Bitte vergessen
11.01.2011
Das Internet soll das Vergessen lernen. Die Idee ist durchaus lobenswert. Niemand sollte nach Jahren noch für seine Jugendsünden büßen müssen. Aus genau diesem Grund hat heise Online nach heftigen Diskussionen seinen Anwendern bereits vor zwei Jahren die Möglichkeit eingeräumt, die eigenen Beiträge zu löschen. Jetzt soll das Vergessen technisch erzwungen werden, mit einer "innovativen Software, die Ihre Bilder mit einem digitalen Verfallsdatum versieht."
Technisch gesehen ist X-Pire ein neuer Aufguss einer ziemlich alten Idee, die bereits in den bisherigen Umsetzungen gescheitert ist. Man verschlüsselt die Bilddatei und nur solange der zentrale Server den benötigten Schlüssel bereit stellt, kann man das Bild entschlüsseln. Bislang deutet nichts darauf hin, dass der "Erfinder" Professor Backes die fundamentalen Probleme dieses Konzepts gelöst hätte. Und eigentlich lohnt es auch gar nicht, sich genauer damit auseinander zu setzen (wer es doch tun will, findet hier ein paar gute Ansätze).
Denn hinzu kommt, dass das ganze Geld kosten soll. Nicht dass es böse wäre, im Internet Geld verdienen zu wollen – das will Heise auch. Aber es macht die Inkompetenz der Beteiligten deutlich. Es ist völlig ausgeschlossen, dass ein solches Konzept das Stadium verlässt, in dem es vor allem mit dem Henne/Ei-Problem kämpft. Wer zahlt schon Geld dafür, damit er auf Facebook Bilder mit Verfallsdatum posten kann, die dann seine Freunde alle erstmal gar nicht anschauen können? Das wird niemand benutzen und in spätestens zwei Wochen kräht kein Hahn mehr danach.
Zurück bleiben: Ein durchsichtiger Versuch eines Professors, mit der Verunsicherung der Internet-Nutzer Geld zu verdienen, ein durchsichtiger Versuch einer offensichtlich überforderten Ministerin, mal wieder positive Schlagzeilen zu produzieren – und ein Problem, das es verdient hätte, ernsthaft diskutiert zu werden.
bye, ju
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