Die Einrichtung einer Informationsinfrastruktur von unten

John Horvath 09.02.1996

Hungary Online

John Horvath, Korrespondent von Telepolis aus Budapest, berichtet von Hungary Online, einem der ersten Foren Osteuropas, die sich nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Regimes bildeten. Die Pionierphase der virtuellen Gemeinschaften ist wie in den westlichen Ländern vorbei. Die Kommerzialisierung setzt ein, und das Engagement der Netzflaneure ist so flüchtig wie deren Aufmerksamkeit.

  • drucken
  • versenden

John Horvath

Die sozialpolitische Entwicklung Osteuropas spiegelt sich im Ausbau seiner Informationsinfrastruktur. Die Entwicklung und erfolgreiche Implementierung von nationalen Programmen der Informationsinfrastruktur scheint wirklich das Hauptkriterium für die kontinuierliche Veränderung der osteuropäischen Gesellschaften zu sein. Der Zugang zur Information ist für die Bewahrung einer demokratischen Gesellschaft entscheidend.

Zu Beginn dieses Jahrzehnts erweiterte sich die Informationsinfrastruktur Osteuropas sprunghaft. Vor dem Ende des Kalten Krieges standen die Informationsmedien noch unter staatlicher Kontrolle und der Austausch beschränkte sich fast ausschließlich auf Verwaltungsangelegenheiten. Die wenigen privaten Verbindungen, die es damals gab, waren Luxusgüter - und Privilegien. Daher überrascht es nicht, wenn das Internet im Zuge der staatlichen Freigabe der Informationsmedien und unter dem Einfluß der neuesten telematischen Hardware aus dem Westen exponentiell zu wachsen begann.

Der Ausbau der regionalen Informationsinfrastruktur wird durch staatliche Programme in Verbindung mit akademischen Institutionen gefördert. Doch die Regierungen merken, daß sie den Ausbau nicht vollständig finanzieren können . Daher wenden sie sich an die Privatwirtschaft und setzen ihre Hoffnung auf Projekte, die Gewinne versprechen, um ihre Ziele zu erreichen.

Trotz der finanziellen Nöte, mit denen sich die Architekten der osteuropäischen "Informationsgesellschaft" konfrontiert sehen, gab es im Bereich der Informationsverteilung einige Entwicklungen von unten. Informationsverteilung ist einer der wichtigsten Aspekte beim Ausbau der Informationsinfrastrukturen. Eines der dynamischsten Netzwerke, die gegenwärtig in Osteuropa existieren, ist Hungary Online.

Hungary Online - eine nicht moderierte regionale Mailinglist

Das Akronym HOL ist ein Wortspiel, das auf das "Wo" in Ungarn hinweist. Hungary Online begann mit der Idee einer Geschichte, die Steve Carlson, ein Kolumnist des Budapester Business Journal, schreiben sollte. Als er sich entschloß, die Kolumne im Internet über einen Mailserver zu verschicken, erhielt Carlson Hilfe von einem ansässigen Internet-Provider. Von diesem Augenblick an führte eines zum anderen. "Zuerst wollte ich nur die Kolumne verschicken", berichtet Carlson. "Ich stellte mir keineswegs ein nicht moderiertes Forum vor, aber als ich das einmal machte, gefiel mir die Idee. Und daher machten wir es so."

Information kann zu Gruppen von Menschen in der Form von nicht moderierten oder moderierten Foren verschickt werden. Mailinglisten sind Programme, um elektronische Post für jeden zu kopieren und zugänglich zu machen, die sich für eine bestimmte Mailingliste eingetragen haben. Dahinter steht das sogenannte Konzept der "mail explosion". Eine einzige E-Mail wird an eine zentrale Adresse gesendet. Dort wird sie zur "Explosion" gebracht, in dem der Brief vervielfältigt und eine Kopie zu jedem geschickt wird, der sich in die Mailingliste eingetragen hat. Dieses Konzept der "mail explosion" erlaubt es einem Menschen, mit einer Gruppe von anderen durch nur einen Brief zu kommunizieren, den er an die zentrale Adresse gesendet hat. Bei einer moderierten Liste können die Teilnehmer nur Post empfangen, während bei einer nicht moderierten jeder Mitteilungen an die Liste senden kann, wodurch ein Informationsaustausch entsteht und man so an "Diskussionen" im Internet teilnimmt.

Das Internet bietet eine Goldgrube an Infformationen an - viel mehr als jeder einzelne Mensch jemals durchsuchen oder verdauen kann. Deshalb gibt es ein Bedürfnis nach Menschen, die zugunsten der übrigen als "Filter" wirken und Informationen interpretieren und überarbeiten. Das Problem jedoch ist, daß solche Filter sich leicht in eine neue und subtile Foem der Zensur verwandeln können.

Internet-Leser brauchen normalerweise nicht die Hintergrundserklärungen, die für Zeitungsleser notwendig sind. Überdies stehen dem Netzleser weitaus mehr Daten zur Verfügung, als in einer Zeitschrift veröffentlicht werden können. Befreit von den materiellen Zwängen und Beschränkungen von Printveröffentlichungen, können Themen so dargestellt werden, daß sie auf eine bestimmte Gruppe von Lesern zugeschnitten sind.

