Schwerpunkte setzen
Vorschau auf die CES 2013
Nico Jurran, Daniel AJ Sokolov
Der US-amerikanische Unterhaltungselektronikverband Consumer Electronics Association (CEA) hat für seinen weltweit größten Branchentreff zu Jahresbeginn einige Neuerungen beschlossen.
Das beginnt bereits mit dem Namen der Messe: Die soll nun offiziell nur noch "CES" heißen, im Idealfall sogar "International CES", aber bitte nicht mehr "Consumer Electronics Show". Die CEA folgt damit der Messe Berlin, die seit einiger Zeit von der Internationalen Funkausstellung nur noch als IFA spricht. Auch die Beweggründe dürften ähnlich sein: Der Begriff "Funkausstellung" weckt in manchem Konsumenten eher Assoziationen an Opas Dampfradio und die ersten Versuche mit Farbfernsehen als an Digitalempfänger und HDTV.
"Consumer Electronics" wiederum lässt viele ausschließlich an klassische Unterhaltungselektronik aus dem Audio-Video-Bereich denken. Aber die CES geht schon lange darüber hinaus und bietet etwa eine Bühne für die neuesten Entwicklungen bei Notebooks und Tablet-PCs. Was konkret in diesem Jahr an Neuheiten auf der Messe zu erwarten ist, lesen Sie in den Themenartikeln in unserem CES-Special.
Rekord bei der Ausstellungsfläche
1,87 Millionen Quadratfuß, das sind rund 174.000 Quadratmeter oder ziemlich viele Fußballfelder – so viel Ausstellungsfläche weist die CES 2013 auf. So viel Platz gab es in den bisherigen 45 Jahren noch nie. 9.300 Quadratmeter davon teilen sich alleine acht Aussteller. Sie heißen Audi, Chevrolet, Chrysler, Ford, Hyundai, Kia, Lexus und Subaru. So viel Kraftwagenfabrikanten hat die CES auch noch nicht gesehen. Das Automobil wird vom Fortbewegungsapparat immer mehr zum Hort der Unterhaltung.
Apple fehlt auf der CES, wie immer. Und auch eines der prominentesten Mitglieder der CEA, Microsoft, bleibt der Messe fern. Nokia konzentriert sich auf den Mobile World Congress (MWC) Ende Februar in Barcelona. Blackberry-Hersteller RIM aus dem Nachbarland Kanada stellt sein neues Betriebssystem BB10 erst Ende des Monats in Toronto vor und hat keinen CES-Stand geplant.
Google beschränkt sich auf einen Besprechungsraum für vorab vereinbarte Termine. Für dessen Tochter Motorola Mobility gilt Nämliches. Hewlett-Packard und Dell konzentrieren sich auf Businesskunden, weshalb ihre Nicht-Präsenz weniger überrascht.
Da also einige große Namen fehlen, schenkt die CEA den Kleinen mehr Aufmerksamkeit. In der "Eureka Park TechZone" drängen sich 140 Unternehmer, Start-Ups und Kleinbetriebe. Sie sollen mit Ideen für die nächste Technologie-Generation aufwarten. Neu in diesem Bereich ist die "Startup America Live" Bühne, die Start-Ups mit Investoren und großen Unternehmen (lies: möglichen Käufern) zusammenbringen soll, und zwar im Schweinwerferlicht der Medien.
Keynotes
Der "nächsten Generation von Innovatoren" ist auch eine der sechs Keynotes gewidmet, die ausschließlich männlich besetzt sind. Unter der Moderation eines großen Venture-Capital-Gebers werden sich Dienstagvormittag vier Start-Up-Gründer die Bühne teilen. Prominentester unter diesen ist sicher der Musiker will.i.am. Er ist an Beats Electronics beteiligt und Intels "Direktor kreativer Innovation".
