Intershop-Chef Henry Göttler
Lieber Intershop-Chef Henry Göttler,
es gibt Firmen, die stehen für eine ganze Epoche. Intershop ist so eine Firma, und der Name ist fest verbunden mit dem, was wir damals "New Econony" nannten. Die New Economy ist jetzt lange vorbei, und viele der Unternehmen, die seinerzeit mit viel Elan und Begeisterung gegründet worden waren, gibt es heute nicht mehr. Anders Intershop, der "Erfinder des E-Commerce", wie Sie sich selbst nennen. Intershop hat überlebt. Oder sollte man besser sagen: Intershop wurde am Leben gehalten? Egal: In diesem Jahr gibt es bei Ihnen in Jena was zu feiern: Zum ersten Mal seit Gründung des Unternehmens im Jahr 1992 wird Intershop das Gesamtjahr voraussichtlich mit einem Gewinn abschließen.
In der vergangenen Woche veröffentlichten Sie den Neun-Monats-Bericht und freuten sich darin darüber, dass Intershop "erstmals ein positives Neun-Monats-Ergebnis" erreichte. Für das Gesamtjahr 2008 erwarten Sie nun einen "signifikanten Gewinn". Als ich diese Mitteilung las, musste ich doch erst einmal durchatmen. Da gibt es also eine Firma, die hat in den 16 Jahren ihres Bestehens auf Jahresbasis noch kein einziges Mal einen Gewinn ausgewiesen. Sondern immer nur Verluste. 16 Jahre lang. Ist das nicht irre?! Auf der Intershop-Homepage findet man ein "Datenblatt für Investoren" (PDF), und da ist die Geschäftsentwicklung der letzten zehn Jahre von 1998 bis 2007 aufgezeichnet. In diesen zehn Jahren hat Intershop insgesamt 275,1 Millionen Euro Verlust gemacht. Gut, das schaffen andere Firmen in einem Jahr oder, wenn es sein muss, auch in einem Quartal. Aber wenn Sie schreiben, dass Intershop für "Innovation und Erfolg im E-Commerce" steht, dann frage ich mich schon, ob wir beide unter "Erfolg" dasselbe verstehen.
Andererseits: 16 Jahre Verluste, das ist auch eine Leistung! Da muss man ja schon froh sein, dass das Finanzamt diese Tätigkeit nicht als Hobby einstuft, weil es den Zweck der Gewinnerzielung nicht erkennt. Andere Unternehmen und Unternehmer hätten längst kapituliert. Ich bin mir auch noch nicht sicher, ob ich das Unternehmen Intershop für seinen Durchhaltewillen bewundern oder über so viel Unvernunft den Kopf schütteln soll? Haben wir es mit Beharrlichkeit (positiv) oder Starrsinn (negativ) zu tun? Wäre es nicht klüger gewesen, beizeiten den geordneten Rückzug anzutreten und dem schlechten Geld nicht noch mehr gutes Geld hinterherzuschmeißen? Schwer zu sagen. Vor allem: Wann ist "beizeiten"? Wann ist der richtige Zeitpunkt, an dem man die Entscheidung trifft, ein Projekt oder ein Ziel, in das man bereits viel Geld, Zeit und Energie investiert hat, wegen drohender Ausweglosigkeit nicht weiter zu verfolgen? Eine sehr schwierige Frage, die auch die Wissenschaft beschäftigt. Vor allem Optimisten, haben Experimente gezeigt, halten lange an Zielen fest, auch wenn die Erfolgschancen immer weiter schwinden. Bei Intershop scheint es sehr viele Optimisten gegeben zu haben.
Aber ich will Ihnen die gute Laune nicht verderben, lieber Herr Göttler. Vielleicht folgt auf die 16-jährige Durststrecke jetzt eine ebenso lange Periode üppiger Gewinne. Der Markt kommt Ihnen ja entgegen. Gerade vergangene Woche meldete der Bundesverband des deutschen Versandhandels (bvh): "Rekordentwicklung des E-Commerce in Deutschland hält an." Und eine aktuelle Umfrage unter E-Commerce-Experten ergab, dass die Erwartungen an weiteres Umsatzwachstum auch im kommenden Jahr hoch sind ("E-Commerce-Branche trotzt der Finanzkrise"). Für den "Erfinder des E-Commerce" sind das gute Nachrichten.
Beste Grüße
Und hier die Antwort von Intershop-Vorstand Henry Göttler.
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