Internet in Südafrika

01.02.1996

Nachrichten von der Südhalbkugel

Südafrika ist das Land mit der bestausgebauten Telekommunikationsinfrastruktur in Afrika. So können auch zunehmend kleine Interessensgruppen ihre Anliegen über das Internet wahrnehmen. Miriam Lang sprach mit Lydia Samuels, Bush Radio, Kapstadt und Shareef Cullis, Centre for Democratic Communication, Johannesburg

Kapstadt - Foto Jon.M.Perry

Das Interview führte Miriam Lang, Gesprächspartner waren Lydia Samuels, Bush Radio, Kapstadt und Shareef Cullis, Centre for Democratic Communication, Johannesburg

Welche Bedeutung hat das Internet in Südafrika? Es heißt ja,daß der gesamte afrikanische Kontinent in der Internet-Landkarte ein weißer Fleck ist.

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Shareef: Es hat erst vor kurzem eine Konferenz zu der Frage gegeben, wie Afrika besser angeschlossen werden kann. Was Südafrika betrifft, so hat es einen sehr guten Anschluß. Namibia hat auch einen, Botswana nicht, in Simbabwe und Mocambique wird an den Universitäten gerade etwas aufgebaut. Ich denke aber,daß die Frage des Internet-Anschlusses gerade für Afrika eine ganz besondere Bedeutung hat.

Warum?

Shareef: Das ist immer die grundsätzliche Frage: Brauchen wir das Internet oder brauchen wir Toiletten? Das wird gegeneinander gestellt. Es wird diskutiert, ob es sinnvoller ist, einer verhungernden Gemeinschaft einen Sack Kartoffeln zu geben oder das Internet. Wenn man sich die Einflußmöglichkeiten des Internets ansieht, kann es eine sehr gute Möglichkeit sein, andere Probleme darüber zur Sprache zu bringen. Das Internet ermöglicht der Gemeinschaft, die Grenzen, die ihr unmittelbar gesetzt sind, zu überwinden.

Wie viele Leute wissen in Südafrika, was das Internet ist?

Lydia: Viele wissen es nicht, aber es gibt auch genügend Leute, die z.B. aus der Medienwelt kommen und auch die Möglichkeiten kennen, die das Internet bietet. Für mich ist das Internet ein Instrument, das man den Leuten zur Selbsthilfe an die Hand geben sollte. Wenn ich ein Problem habe, kann ich mit jemandem irgendwo in der Welt Verbindung aufnehmen, der ein ähnliches Problem hat, und Erfahrungen und Lösungsstrategien austauschen. Ich muß nicht erst tausende von Dollar ausgeben für Auslandsreisen auf der Suche nach anderen, vergleichbaren Erfahrungen.

Ganz zentral ist allerdings die Frage des Zugangs. Mir schwebt da so etwas wie ein Gemeinschaftszentrum in einer Stadt oder einem Dorf vor, wo ganz normale Menschen kostenlos Zugang bekommen zu all der Information, die auf dem Netz liegt. Im Moment befindet sich das Internet in Südafrika noch in den Händen von ganz wenigen, einer Elite.

Wer sind diese Leute? Universitätsangehörige?

Shareef: Es sind unter anderem Studenten, aber zum Beispiel hat die Gewerkschaftsbewegung jetzt auch ein eigene Homepage, der ANC hat eine und viele Nichtregierungsorganisationen auch. Die sorgen auch dafür, daß immer mehr Organisationen ins Internet kommen. Es handelt sich also zum Teil um privilegierte Einzelpersonen, aber vor allem um Gruppen, die auch politisch damit arbeiten.

Ist der Internet-Zugang denn schwer zu finanzieren?

Viele Leute haben Computer bei uns. Südafrika ist ein sehr entwickeltes Land. DasTelefonnetz wird gerade weiter ausgebaut, um auch ländliche Gemeinden anzuschließen. Dabei werden Leitungen nach den neuesten technischen Standards verwendet.

Die meisten Städtebewohner haben bereits Telefon, in den ländlichen Gegenden gibt es auch mindestens einen öffentlichen Anschluß in Reichweite. Und wo jetzt Leitungen verlegt werden, bedeutet das, man kann dort auch einen Computer mit einem Touchscreen aufstellen als Informationszugang für die Leute. Die entsprechende Software, die auf Stimme und Berührung reagiert, muß zwar noch entwickelt werden, aber es gibt Möglichkeiten, auch ungebildete Leute zum Navigieren im Netz zu bringen. In Südafrika ist das alles vergleichsweise einfach umzusetzen, in den Nachbarstaaten gibt es da viel größere Hindernisse.

Wüßten diese Leute denn, was sie mit dem Internet anfangen sollen?

Lydia: Ich denke, Technologie sollte auch als Vehikel für Entwicklung eingesetzt werden . Wenn die Leute in Community Centres und Bibliotheken die Möglichkeit bekommen, das Internet zu nutzen, dann werden sie allmählich auch die Scheu vor der Technologie verlieren. Heute würde meine Mutter sicher keinen Computer anfassen, aber die Menschen lernen das. Das war auch nicht anders, als der Fernseher aufkam. Diese Technologien müssen demystifiziert werden, das ist alles.

Shareef: Wir sollten das Internet als ein Element des cultural empowerment betrachten. Heute schon kommen Leute in mein Büro und fragen etwas, und ich sage ihnen: komm, wir sehen im Internet nach. An irgendeinem Punkt wächst ihr Interesse, und ich zeige ihnen, wie sie den Computer und Netscape selbst bedienen können. Für manche richte ich einfach Bookmarks ein, das erleichtert die Suche.

Glauben Sie, daß das Internet als Medium ein politisches Potential für Demokratisierung haben kann?

Shareef: Wir machen auch Schulungen mit Leuten vom ANC, von COSATU und von der kommunistischen Partei, wo sie lernen, mit den neuen Technologien zu arbeiten und untereinander zu kommunizieren. Denn wenn sie das nicht lernen, werden sie auch politisch im Abseits landen. Dasselbe gilt für Basisradios, community-Fernsehstationen und Nichtregierungsorganisationen. Ich will damit nicht Position beziehen in der Frage, ob das Internet an sich in die Demokratie führt oder nicht. Ich sage lediglich, benutzt es als ein Werkzeug für eure eigenen Ziele.

Glauben Sie, daß das Internet dazu beitragen kann, den Graben zwischen Norden und Süden zu verringern?

Shareef: Es erleichtert auf jeden Fall die Kommunikation, auch zwischen Norden und Süden, und das ist schon etwas wert. Ich kann meine persönliche Sicht der Dinge mitteilen, bin sichtbar. Davon abgesehen ist e-mail einfach ein sehr brauchbares System. Egal, auf welchen Konferenzen ich mich wo befinde, kann ich täglich mit meinen FreundInnen und GenossInnen in Kontakt bleiben und dringende Fragen auch diskutieren. Wenn wir erst einmal Videokonferenzen machen können, wird das noch einfacher sein.

Interview: Miriam Lang

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