Die Eröffnungsrede davor wird Panasonic-Präsident Kazuhiro Tsuga halten. Am Vorabend darf schon Qualcomm-CEO Paul E. Jacobs ans Rednerpult. Überhaupt ist die Mobilfunkbranche bei den Keynotes sehr präsent: Dienstagnachmittag ergreift Verizon-CEO Lowell McAdam das Wort, Mittwoch in der Frühe Stephen Woo von Samsung.
Im Anschluss daran widmet sich die letzte Keynote dem Thema Handelsmarken. Gleich sieben Herren, darunter Brian Wallace von Samsung und Michael Bowling von AT&T, diskutieren den Einfluss von Technologie und digitalen Plattformen auf globale Marketing- und Markenstrategien.
Mögliche Trends
Bei voraussichtlich rund 20.000 Vorstellungen neuer Produkte und Dienstleistungen ist ein gemeinsamer roter Faden schwer auszumachen. Selbst verschiedene CEA-Medien heben unterschiedliche Trends hervor. Nachdem Tablets im nordamerikanischen Weihnachtsgeschäft der Renner schlechthin waren, könnte jetzt passendes Zubehör gefragt sein. Die einzelnen Produkte haben dabei meist geringen Nachrichtenwert, sind aber wirtschaftlich ein nicht zu unterschätzender Faktor.
Genau umgekehrt dürfte es vorerst mit den neuen "Ultra HD" Fernsehapparaten laufen. Diese auch als 4K-TV bekannten Geräte sollen mit 8,3 Megapixel eine rund vier mal so hohe Auflösung bieten wie bisherige FullHD-Narrenkästen. Da die Branche seit nunmehr rund 15 Jahren HD-Fernseher feilbietet, geht die Nachfrage zurück. Also will und muss man den Verbrauchern etwas neues bieten, damit diese ihre Kreditkarte zücken.
Der Absatz aber wird sich 2013 bei einem Großhandelspreis von 7.000 US-Dollar (über 5.300 Euro) noch in engen Grenzen halten. Die CEA erwartet lediglich 20.000 an US-Verkäufer gelieferte Geräte. 2014 aber soll der Großhandelspreis schon unter 3.000 Dollar sinken, sodass sie für 2015 eine Verkaufsmenge von über 1,3 Millionen 4K-Geräten vorhersagt. 2013 sollen erstmals mehr als 100.000 OLED-Displays an die Händler ausgeliefert werden, zwei Jahre später dann ebenfalls mehr als 1,3 Millionen. Ihr durchschnittlicher Großhandelspreis wird dann bei 1.665 US-Dollar erwartet.
Auch Streaming bleibt weiterhin ein großes Thema. Einige Hersteller setzen auf die Verbindung mit HD-Audio, etwa das Unternehmen Olive Media. Dieses will in Las Vegas offiziell den One Home Music Player präsentieren, dessen Entwicklung mittels Crowdfunding finanziert werden soll. Android-Fans erwarten erste Geräte für den seit Version 4.2 des Mobilbetriebsystems unterstützten Videoübertragungsstandard Miracast, der wie Apples AirPlay ein systemweites Streaming erlaubt.
Viel Tamtam wird es auf der CES um Elektronik und Kommunikation in den Autos geben. 3D-Drucker werden sicher stärker präsent sein, wobei sich hier auch neue rechtliche und ethische Fragen aufdrängen. Nach dem jüngsten Schulmassaker hat MakerBot die 3D-Druckpläne für bestimmte Waffenteile gelöscht.
Einen weiteren großen Schwerpunkt bilden Mobilfunk im Allgemeinen und Smartphones samt Accessoires im Speziellen. Passend dazu halten die Chefs von Qualcomm und Verizon zwei der vier Keynotes. Apropos Accessoires: Mit seinem neuen Formfaktor und dem Lightning-Port statt Dock Connector dürfte das iPhone 5 im Zentrum der Zubehörindustrie stehen. Angesichts der mittlerweile aufgetauchten billigen Lightning-Kabel aus dubiosen Quellen wird man dabei aber wohl genau hinschauen müssen, ob auch jeder Hersteller die nötige Lizenz von Apple erworben hat.