Die HOL-Liste läuft gegenwärtig auf einer alten Sun Workstation, die man "Yak" nennt und die sich im Wohnzimmer eines Privathauses in San Francisco befindet. Hungary Online haben ungefähr 120 Menschen aus dem ganzen Cyberspace abonniert. HOL ist jedoch für die ungarischen Internetbenutzer keine Neuheit. Es gibt bereits zwei auf Ungarn ausgerichtete Listen, und auch der kommerzielle Online-Dienst CompuServe hat ein Forum für Ungarn und Osteuropa. Problematisch an diesen Listen ist aber, daß sie entweder zuviele Informationen enthalten oder nur bestimmte Diskussionsthemen. Das Besondere an HOL ist, daß hier die Diskussionen zwar primär auf Themen konzentriert sind, die Ungarn und Osteuropa, aber auch das Internet betreffen, aber andere Themen durchaus möglich sind. Angefangen von Journalisten, die ihre Artikel hier noch einmal veröffentlichen, über Menschen, die nach Bekanntschaften suchen, bis hin zu solchen, die nach Arbeit oder Angestellten Ausschau halten, kann man in HOL alles finden.

HOL hebt sich auch dadurch heraus, daß man im Internet bislang fast nicht dafür geworben hat. Das Hauptinteresse Carlsons lag in der Schaffung einer begrenzten Gruppe, die eher lokal orientiert war. Deshalb konnte HOL dem Schicksal entgehen, durch Mengen bedeutungsloser Botschaften bombardiert zu werden, was meistens bei Internetforen der Fall ist. Andererseits scheint das Interesse wie bei den meisten nicht moderierten Listen und wie beim Großteil der Information im Internet mittlerweile ein wenig zurückgegangen zu sein. Daran leiden die meisten Sites im Internet. Ist die Neuartigkeit einer Site einmal abgenutzt, wird sie oft verlassen. Dagegen ist auch HOL nicht immun. Carlson bekennt, daß die Liste zu Beginn aktiver war, aber daß sie seit kurzer Zeit, abgesehen von einem gelegentlichen Flackern, ruhiger geworden ist. "Das Netz verändert sich sehr schnell", wie Carlson erklärt, "und die Listen kommen und gehen. Die Energie bewegt sich woandershin."

Dieser Prozeß der Implosion kann für diejenigen, die an der Etablierung ihrer eigenen Grassroot-Bewegungen im Internet interessiert sind, entmutigend sein. Für HOL scheinen die Tage gezählt zu sein. Obgleich die Anzahl der Abonnenten so hoch wie nie zuvor ist, gibt es kaum einen Input. Überdies geht der ausgetauschten Information ein Thema und Substanz ab. Nach Carlos hat sich "die Gemeinschaft fast aufgelöst."

Implosion der offenen Foren - und Gründe, warum lokale virtuelle Gemeinschaften weiterhin wichtig wären

Carlson ist jetzt mit iSYS , einen kommerziellen Internet-Provider in Ungarn, ins Geschäft gekommen. Konsequenterweise will er nun die Liste von Kalifornien wieder nach Ungarn verlegen, da er sie jetzt selbst betreuen kann. Er denkt daran, den Diskussionsbereich ganz zu schließen und daraus eine Liste im Stil einer Zeitung zu machen.

Obgleich die Implosion wieder ein anderes Opfer gefunden zu haben scheint, ist nicht die Apathie der Benutzer der Grund, der letztlich das Weiterbestehen einer wirklichen Informationsinfrastruktur von unten bedroht. Europäische Politiker, die dem Weg von Bill Clinton und dem amerikanischen Kongreß folgen, versuchen nun mit aller Kraft, Gesetze zu verabschieden, die die Redefreiheit einschränken sollen. "Erste Ansätze sind", so die Europäische Kommission," bereits gemacht und müssen weiter verfolgt werden, um eine Regulierung zu ermöglichen, die minimal, aber angemessen ist." Wenn eine demokratische Gesellschaft vorwiegend auf dem Zugang zu und dem freien Fluß von Information basiert, dann ist jede Form der Regulation, egal wie minimal, ganz offensichtlich antidemokratich.

Obgleich HOL wahrscheinlich an sich selbst zugrundegehen wird - wie so viele andere ähnliche Foren -, sollte die Bedeutung und die Macht nicht moderierter Listen im Internet nicht unterschätzt werden. Abgesehen davon, daß in ihnen neue Ideen vorgestellt und Information ausgetauscht werden kann, können sie Instrumente zum Unterlaufen der Zensur und zum Umgang mit der Bürokratie darstellen. Sie können auch die Macht der Konsumenten verstärken, indem sie ein billiges und wirksames alternatives Medium bereitstellen, um Beschwerden mitzuteilen. Manchmal kann auch eine Wiedergutmachung erzielt werden. Andere Abonnenten können nicht nur Informationen darüber geben, wie sich ein Problem lösen läßt, sondern viele Unternehmen stöbern auch im Internet herum, weil sie sehr empfindlich gegenüber einem schlechten Ruf sind, um sicher zu gehen, daß es mit ihrem Bild im Cyberspace alles in Ordnung ist.

