DER HYPERLIBERALISMUS DES INTERNET

Paul Treanor 12.08.1996

Die politische Ethik des Internets ist, wie seine Struktur, liberal. Dabei demonstriert es in Wirklichkeit die Mängel des Liberalismus: es kann und sollte beendet werden.

Der Liberalismus als eine Ethik, der es um die Maximierung von Interaktionen geht, hat eine ganze Reihe unterschiedlicher Strukturen hervorgebracht. Das Internet als "Marktplatz" für Ideen zeigt deutlich die Charakteristika liberaler Strukturen und intensiviert sie. Das Netz ist viel mehr ein politischer oder ethischer denn ein technologischer Begriff. Das Netz droht damit, sich der ganzen Welt aufzudrängen. Falsch daran ist nichts anderes als das Netz selbst; eine Befreiung von Zensur oder ein gleicher Zugang für alle könnten es nicht bessern. Die Schlußfolgerung ist simpel - Das Netz muß zerrissen werden, und Europa ist der Ort, damit zu beginnen.

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Dreißig Jahre nach Daniel Bells "The End of Ideology" treten neue Ideologien auf. Eine ist der "Netismus", die aggressive Befürwortung des Internet (des Cyberspace, interaktiver telematischer Medien u.s.w.). Er ist nicht gänzlich neu: seine grundlegenden Bestandteile sind liberal, und sein Modell einer Internet/Cyberspace-Zukunft ist hyper-liberal. Das Netz (so, wie es ist) sollte hinsichtlich dieser Ideologie und ihrer Ziele beurteilt werden, nicht aber hinsichtlich von internen Problemen der Internetgemeinde. Die politische und ethische Frage ist nicht, wie diese Gemeinde ihre Mitglieder beschützen und regulieren soll, sondern wer den Rest der Welt gegen das Netz und die Netizisten verteidigt?

Das reicht über die Frage hinaus, von wessen Internet wir reden. Die Ungleichheit der Internetzugänge wird selbstverständlich berücksichtigt: Benutzer stammen aus den am besten ausgebildeten und verdienenden zwei Prozent der Weltbevölkerung und ihren studentischen Kindern. Das Netz zu gebrauchen, erfordert Geld, einen Computerterminal, die Fähigkeit, ihn zu benutzen und englische Sprachkenntnisse oder doch die der lateinischen Schreibweise. Die Verbreitung des Telefons läßt vermuten, daß die universale Verfügbarkeit des Netzes eine Frage von Generationen ist. Und selbst der universale Zugang garantiert keine Kontrolle: die wird wahrscheinlich in den Händen der gleichen zwei Prozent bleiben.

Gleichwohl setzt die Netzideologie unbeschränkten Zugang voraus. Der entscheidende Punkt ist: das Netz ist auch mit dieser Voraussetzung defizitär. Es ist wichtig, zwischen dem real-existierenden Internet mit seinen augenscheinlichen Mängeln wie dem ungleichen Zugang auf der einen Seite, und dem Netz der Ideologie, der universellen elektronischen Gemeinde, zu unterscheiden. Für die Advokaten des Internet gilt, daß der zweite Aspekt den ersten rechtfertigt. Ich denke, daß es ganz genau das mögliche Internet ist, das alle Versuche, es zu bauen, disqualifiziert.

Die gegenwärtige Realität des Netzes ist gewiß nicht die einer globalen Gemeinde, ja, nicht einmal eine Annäherung daran. Dafür bedürfte es entweder einer universellen, zweiten Sprache oder automatischer Übersetzungen. Doch nichts davon steht uns bevor. Der momentane Status des Netzes ähnelt dem von CNN vor zehn Jahren. Damals glaubten einige, das globale Fernsehen habe begonnen. Seither und aufgrund sinkender Kosten hat CNN Nachahmer gefunden, unter anderem in französischen, englischen, deutschen und arabischen globalen Kanälen. Im Rückblick erscheint CNN als nationaler US-Kanal mit globaler Reichweite - eine Beschreibung, die ebenso auf die sogenannten "multinationalen" Unternehmen zutrifft. Die gegenwärtige Vorherrschaft des Englischen im Netz mag eine zeitweilige sein. Im gleichen Maße, in dem die Verwendung nationaler Sprachen zunimmt, wird der nationale Gebrauch des Netzes wachsen - der internationale Gebrauch wird entsprechend zurückgehen, der US-amerikanische unverändert andauern. Wenn demgegenüber die Netzideologie die universale Kommunikation voraussetzt, so ist dies in sich falsch. Das wahre Problem aber würde auftreten, wenn eine globale Gemeinde entstünde.