Einen immer größeren Raum nimmt auf der CES zudem die Sport- und Gesundheitselektronik ein. Konkret ist der Bereich laut CEA gegenüber dem Vorjahr allein in der Fläche um fast 25 Prozent gewachsen. 2013 präsentieren mehr als 215 Aussteller nicht nur Geräte zur Bestimmung von Gewicht, Körperfettanteil und Kalorienverbrauch, sondern auch Technologien, die weltweit den Zugriff auf persönliche medizinische Daten ermöglichen sollen.
Nachdem laut CEA 2012 der Verkauf von MP3-Playern im Vergleich zum Vorjahr um rund 22 Prozent eingebrochen ist, setzen einige Hersteller nun auf HD-Audio-Player. So will etwa der MP3-Player-Veteran iRiver auf der CES 2013 unter der Marke "Astell&Kern" einen mobilen HD-Audio-Player vorstellen, der Musik im Format 24 Bit/192 kHz wiedergeben kann.
Der Markt für Spielekonsolen hat schon bessere Zeiten gesehen, nun erwarten wir einen intensiveren Kampf um Spieler auf Tablets. Dies könnte auch mehr Frauen ansprechen, mit denen die Spieleanbieter sowieso stärker ins Geschäft kommen wollen. Und wer sich generell vor allen möglichen und unmöglichen Apps für Smartphones und Tablets fürchtet, wäre auf der CES 2013 sowieso falsch.
Umzug
Nachdem sich in die Journalisten jahrelang auf den CES-Pressekonferenzen in den für diesen Zweck viel zu kleinen Sälen des Venetian-Hotels praktisch gegenseitig auf den Füßen standen (wenn sie überhaupt in die Räume hineinkamen), hat die CEA Konsequenzen gezogen und hält den Pressetag in diesem Jahr im Hotel "Mandalay Bay" am Südende des Las Vegas Boulevard (alias "The Strip") ab. Etwas kurios ist lediglich, dass die Keynotes weiterhin in einem großen Ballsaal des Venetian Hotels stattfinden.
Nicht alleine dem größeren Platzangebot geschuldet dürfte allerdings die Richtungsänderung bei der Pressearbeit des schwer angeschlagenen japanischen Elektronikkonzerns Sharp sein, der bislang prinzipiell nur geladenen Journalisten Zutritt zu seinen Pressekonferenzen gewährte. Zur CES 2013 verschickte das Unternehmen nun Einladungen mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass alle Pressevertreter willkommen seien. Letztlich muss das Unternehmen aber natürlich in Las Vegas vor allen mit innovativen Produkten glänzen, wenn es das Ruder noch einmal herumreißen will. Dass Sharp offiziell seine Mitarbeit an einem ersten Fernsehgerät von Apple verkündet, von dem gerüchteweise immer wieder die Rede ist, ist allerdings äußerst unwahrscheinlich.
Die HDMI Licensing hat währenddessen ihre ursprünglich angesetzte Presseveranstaltung wieder abgesagt. Die offizielle Ankündigung der nächsten Version ihrer gleichnamigen digitalen Audio/Video-Schnittstelle dürfte sich somit wohl auf unbestimmte Zeit verschieben. Die inoffiziell HDMI 1.5 genannte Fassung soll unter anderem die Übertragung von 4K-Videos mit einer Bildwiederholrate von 48 Hertz ermöglichen – eine Technik, die jüngst durch die HFR-Fassung ("High Frame Rate") des Film The Hobbit für durchaus kontroverse Diskussionen sorgte. Tatsächlich haben allerdings noch nicht einmal alle in HDMI 1.4 spezifizierten (optionalen) Techniken den Markt erreicht.
(ll)




