Virtuelle Gemeinschaften

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Im Zentrum Ihres Buches steht der Kommunikationsaspekt des Internet. Sie konzentrieren sich in Ihren Untersuchungen auf Internetbereiche wie MUDs und MOOs. Dabei handelt es sich um 'virtuelle Gemeinschaften', d.h. um eine Anzahl von Leuten, die sich in bestimmte Bereiche des Internet gleichzeitig einloggen und miteinander mehr oder weniger regelmäßig kommunizieren.

TURKLE: MUDs und MOOs sind digitale Treffpunkte bzw. Spiellandschaften. Die MUDs, mit denen ich mich befaßt habe, sind reine Textwelten, an denen die Teilnehmer permanent weiterschreiben. Es handelt sich also um eine Art kollektiv geschriebener Literatur. "MUD" bedeutet "Multi User Dungeon" (dt. Vielnutzerkerker). Darin kommt die historische Herkunft aus "Dungeons and Dragons" - einem Phantasierollenspiel, das in den siebziger und achtziger Jahren weit verbreitet war - zum Ausdruck. Die MOOs sind eine bestimmte Sorte von MUDs. Die Besonderheit der MOOs besteht darin, daß die Teilnehmer nicht nur ihre Identität selbst neu erfinden, sondern auch den Raum erzeugen können, innerhalb dessen sie und die anderen Teilnehmer sich bewegen. MUDs und MOOs sind sehr phantasiereiche, imaginative Welten. Sie haben viele Ähnlichkeiten mit der Performance-Kunst, dem Straßen- und Improvisationstheater, ja sogar mit der commedia dell'arte. Die Teilnehmer sind nicht nur Autoren des Textes, sondern zugleich Erfinder ihrer eigenen Rollen. MUDs und MOOs sind Welten, in denen Menschen anonym miteinander interagieren können und in denen man Rollen spielen kann, die so weit entfernt oder so nahe am 'wirklichen Selbst' sind, wie man es möchte.

Wie kann man sich die fast schon obsessive Lust an der Kommunikation erklären, die in den virtuellen Gemeinschaften zutage tritt?

TURKLE Die Menschen, die neue Identitäten in virtuellen Landschaften ausprobieren, wollen Aspekte ihrer selbst kennenlernen, die sie im 'wirklichen Leben' nicht artikulieren können.

Das bringt unsere traditionelle Vorstellung von der einheitlichen und über die Zeit konstanten personalen Identität ins Wanken.

TURKLE: Das ist richtig. Das Internet ermutigt uns dazu, unsere Identitäten als vielgestaltig und flexibel zu sehen. Ein MUD-Spieler sagte zu mir: "RL (Internetjargon für 'real life') ist nur ein Fenster mehr; und es ist normalerweise nicht mein bestes Fenster." Das Leben im Internet, die virtuelle Existenz auf dem Bildschirm kann uns dazu bringen, über die vielen, unterschiedlichen Rollen nachzudenken, die wir im alltäglichen Leben (z.B. im Laufe eines Tages) spielen. Viele von uns "wachen als Geliebte auf, frühstücken als Mutter und fahren als Anwältin zur Arbeit." Das Leben im Internet dramatisiert und konkretisiert diese Verhältnisse.

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