Was genau ist falsch am Internet?

Falsch ist zunächst die Existenz des Netismus, der wahren Lobby des Internet, und seine Auswirkungen. Diese Lobby, diese Bewegung findet ihren Ausdruck in Gruppierungen wie der Electronic Frontier Foundation oder auch in offiziellen Kommissionen wie der Martin Bangemanns, die als erste die Politik der EU formulierte. Es gibt kein offizielles oder verbindliches Statement des Netismus als Ideologie, aber zwei Dokumente kommen dem recht nahe: "Cyberspace and the American Dream - A Magna Charta for the Knowledge Age" verfaßt u.a. von Alvin Toffler und Esther Dyson und "People and Society in Cyberspace" von G.A.Keyworth von der Progress and Freedom Foundation.

Der Netismus ist falsch, weil er zwanghaft expansiv ist.

Es gibt keine inhärenten oder unausweichlichen technischen oder historischen Gründe für ein einziges Kommunikationsnetzwerk. Nie zuvor in der Geschichte waren so viele separate Netzwerke technisch möglich. Alle Netzwerke zu verbinden, ist eine bewußte Entscheidung, eine Wahl, die anderen hernach aufgedrängt wird. Die Logik entspricht derjenigen kolonialer Regierungen, die Bauern durch die Einführung von Barzahlungen der Steuern auf den Markt drängen. (Um die Steuern zu zahlen, mußte der Bauer Waren wie Zucker gegen Geld verkaufen.) Die Logik sagt am Ende: "Niemand ist frei, jenseits des freien Marktes zu bleiben".

Heutzutage drängen nicht nur Regierungen, sondern Unternehmen, soziale Bewegungen, Intellektuelle und Künstler ins Netz. Hinter dieser breiten Bewegung steht offenbar mehr als die Suche nach Profit (und auch ein Non-Profit-Netz wäre falsch). Es handelt sich vielmehr um eine ideologische Bewegung, die nach ideologischer Steigerung sucht. Diese Steigerung selbst, der Universalismus, der Expansionismus, ihre zwanghafte Natur, die grundsätzliche Unfreiheit, sich zu entziehen - das ist es, was liberale Strukturen falsch macht. Das gilt für den freien Markt, und das gilt auch auf inhärente Weise für das Internet.

Das Basismodell für das Netz stammt aus dem klassischen Liberalismus: es ist ein elektronisches "laissez-faire, laissez-aller" des freien Marktes. Aktivisten in den Vereinigten Statten zitieren auch explizit aus der angloamerikanischen liberalen Tradition - man werfe nur einen Blick in eine beliebige Ausgabe von Wired, einer der einflußreichsten Zeitschriften des Internet der neuen Medienwelt. Diese Tradition bestimmt die Haltung dem Staat gegenüber: ihre Vertreter wollen einen minimal-regulierten Nachtwächter-Staat in elektronischer Form. (Und hier ist selbst das klassische Problem der Sexualmoral vs. "Sex als Produkt" wieder aufgetaucht.) Das gesamte Modell ist ethisch unhaltbar. Schon aus dem einfachen Grund, weil das Netz neben seinen Benutzern auch andere angeht, können diese nicht selber ihre Regeln schreiben. Keine Form einer interner Regulierung oder deren Nicht-Existenz kann a priori als legitimer Ersatz externer Regulierung gelten. Internet-Benutzer können nicht beschließen, den Staat (oder sonst wen) als Regulator auszuschließen, nur weil ihnen das so gefällt.

Es ist sinnvoll, an diesem Punkt die Kennzeichen und Ziele des Liberalismus zusammenzufassen. Er sucht nach (a) Vergrößerung von Interaktionen; (b) Vergrößerung der Anzahl derer, die interagieren; (c) Vergrößerung der Anzahl derer, die von jeder Transaktion betroffen sind; und (d) Vergrößerung des Bereiches, in dem die Interaktion stattfindet. Durch den Aufbau von Interaktionsketten vermittelt er Ursache und Wirkung: er kollektiviert Handlung. Konkret heißt das: Man kann als einzelnes Individuum die Nord-Süd-Handelsbedingungen nicht durch den Kauf eines Päckchens Kaffee verändern - selbst dann nicht, wenn man jeden Einkauf auf ungerechte Bedingungen hin untersucht. Auf vergleichbare Weise kann man keine individuelle Kontrolle über das Internet erlangen und somit auch keine moralische Entscheidung bezüglich des Netzes treffen. Das ist es, was den Liberalismus und seine Strukturen unmoralisch macht: sie zerstören die moralische Autonomie des Subjekts. Wenn das Netz sich als liberal herausstellt, zeigt es sich zugleich als unmoralisch.

