iPhone 5? Interessiert mich nicht die Bohne.
Statussymbol für die Internet-Generation.
Damian Sicking - 24.09.12
Lieber Apple-Chef Tim Cook,
Apple-Chef Tim Cook
Bild: Apple
"Massenhysterie", so steht es bei Wikipedia, "ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für eine starke emotionale Erregung in großen Menschenmengen, etwa (euphorisch) aus Anlass von Rock- und Popkonzerten, großen Sportereignissen oder (trauernd) nach dem Tod von Filmstars oder politischen Führungspersönlichkeiten." Oder, wie man inzwischen getrost hinzufügen kann, wenn Apple ein neues iPhone auf den Markt wirft.
Was für eine Gewese um ein Telefon! Ich versteh´s nicht. Da wird das neue iPhone 5 vorgestellt und bestimmt die Nachrichtenlage in den Zeitungen, Online-News und TV-Nachrichten. Dann, kurze Zeit später, kommt es in die Läden, und es bilden sich auf den Bürgersteigen vor den Apple-Stores schon Tage davor Schlangen von Apple-Fanboys, die auch bei kalten Außentemperaturen mit Bodenfrost ausharren, um nur ja als einer der ersten das neue Teil – nein, nicht geschenkt zu bekommen, sondern zu kaufen, und zwar für ein vergleichsweise ganz hübsches Sümmchen. Amüsant: Sogar Apple-Mitgründer Steve Wozniak soll sich in Australien in eine Warteschlange eingereiht haben, um das neue Apple-Produkt zu kaufen.
Es ist ja inzwischen schon so viel darüber gesagt und geschrieben worden. Zum Beispiel dass der Verkauf des iPhone die amerikanische Wirtschaft stärker antreiben werde als die Zentralbank Federal Reserve, die mit Stützungskäufen in Höhe von 40 Milliarden Dollar pro Monat die Konjunktur zu stimulieren hofft. Oder dass das iPhone 5 allein die amerikanische Wirtschaftsleistung im vierten Quartal um 0,5 Prozentpunkte steigen lasse – bei 2 Prozent Gesamtwachstum! Sogar dass das iPhone 5 die Chance auf Wiederwahl von US-Präsident Barack Obama erhöhen würde, war zu lesen. Auf den Punkt brachte es jetzt die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung; die Schlagzeile über dem iPhone-Artikel lautete kurz und prägnant: "Retter der Weltwirtschaft".
Wie gesagt, ich versteh´s nicht. Vielleicht liegt es ja daran, dass ich so gar kein Apple-Fan bin. Ich hab in meinem ganzen Leben noch kein Apple-Produkt gekauft. Das einzige Apple-Teil, das ich besitze, ist ein iPod shuffle, und den gab´s als Werbeprämie für irgendein Zeitschriften-Abo. Ein prima Produkt, ich habe es drei, vier Mal benutzt, im Fitness-Studio auf dem Laufband. Es liegt jetzt in irgendeiner Schublade, fragen Sie mich nicht, in welcher.
Viel faszinierender als das iPhone selbst finde ich den Hype, der darum gemacht wird. Ich sehe es exakt so wie der Kommentator der Fuldaer Zeitung, der in der Ausgabe vom vergangenen Samstag schrieb: "Rational ist das schon lange nicht mehr, was der kalifornische Technikriese mit seinen Produkten rund um den Globus auslöst." Das iPhone, heißt es dort weiter, sei das "Statussymbol für die Internet-Generation". Ich denke, der Mann hat recht. Das iPhone ist für die heute unter 30-Jährigen das, was für meine Generation in den 70er Jahren die Levis-Jeans war: die Eintrittskarte in den Club. Nicht mehr und nicht weniger. Bei den Verkaufszahlen des iPhones ist der Status der Exklusivität ja schnell dahin. Der Besitz ist daher eben auch nur eine notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung für irgendeine herausgehobene Existenz. Genauso wie man damals durch die Levis-Jeans allein noch nicht zum coolen Typen wurde, aber ohne sie waren die Chancen von vornherein aussichtslos. Schon mit einer Wrangler verschlechterten sich die Chancen drastisch. Wrangler war nur B-Klasse. Vielleicht kann man es so sagen: Wrangler verhielt sich damals zu Levis wie heute Samsung zu Apple (Nokia entspricht dann am ehesten den Jinglers-Jeans von C&A – die trugen damals nur die Jungs, die sich nicht trauten, die Fluppen auf Lunge zu rauchen und die auch deshalb bei den Mädchen null Chancen hatten).
Lieber Herr Cook, was soll ich sagen: Die Dinge könnten schlechter für Sie und Apple laufen. Die Produkte verkaufen sich wie von selbst, Umsatz und Gewinn kennen nur eine Richtung, die Aktien sind begehrt wie nie und kein anderes Unternehmen auf der ganzen Welt ist so viel wert wie Apple. Die Kehrseite: Jetzt kann´s nur noch schlechter werden.
Beste Grüße!
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