Preisbock-Gründer Christian Grötsch
Lieber Preisbock-Gründer Christian Grötsch,
gestern teilten Sie der Weltöffentlichkeit mit, dass Ihr Unternehmen Preisbock bereits 16 Monate nach der Gründung im vergangenen Jahr die Profitabilität erreicht habe und damit das erste Shopping-Portal seiner Art sei, dass gewinnbringend arbeite. Da sich bisher niemand gemeldet hat, der Ihnen widerspricht, gratuliere ich zu dieser Leistung.
Was Preisbock tut, nennt man "Live-Shopping", ist eine besondere Form des E-Commerce und kommt aus Amerika. Manche sagen, dass es sich beim Live-Shopping um einen "Top-Trend im E-Commerce" handele. Eine aktuelle Umfrage unter E-Commerce-Experten ergab, dass Live-Shopping Zukunft hat und für zusätzliche Umsätze sorgt. Das Konzept des Live-Shoppings besteht darin, auf der betreffenden Internetseite jeden Tag nur ein Produkt zu einem besonders attraktiven Preis anzubieten. Das Angebot richtet sich an Spontankäufer, die sich "schnell entscheiden müssen, denn das Angebot ist maximal für 24 Stunden erhältlich". (Da ich meine spontanen Entscheidungen nur nach sorgfältiger Überlegung treffe, bin ich für Sie als Kunde wohl nicht so geeignet.) Ein bisschen erinnert das Konzept an die Anfänge der Sonderverkäufe in den Tchibo-Läden. Auch hier schaute (und schaut) man mal eben rein, was gerade im Angebot ist. Um dann immer mal wieder ein Produkt spontan zu kaufen, nicht, weil man es wirklich braucht, sondern weil es einfach da ist und zu einem Preis angeboten wird, der einem attraktiv erscheint. Ein Schnäppchen halt, und wir Deutsche lieben bekanntlich Schnäppchen (wie der Rest der Menschheit wahrscheinlich auch).
Da es sich um einen Trend handelt, sind Sie mit Preisbock natürlich nicht allein auf der Welt. Ihre Hauptkonkurrenten heißen guut.de und ibood.de. Inzwischen wächst eine ganze "Industrie" um Live-Shopping herum. Nicht nur gibt es immer mehr Anbieter – die Markteintrittsbarriere für Neugründungen ist offenbar gering –, sondern inzwischen gibt es auch Ratgeber, die natürlich "Scouts" heißen wie zum Beispiel liveshoppging.decido.de, und die den Interessenten einen Pfad durch den Dschungel schlagen. Dann gibt es noch sogenannte "Social Commerce Agenturen". Das sind nicht etwa die Caritas in modern. Aber auch diese Firmen haben sich "einer Aufgabe verschrieben", nämlich die E-Commerce-Unternehmen "durch unsere zukunftsweisenden Social Shopping Lösungen zum Erfolg zu führen" (Dotsource). "Social Shopping" oder "Social Commerce" klingt auch sehr gut nach Sozialarbeiter und so. Dahinter verbirgt sich die Idee, Kunden in den Vermarktungsprozess einzubinden. Wie genau, ist mir leider nicht ganz klar. Ich denke in der Form, dass sie auf der Seite des Live-Shoping-Anbieters einen Kommentar darüber abgeben dürfen, wie "megageil" das angebotene Produkt ist und dass der Preis einfach "der Hammer" sei. Ach ja: Und kaufen und Geld überweisen nicht vergessen, von wegen sozial und so. Bei Ihrem Unternehmen Dotsource heißt es zum Thema "Social Commerce", dass sich die Kunden dabei "aus eigenem Antrieb an den Wertschöpfungsprozessen des Unternehmens beteiligen". Das einzige, was mir beim Lesen dieser verschwurbelten Formulierung klar wurde, war, dass offenbar auch Jena nicht drogenfrei ist (Kokain?).
Live-Shopping ist jedenfalls eine interessante Entwicklung und ich bin gespannt, ob diese Vermarktungsform von Dauer sein wird. Auf der einen Seite ist es für die Industrie und den "normalen" Handel ein guter Weg, Restbestände los zu werden. Auf der anderen Seite ist es für die Live-Shopping-Anbieter nicht einfach, jeden Tag (auch Samstags und Sonntags!) attraktive Produkte anzubieten. So würde es mich mal interessieren, wie viele Kreditkarten-Boxen für 19,90 Euro Sie am 8. November verkauft haben.
Die spannende Frage ist für mich, wie tragfähig das Geschäftsmodell wirklich ist. Zwar ist der Kapitaleinsatz gering und das Risiko auch nicht besonders hoch. Dementsprechend sind die Markteintrittbarrieren für neue Anbieter niedrig. Doch der Beweis, dass man als Schnäppchenanbieter dauerhaft Geld verdienen und reich werden kann, muss erst noch erbracht werden.
Beste Grüße
Und hier die Antwort von Preisbock-Chef Christian Grötsch.
Weitere Beiträge von Damian Sicking finden Sie im Speakers Corner auf heise resale.