Was ist falsch an der Kommunikation?

Der Netzideologie gilt nun aber genau dies als größte Leistung des Internet, die aus liberalen Modellen abgeleitet ist. Liberale sehen Ideen und Meinungen als Tauschobjekte an. Wenn ein Liberaler eine Meinung hat, möchte er oder sie diese "ausdrücken" und mit anderen austauschen. Die Priorität von Dialog und Kommunikation in neoliberalen Theorien (wie der kommunikativen Ethik ) entspricht exakt der Priorität des Tauschmarktes im klassischen Liberalismus. (In diesem Sinne haben kommunikative und dialogische Ethiken bereits den politisch-ethischen Rahmen für das Internet errichtet.) Die Informationsgsellschaft ist eine liberale Gesellschaft des Hyper-Tauschs: der Bürger übermittelt, erhält und leitet eine Strom von Ideen und Meinungen weiter, als wäre er eine Art Nick Leeson des Dialogs. Es ist sicherlich wahr, daß nur das Internet (oder etwas damit Vergleichbares) dies möglich machen konnte, doch das macht es noch nicht richtig.

Was also ist so grundsätzlich falsch an der Kommunikation oder dem Dialog? Warum ist es falsch, Ideen untereinander auszutauschen? Weil die Grundvoraussetzungen falsch sind. Das liberale Modell des Dialogs und der Kommunikation geht zum einen davon aus, daß Ideen einheitlich sind (in der Art, wie mit ihr umzugehen ist, ähnelt eine Idee einer beliebigen anderen), und zum anderen, daß Ideen von ihrem Austausch profitieren. Sie sind nicht das erste, und tun nicht das zweite.

Man muß nur die Ideen in zwei Kategorien unterscheiden, um den Irrtum zu bemerken: in die Kategorie des Plans und die des Arguments. "Pläne" sind Vorschläge für einen Wandel; "Argumente" sind Ideen, die vorgebracht werden, um Pläne zu aufzuhalten. Der Austausch von Ideen nützt den Argumenten - und dem Konservativismus. Ideen zu trennen, nützt Plänen und dem Wandel. Es ist hier gar nicht nötig, die "wahre Natur der Ideen" zu untersuchen, denn bereits diese zwei Kategorien beschreiben genau einige Eigenschaften der Politik. Nahezu jede Zeitung und jede Nachrichtensendung zeigt einige Politiker, die gegen irgendeine Reform oder Neuerung argumentieren.

Sich an Dialogen zu beteiligen ist, als allgemeine moralische Vorschrift, unmoralisch. Nicht jede Kommunikation ist gut, ja, möglicherweise sind die meisten schlecht. Auf jeden Fall schlecht für einen Wandel. Die beste Strategie, um einen Wandel herbeizuführen, ist gewöhnlich, sich von politischem Druck fernzuhalten; und liberale Gesellschaften gestalten genau dies schwierig. Das Internet verschlimmert diesen konservativen Vorteil.

Die Standardantwort des Liberalismus, und nun des Netismus, auf dieses Problem ist die Behauptung, daß er a) politische Neutralität und b) die Gleichheit der Beteiligten garantiere. Das typisch liberale Argument, wonach formale Gleichheit (d.h., die Bürgerschaft) andere Formen der Ungleichheit rechtfertige, gilt auch für das Netz. Eine formale Gleichheit - die des Zugangs oder der Kommunikation - wird selbst dann dazu benutzt, das Netz zu rechtfertigen, wenn sie noch in der Zukunft liegt. In Wirklichkeit sind es wie im freien Markt gewöhnlich jene mit den schwächsten Ausgangspositionen, die am meisten unter der unbegrenzten Interaktion leiden.

