarbeiter?" geschrieben. Über Ihre Mail habe ich mich sehr gefreut. Sie regen an, dass ich mich auch einmal mit den Ausbildungsbeauftragten befasse, "denn diese Instanz ist enorm wichtig bei der Entwicklung eines Auszubildenden", schreiben Sie.
Ich muss Ihnen gestehen, dass ich mich zunächst einmal schlau machen musste, was ein Ausbildungbeauftragter überhaupt ist und wie sein genaues Aufgabengebiet aussieht. Auf diese Weise lernte ich, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem Ausbilder, einem Ausbildenden und einem Ausbildungsbeauftragten. Es führt zu weit, die Unterschiede an dieser Stelle auszuführen, wenn es Sie interessiert, gibt es im Internet gute Erklärungen.
Aber vermutlich ist diese Unterscheidung für Ihr Anliegen auch nicht so wichtig. Worauf Sie abzielen, ist die Person, die in erster Linie für den Azubi verantwortlich ist, die sein Ansprechpartner und Mentor sein soll. Die Bedeutung dieser Person, insgesamt die Bedeutung des direkten Vorgesetzten, für Berufseinsteiger kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wenn Sie das Glück haben, lieber Emre, einen wirklich guten direkten Vorgesetzten zu haben, behandeln Sie ihn gut. Wenn Sie das Pech haben, einen schlechten direkten Vorgesetzten zu haben, tja, dann haben Sie Pech. Ich empfehle Ihnen in einem solchen Fall das vertrauensvolle Gespräch mit der Personalabteilung. Gerade bei Berufseinsteigern besteht die Gefahr, dass ein schlechter direkter Vorgesetzter im schlimmsten Fall die ganze weitere berufliche Laufbahn des jungen Menschen negativ beeinflusst. Vielen Unternehmen und auch vielen Firmenchefs ist diese Bedeutung des direkten Vorgesetzten gar nicht bewusst oder – schlimmer noch – es ist Ihnen egal.
Wie ich in meiner Kolumne, auf die Sie mir geantwortet haben, bereits festgestellt habe, fehlt es nicht an Literatur, Seminaren und Trainings für Vorgesetzte und Führungskräfte. Wer ein guter Vorgesetzter und eine gute Führungskraft werden will, dem stehen viele Türen offen. Wenn es trotzdem schlechte Vorgesetzte gibt, so könnte dies daran liegen, dass diese Bücher entweder nicht gelesen werden oder sie nicht für die Praxis taugen. Ich fürchte, die Wahrheit ist, dass gerade diejenigen Vorgesetzten, die es am nötigsten hätten, die Bücher nicht lesen und auch keine entsprechenden Seminare und Trainings besuchen.
Oft haben wir es mit dem sattsam bekannten Phänomen zu tun, dass Menschen, die in ihrem Fach gute Leistungen bringen, mit einer Beförderung belohnt werden und dann plötzlich Personalverantwortung haben und Mitarbeiter führen müssen. Viele sind auf diese neue Aufgabe gar nicht oder nur unzureichend vorbereitet, es gibt aber auch einige, die können einfach nicht gut mit Menschen umgehen. Für die Mitarbeiter dieser Vorgesetzten ist das oft die Hölle. Marcus Buckingham und Curt Coffman bringen diesen Missstand in ihrem lesenswerten Buch "Erfolgreiche Führung gegen alle Regeln. Wie Sie wertvolle Mitarbeiter gewinnen, halten und fördern" auf den Punkt: "Immer wieder erlebt man es, dass fähige Fachkräfte in Führungspositionen befördert werden, ohne dass sie auch nur die geringste Vorstellung davon haben, was die Managerrolle von ihnen verlangt, ganz zu schweigen von den Fähigkeiten, die man dafür braucht. Sie sind mehr von ihrem neuen Status beeindruckt als von den täglichen Herausforderungen, denen sie gewachsen sein müssen, wenn sie ein guter Vorgesetzter sein müssen."
