Internet in El Salvador

02.01.1996

Interview mit Daniel Salinas, Mitarbeiter des Radiosenders Doble F

Internet in El Salvador ist immer noch eine sehr kostspielige Angelegenheit für die wirtschaftliche Elite. Miriam Lang sprach mit Daniel Salinas, Ex-Guerrilero und einer der Macher des linken Senders Radio Doble F, der den politischen Kampf heute mit friedlichen Mitteln führt und dazu auch das Internet benutzt.

Interview von Miriam Lang mit Daniel Salinas, Radio Doble F

Hintergrundinformation

Welche Bedeutung hat für Sie das Internet?

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Es ist einfach ein Hilfsmittel, das funktioniert. Wir vom Radio benutzen es dreimal am Tag, in erster Linie um an internationale Nachrichten zu kommen. Darüberhinaus versenden und empfangen wir auch Email. Gut ist vor allem, daß man sich im Netz sehr aktuell informieren kann - das ist für uns als Medienleute, die auch das internationale Geschehen möglichst frisch an unsere HörerInnen weitergeben wollen, sehr wichtig. Wir geben natürlich auch aktuelle Nachrichten aus El Salvador übers Internet an andere weiter.

Haben Sie Zugang über die Universität oder über einen kommerziellen Provider?

In El Salvador geht das nur über die staatliche Telefongesellschaft ANTEL. Der Internet-Zugang kostet einmalig 800 Dollar, und für jede Minute online zahlt man dann zusätzlich noch 50 cents. Das ist ziemlich teuer für uns, aber es gibt leider keine Alternative. Ich habe heute mit Leuten von einer Amsterdamer Radiostation gesprochen, die erzählt haben, daß sie den ganzen Tag im Netz sind. Das muß ja Millionen an Gebühren kosten, habe ich mich gewundern, aber sie haben mir erklärt, daß der Zugang hier kostenlos ist. Wenn wir in El Salvador solche Möglichkeiten hätten, wäre der Austausch natürlich um Vieles fruchtbarer...

So können wir nur das Allernötigste abrufen und einspeisen, das geschieht meistens in 10 Minuten, wir kommen dann auf Kosten von etwa 15 Dollar am Tag.

Hierzulande vergeht in letzter Zeit kaum ein Tag ohne Presseberichte übers Internet. Wie ist das bei Ihnen? Wird in El Salvadors Öffentlichkeit übers Netz diskutiert?

Bei uns ist das alles noch sehr neu. Wir beispielsweise sind erst seit November 1995 am Netz, nur die Universität war vor uns dran. Die Leute, die in El Salvador zum Internet Zugang haben, lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen. Es ist einfach sehr teuer, und eine große Mehrheit von Leuten hat bei uns nicht einmal einen normalen Telefonanschluß. Viele benutzen nur öffentliche Telefone, und in ländlichen Bereichen gibt es nicht einmal die. Es sind vor allem Institutionen und Firmen, die das Internet nutzen, Privatpersonen kaum.

Wenn ich in den Straßen von San Salvador Passanten befragen würde, was die Leute vom Internet halten, welche Antwort würde ich bekommen?

Daß die allermeisten Leute, Angestellte, Straßenhändler usw. gar nicht wissen, was das ist. Und diejenigen, die sagen, daß sie davon gehört haben, wissen nicht wie es funktioniert, also daß man dazu eine Telefonleitung, ein Modem und einen Computer braucht.

Wie sieht das an der Uni aus? Ist unter StudentInnen die Benutzung von PCs üblich?

Nein, der durchschnittliche Student besitzt keinen eigenen Computer. Die Arbeiten schreibt er mit der Hand, und gibt sie dann in ein Schreibbüro, wo die Arbeit gegen Bezahlung entweder auf einer Schreibmaschine oder einem Computer getippt wird. Die meisten Studenten können sich auch keine Schreibmaschine leisten. In El Salvador beträgt der Mindestlohn 150 Dollar, viele Menschen müssen davon auch ihre Kinder ernähren und ihnen später das Studium finanzieren. Studieren hat bei uns einen sehr hohen Stellenwert, weil die Eltern ihren Kindern ein besseres Leben ermöglichen wollen, als sie es selbst hatten. Die Studierenden selbst arbeiten auch nebenher.

In Europa und den USA werden zum Teil große Hoffnungen ins Internet gesetzt. Durch seine dezentrale Struktur, die anders als bei herkömmlichen Medien gleichberechtigte Kommunikation ermöglicht, soll es zur Demokratisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse beitragen. Was halten Sie von solchen Gedanken?

Ich nehme an, daß die Leute, die so etwas denken, ökonomisch gut gestellt sind. Wenn die Armen der Welt wirklich Zugang zum Internet hätten und ihre Standpunkte, ihre Anklagen dort veröffentlichen könnten, um die Welt zu demokratisieren, dann wäre das schon eine gute Sache. Aber das sind leider genau die Menschen, die eben im Internet auch nicht zu Wort kommen und dort einfach gar nicht existieren. Selbst wir können unsere Meinung im Netz nicht wirklich verbreiten, weil wir uns aus finanziellen Gründen auf das Nötigste beschränken müssen.

Die wunderbare Idee von gleichberechtigter Kommunikation - jeder ist Sender und Empfänger zugleich - relativiert sich schnell, wenn man bedenkt, daß die Leute im Westen den ganzen Tag am Netz hängen können und wir dort zehn Minuten.

Es gibt auch Leute, die sagen, daß im Netz Rasse, Klasse und Geschlecht keine Rolle mehr spielen, weil dort nur die Information transportiert wird und die physischen Attribute der Kommunizierenden verschwinden. Was halten Sie davon?

Das kann vielleicht in Europa funktionieren, obwohl ich auch da meine Zweifel hätte. Aber in Lateinamerika sicher nicht. Höchstens in dem Sinn, daß sowieso nur die paar Leute aus ein und derselben "Klasse" ans Internet kommen und alle anderen von vorneherein ausgeschlossen sind. Insofern verstärkt es die gesellschaftlichen Gräben eher noch.

Wie sieht es mit der Sprache aus? Die meisten Texte im Internet sind ja auf Englisch.

Das ist eine zusätzliche Hürde. Englisch ist zwar Weltsprache, aber ich kann z.B. nur die Sachen lesen und verwenden, die auch in spanischer Sprache im Netz abgelegt sind. Und das, obwohl ich sogar das Glück hatte, aufs Gymnasium zu gehen. Aber bei uns kriegt man in den Schule nur ganz elementare Sprachkenntnisse vermittelt, das heißt ich kann auf Englisch Tisch, Stuhl oder Vogel sagen, aber keine Diskussion verfolgen.

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