Es kann keinen Zweifel daran geben, daß der freie Markt kurzfristig soziale Ungleichheiten verstärkt. Seine Verteidiger argumentieren damit, daß dies durch eine langfristige Bereicherung für alle aufgewogen wird - wie im Argument des Tripple-down-Effekts oder in Rawls erlaubten Ungerechtigkeiten.

Glücklicherweise wird die Fähigkeit des Marktes, Ungleichheiten zu verstärken, durch physikalische Grenzen des Warentauschs eingeschränkt. Gleichwohl ist es seit drei Jahrhunderten offensichtlich, daß der unbeschränkte Autausch von Aktien oder spekulativen Güter (selbst Tulpenzwiebeln) zu harten Ungleichheiten führen kann.

Das Internet hebt die physikalischen Begrenzungen nahezu vollständig auf und erlaubt einen großen Anstieg diodischer oder triodischer Effekte (d.h.: der Verstärkung von Ungleichheiten durch die anfängliche Ungleichheit selbst, der diodische Effekt - bzw. der Verstärkung durch dritte Faktoren, der triodische Effekt). Weniger theoretisch formuliert heißt das: Der Gewinner dieses Prozesses wird mit ziemlicher Sicherheit dieselbe gut ausgebildete, gut bezahlte Elite sein, die zuerst das Internet nutzte. Das Schlimme daran ist, daß die allgemeinen Verlierer die innovativen Minderheiten sein werden.

Einheit und Monopol

An dieser Stelle tritt ein weiteres Prinzip des Liberalismus in Kraft, welches ihn mit anderen Ideologien verbindet. Niemand kann gehen, auch wenn er unter der Interaktion leidet. Niemand kann die "Arena der Interaktion" verlassen - den Markt, die liberale Demokratien, die globale Ökonomie, das Internet. Der Begriff "Arena" beschreibt diese Situation metaphorisch. Einige, ja viele Menschen betreten diese Arenen freiwillig, aber dies gestattet ihnen nicht, andere mit hineinzuziehen. Dabei ist die Metapher des Netzes selbst noch besser: "Netze" braucht man, um die Beute zu fangen.

Wenn sich die Beute einfach davonmacht, endet der Liberalismus: es gibt keinen Markt, keine Demokratie und kein Internet ohne Teilnehmer. Die Antwort des Liberalismus auf diese Aussicht ist simpel: er macht jede Flucht unmöglich. Es darf nur eine Ökonomie geben, die des freien Marktes. Es darf nur eine Staatsform geben, die der liberalen Demokratie. Es darf nur ein Internet geben. Etwas eint alle Texte über das Internet: das Wort steht immer im Singular. Wie auch, fast immer, das Wort Cyberspace. Dahinter steckt die meist explizite Absicht, alle Kommunikationsnetze, ja alle Kommunikation einheitlich zu verbinden. In ökonomischen Begriffen ist das Internet ein Monopol per definitionem.

Um eines zu bleiben, darf ein Monopol keine Alternativen zulassen und sich nicht aufsplittern. Der Begriff des Monopols impliziert den der Einheit: Monopole implizieren ihre Expansion an die Grenzen. Eine globale Ökonomie ist keine globale Ökonomie, wenn es zwei davon gibt. Global zu sein bedeutet, eins zu sein und unhinterfragt. Dies gilt nicht nur für die Ökonomie. Es gibt in der westlichen ebenso wie in der nicht-westlichen Tradition eine lange Geschichte der Einheit als Wertprinzip, der Einheit als dem Ziel aller Dinge. Ihre modernen Varianten (die der philosophischen Antizipation des Cyberspace am nächsten kommen) werden häufig vom Werk Teilhard de Chardins abgeleitet. Diese evolutionär-holistischen Ideen sind zugleich durch und durch mit der New Age Bewegung vermischt, von wo aus sie die holistische Vision des Cyberspace beeinflußt haben.

Ein weiteres altes und weniger abstraktes Prinzip ist das der politischen Einheit. Es ist gleichfalls mit dem monopolistischen Anspruch des Liberalismus verbunden. An dieser Stelle wird dann auch die Bedeutung von Begriffen wie der digitalen Bürgerschaft, der digitalen Demokratie und der digitalen Politik evident. Ebenso klar ist, aus welchem Grund die poitische Elite in Europa bereit ist, die Ideen, die auf den ersten Blick kontra-elitär sind, zu befürworten. (Das EU-Informationsgesellschafts-Projektbüro koordiniert und informiert über diese Politik. Die faktische Einheit, die die Arena des freien Marktes gestaltet, ist der Nationalstaat. Liberalismus und Nationalismus sind Waffenbrüder des 19. Jahrhunderts.