Und es kommt wirklich auf den direkten, den unmittelbaren, den disziplinarischen Vorgesetzten an, ob sich ein Mitarbeiter in einem Unternehmen wohlfühlt, ob er morgens gerne zur Arbeit kommt und motiviert gute Leistungen und Ergebnisse liefern will. Dazu noch einmal zwei Zitate aus dem Buch von Buckingham und Coffman: "Fähige Mitarbeiter brauchen fähige Vorgesetzte. Anlocken lässt sich ein guter Mitarbeiter gewiss aus den unterschiedlichsten Gründen, etwa weil der Chef des Unternehmens eine begeisternde Leitfigur ist oder weil die Sozialleistungen der Firma so überzeugend oder die Trainingsprogramme Extraklasse sind. Doch wie lange er bleibt und wie produktiv er in dieser Zeit ist, hängt in erster Linie von seinem Verhältnis zum disziplinarischen Vorgesetzten ab." "Mit einem großzügigen Gehalt und einer mitarbeiterorientierten Unternehmenskultur mag sich manch einer bewegen lassen, ins Unternehmen einzutreten. Doch die Frage, wie lange er bleibt und wie produktiv er in dieser Zeit ist, hängt vom unmittelbaren Vorgesetzten ab. Charismatische Leitfiguren und Goodwill haben nur Türöffnerfunktionen. In letzter Konsequenz (...) kommt es aus Mitarbeitersicht auf das Führungspersonal im unteren und mittleren Management an."
Was ist denn nun das Wichtigste, was ein Vorgesetzter mitbringen muss, vor allem so jemand, der die Verantwortung für junge Menschen hat, für Berufseinsteiger, für Auszubildende? Nach meiner Überzeugung ist das Wichtigste, dass er sich um seine Leute kümmert, dass er sich für sie interessiert, dass er sie ernst nimmt und dass er sie unterstützt, vor allem darin, Erfolgserlebnisse zu erfahren und sich zu entwickeln. Dafür muss er sich selber zurücknehmen und seine Prioritäten möglicherweise verschieben. Ein Vertriebsleiter, dessen Ziel darin besteht, die meisten Verkaufsabschlüsse zu machen, kann niemals ein guter Vorgesetzter sein, da er viel zu sehr auf sich selbst fokussiert ist.
Ich denke, vielen Vorgesetzten fehlt es auch an etwas, was ich persönliche Reife nennen möchte. Unreif in diesem Sinne ist, wer sich über Mitarbeiter lustig macht, sie lächerlich macht, sie anbrüllt, wer seine Launen an ihnen ausläßt. Vor einiger Zeit habe ich einen sehr interessanten Vortrag des Münchener Philosophie-Professors und Jesuiten Michael Bordt gehört, in dem ich erfuhr, dass die Jesuiten ihren Ordensmitgliedern erst ab dem Alter von 40 Jahren Führungsaufgaben übertragen. Der Grund besteht darin, dass sie der Ansicht sind, dass es so lange braucht, um die erforderlich menschliche und sittliche Reife zu entwickeln. Interessant, nicht wahr?
Eine der wichtigsten Aufgaben von Firmenchefs besteht darin, sich sehr genau zu überlegen, wem sie Führungsverantwortung übertragen. Dazu noch ein letztes Mal Buckingham und Coffman: "Mitarbeiter verlassen nicht Unternehmen, sondern Vorgesetzte. Was wird in der Wirtschaft nicht alles versucht, um gute Leute zu halten – bessere Bezahlung, Sondervergünstigungen, Weiterbildung –, während der entscheidende Faktor doch offenbar der Vorgesetzte ist. Daraus lässt sich nur schließen: Wer ein Fluktuationsproblem hat, sollte sich in erster Linie die Vorgesetzten einmal näher ansehen."
Lieber Emre, vielleicht stehen Sie selbst einmal vor der Situation, dass Sie in einem Unternehmen Führungsaufgaben übernehmen sollen. Fragen Sie sich dann, ob sie das wirklich wollen und ob dies ihren Stärken entspricht. Wenn Sie nach intensiver Prüfung beide Fragen mit "Ja" beantworten, dann haben Sie den ersten Schritt zu einem guten Vorgesetzten gemacht.
Beste Grüße
Weitere Beiträge von Damian Sicking finden Sie im Speakers Corner auf heise resale.