Nicht moderierte Listen sind auch wichtig für die Bildung und Bewahrung des Konzepts einer Gemeinschaft, das in unserer geschäftigen und eiligen Welt verlorengeht. "Zu Beginn trafen sich eine Menge Menschen in HOL, die sich sonst nie begegnet wären," stellt Carlson fest. "Eine kleine Gemeinschaft entstand aufgrund der Liste. Diese Gemeinschaft wuchs auf 10 aktive Mitglieder und einige weitere an, die hin und wieder teilnahmen."

European Online Development

Parallel zum Internet entwickeln sich auch die Bewegungen von unten weiter, die mit ihm verbunden sind. Es wurde bereits eine andere Liste gebildet, die möglicherweise die Stelle von HOL als Diskussionsforum einnehmen könnte. European Online Development (bekannt als online-europe) ist eine themenspezifischere und internationale nicht-moderierte Liste, die für jene entwickelt wurde, die in Europa und der GUS im Internet aktiv oder an diesem interessiert sind.

Die Idee für diese List entstand während der West-Ost-High-Tech-Konferenz, die im Oktober 1995 in Bled, Slowenien, stattfand. Diese Konferenz ist ein jährliches Treffen kleiner und mittlerer Internet-Provider. Als Pioniere beim Aufbau der Informationsinfrastruktur in Osteuropa war sich die Gruppe in einer überraschend großen Zahl von Themen einig. Obgleich viele ihr tägliches Brot als Online-Provider verdienen, sahen sie doch ein, daß die wirkliche Zukunft der neuen Medien nicht im Zugang, sondern im Inhalt liegt. Überdies ist die Form, die dieses revolutionäre Medium annehmen wird, und wer es in welcher Höhe und für welchen Inhalten bezahlen (oder kontrollieren) wird, noch immer ein Geheimnis.

Alle Mitglieder denken über Privatheit, Copyright, Verschlüsselung, Zensur oder Verleumdungen nach und wissen, daß es vielleicht bald für diese und andere Probleme Gesetze geben wird. Wie mit dem Exon Amendment to the Telecommunication Bill, das vom Kongreß der USA verabschiedet und von Bill Clinton unterschrieben wurde, werden die neuen Gesetze von Menschen verfaßt, die das Internet niemals benutzt haben und die folglich sehr wenig über die Online-Wirklichkeit Bescheid wissen.

Das Internet wird aber nicht nur nur von politischen Interessen, sondern auch von kommerziellen bedroht. In ganz Osteuropa entdecken die Telekom-Unternehmen den Geschmack von Gewinnen, die man mit diesem neuen Medium erzielen kann. Diese größtenteils staatseigenen oder vom Staat beeinflußten Unternehmen favorisieren ein bequemes Monopol aus finanziellen und politischen Gründen. Trotz beträchtlichen finanziellen Ressourcen und politischem Einfluß wird es für kleinere Internet-Provider und Bürgerorganisationen schwieriger, mit diesen Giganten auf derselben Ebene und einem garantierten Spielfeld mitzuhalten.

Die neue Liste hofft daher, den wachsenden Bedrohungen seitens der staatseigenen und multinational agierenden Unternehmen im Internet durch die Etablierung einer wertvollen Ressource begegnen zu können, d.h. durch ein Forum, um herauszufinden, was andere in Europa und der GUS machen, und durch einen Ort, um das zu beobachten, was geschieht, und daraus zu lernen.

Wenn man dies einen Schritt weiter denkt, dann wäre es nicht unwahrscheinlich, daß eine dauerhafte Gemeinschaft durch den Gebrauch des Internet zustandekomme kann. Wir müssen uns nicht mehr auf die komplexen sozialen und politischen Organisationen des modernen Nationalstaates stützen. Aussenpolitik kann jetzt auf einer lokalen Ebene betrieben werden. Die Furcht vor Provinzialismus, die eine der Haupteinsprüche gegen dauerhafte Gemeinschaften war, ist nicht mehr zutreffend, wenn die Welt nicht weiter entfernt ist als Nachbar in der nächsten Wohnung.

http://www.heise.de/tp/artikel/1/1008/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Telepolis Gesprä

Richtig Wählen

Was tun bei den anstehenden Bundestagswahlen: Wählen, Abwählen, Protestwählen, Nichtwählen? Prof. Dr. Armin Nassehi und Prof. Dr. Joachim Behnke über die im neuen Kursbuch 174 gestellte Frage: Wer wählt wen und warum?

Telepolis, die Bayerische Amerika-Akademie und der Murmann Verlag laden ein am 10. Juni um 19:30 Uhr in das Amerika Haus in München.

bilder

seen.by


TELEPOLIS