Der Markt läßt die Nation erstarken: Bürger beeinflussen einander durch Interaktion, was wiederum einen Prozeß der Konvergenz in Gang setzen kann. Die Rolle von Massenwaren und Massenmedien innerhalb der europäischen Nationen des 19. Jahrhunderts ist bekannt. Ein Anwachsen der Interaktion vermag diesen Prozeß zu intensivieren, und dies ist es, was der Netismus positiv bewertet. Die Intensivierung konvergenter politischer Partizipation kann die Position von Eliten stärken. So geht der Liberalismus der Advokaten des Netzes über in einen Organizismus, einen Pan-Organizismus und verschiedene Formen des Ultra-Kommunitarismus. Alle diese Ideologien teilen die Betonung der Einheit, der Fluchtverhinderung und der Unteilbarkeit: ein globaler Markt, eine (globale) Ökonomie, ein globales Gehirn, das uns zu einem kosmischen Bewußtsein verhilft.

Abstrakte Begriffe wie dieser werden schnell zu Problemen, wenn man sie in die Praxis "übersetzt". Das Netz beispielsweise wird von seinen neoliberalen Verteidigern dafür gepriesen, Schranken zu überwinden: die Auflösung der Grenzen um ihr eigenes privaten Eigentum steht dabei jedoch nicht auf der Agenda. Sie preisen die gemeinsame Gemeinschaft, die das Netz entstehen läßt, als gemeinsame Informationswirtschaft und gemeinsame globale Gesellschaft, jedoch nicht das gemeinsame Eigentum, geschweige denn den Kommunismus. Das mag eine banale Tatsache sein, reflektiert jedoch den politischen Sprachgebrauch.

Ansprüche können in verschiedenen "Sprachen" erhoben werden: in der gewöhnlichen Sprache der Rechte oder der Verpflichtungen ebenso wie der alternativer Zukünfte des Universums. Begriffe wie "kosmisches Bewußtsein" können für nahezu alles eingesetzt werden.

Der Trend zu nationalen Kulturen

Abgesehen von solchen großen Perspektiven werden wir, wie bereits angedeutet, auf kurze Sicht möglicherweise ein Erstarken nationaler Kulturen erleben. Das existierende (hauptsächlich US-amerikanische) Internet wird nationale Varianten entwickeln. Schon bald werden Experimente mit digitaler Demokratie ähnliche Schwierigkeiten mit nationalstaatlichen Grenzen erfahren, wie dies beim Liberalismus des freien Handelns geschehen ist. Einheit kann einige koexistierende Ebenen der Einheit akzeptieren, jedoch immer weniger, wenn die Interaktion zunimmt. In der jüngsten US-Politik zum Beispiel traten zwei Liberalismusformen des freien Marktes in Konflikt: jene, die den Markt hauptsächlich als Modell einer nationalen Ökonomie sehen, und jene, die einen vollständigen globalen freien Handel befürworten.

Dieses latente Problem scheint von den Advokaten eines Modells digitaler Demokratie, das selbst einen Teil der Netzideologie darstellt, ignoriert zu werden. Keiner kann logisch dafür argumentieren, daß das Netz die Welt vereint, und im Anschluß nach elektronischen Wahlverfahren für Nationalstaaten rufen - und doch finden sich eben diese widersprüchlichen Ansichten oft in einem Text. Die gegenwärtige Wahl des Netismus fällt ganz klar auf den Nationalstaat. Auf dieser Ebene ist dann auch das Internet fest verankert im 19 Jahrhundert: soweit sie auf die Praxis angewendet werden, sind Bürgerschaft und Polis ethnisch und national organisiert. Keiner der digitalen Demokraten ist bislang so weit gegangen, 500 Millionen Afrikanern zu erlauben, 250 Millionen Amerikaner in einem Einwanderungspolitik Referendum zu überstimmen.

In historischen Begriffen ist das Kommen des Netzes deswegen kein Wendepunkt. Es ist eine Fortsetzung uralter Prinzipien: daß Menschen in Gemeinschaften oder Gesellschaften leben sollen, durch den Kitt der Identität verbunden und durch Netze der Interaktion, des Handel, der Kommunikation und des Wettbewerbs miteinander verwoben. Diese Strukturen - denn dies ist die beste Metapher dafür - existierten bereits, bevor die liberale Ideologie sich ihrer annahm. Das Internet wiederum intensiviert solche langfristigen und sehr stabilen Strukturen. Als eigene Struktur droht das Internet dem freien Markt als gesellschaftliche Stabilisierungskraft in Reichweite, Intensität und Wirkung gleichzukommen. Aus dem Netz heraus zu treten, wird dann so unrealistisch werden, wie heute Geld zu boykottieren.

Historisch gesehen ist die Entscheidung für das Netz eine Entscheidung für die Vergangenheit. Das läßt sich sicherlich nicht mit historistischen Argumenten über technologische Trends rechtfertigen. Nur ein Bruchteil der physikalischen Infrastruktur des Netzes hat auf lange Sicht etwas mit dem zu tun, was es zum Internet macht. Selbst wenn dies fehlte, würde die verbleibende Infrastruktur sich nicht entscheidend verändern. Mehr noch: eine Politik der Zerstreuung der Kanäle - "non-multiplexing" - ist ebenso durchführbar wie die Etablierung eines einzigen globalen Netzes. Und es handelt sich dabei um eine politische Frage, nicht um eine technische. Das Internet legt der Kommunikationstechnologie eine politisch-soziale Restriktion auf.

Das Netz als Monopol ist, und zwar unausweichlich, eine Entscheidung für die Vergangenheit - dies ist das historische Veto. Keine Gruppe, Elite, Bewegung oder Ideologie hat das Recht, dieses Veto der Welt aufzuzwingen. Aus diesem Grund ist es aus politischer wie auch aus ethischer Perspektive legitim, das Netz zu zerreißen. Der größte Datenfluß über große Entfernungen ist der Ort, den ersten Schnitt zu machen: einen Schnitt in die atlantische Geopolitik. Man überlege sich das folgende Szenario: zuerst durchschneidet Europa (ein Staat, der Europa abdeckt, nicht die EU) die Verbindungen mit Nordamerika, vor allem mit den USA. Dies wäre, ethisch gesprochen, eine post-interaktive Politik. Hierdurch entstünde eine wirklich freie Entscheidungsmöglichkeit - eine Wahl, die Liberalismus und Netismus ableugnen: die Wahl zwischen dem Netz und dem Nicht-Netz. Wenn die gegenwärtige EU die heraufziehende Situation mitgestalten will, könnte sie für all jene, die in Europa aktiv für das Netz werben, ein Emigrationsprogramm in die Vereinigten Staaten entwickeln.

Wenn es für jene, die eine post-interaktive Welt ablehnen, auf dieser Erde einen eigenen Bereich geben muß, dann scheinen die USA der logische Ort dafür zu sein: ein Homeland für das Netz. Hier ist die physikalische Infrastruktur des Netzes überwiegend konzentriert. Wichtiger noch: die Netzkultur ist weitgehend eine amerikanische: die Emigranten werden die Kultur ihrer Wahl betreten. Die Vereinigten Staaten sind weitgehend auf Werte des freien Marktes und der Gemeinschaft verpflichtet: in einem weiten Sinne sind sie bereits das konservative Homeland schlechthin.

Die Netizisten in Europa würden diese Option, dieses Szenario höchst wahrscheinlich ablehnen. Der entscheidende Grund ist die Tatsache, daß der Netizismus eine universalistische und expansionistische Ideologie darstellt, für welche das Szenario den Test darstellt. Der Netizismus will keine Wahl: er will das Netz, ein Netz, ein globales Netz, ein Netz überall, und nichts sonst. Es scheint, wie auch bei der Ideologie des freien Marktes (und des Liberalismus im allgemeinen), daß es mit dem Netz keine Koexistenz geben kann. Soweit die Medien und die Gesellschaft generell davon betroffen sind, weist diese Intensivierung der Ideologie auf ein wachsendes Konfliktpotential hin. In langfristiger Perspektive zeigt sich eine andauernde Intensivierung der Ideologie, vergleichbar zu jener in Europa zwischen 1880 und 1914. In dieser Situation erscheint es sinnvoll, europäisch Anti-Internet-Strategien und -Theorien zu entwickeln, und nicht alles den Netizisten zu überlassen.

Aus dem Englischen übersetzt von Stefan Münker

http://www.heise.de/tp/artikel/1/1052/1.html
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