Die kalifornische Ideologie - ein Phantom?

12.08.1996

Eine europäische Perspektive - ein Unding?

Ohne offensichtliche Rivalen scheint der Triumph der kalifornischen Ideologie total zu sein. Die weitreichende Anziehungskraft dieser Ideologen der Westküste resultiert nicht nur aus ihrem ansteckenden Optimismus. Vor allem sind sie leidenschaftliche Vertreter einer Haltung, die als eine unschuldige Politikform erscheint. Sie wollen den Einsatz der Informationstechnologien, um eine neue Demokratie im Geiste Jeffersons zu schaffen, in der alle Individuen sich frei im Cyberspace zum Ausdruck bringen können. ... Ihre utopische Vision von Kalifornien basiert auf einer willentlichen Blindheit gegenüber den anderen, viel weniger positiven Eigenschaften des Lebens an der Westküste - Rassismus, Armut und Umweltzerstörung.

Offensichtlich hat WIRED, das Möchtegern-Sprachorgan der DIGITALEN REVOLUTION und die BIBEL der KALIFORNISCHEN IDEOLOGIE, erstere zu ihrem MARKENZEICHEN erhoben. Der Verlag, der mit HOTWIRED erhebliche Verluste macht, aber mit Gruner+Jahr und dem SPIEGEL eine deutsche Ausgabe plant, hat den Satz DAS IST DIE DIGITALE REVOLUTION als Warenzeichen eintragen lassen - ein wunderbares Beispiel dafür, worum es bei dieser REVOLUTION hauptsächlich geht.

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1995 haben zwei britische Sozialwissenschaftler, die theoretisch und praktisch tief in der Computer- und Internetszene verwurzelt sind, also nicht von "außen" kommen, ein Manifest mit dem Titel Die kalifornische Ideologie veröffentlicht. Weil es uns wichtig erschien, haben wir es in TELEPOLIS auch auf deutsch veröffentlicht, um eine breitere Diskussion zu ermöglichen. Die beiden Autoren wollten einerseits die Faszination an dem Mischmasch aus einstmals "linken", aus der alternativen Szene stammenden Antrieben der individuellen und kollektiven Emanzipation und andererseits "rechten" der Neigung zur Affirmation eines reinen wirtschaftlichen Liberalismus erklären.

Vielleicht war es nicht glücklich, diese Ideologie, die tatsächlich weite Kreise der Netizen, der Computerbranche und der politischen Vertreter der Informationsgesellschaft beherrscht, als "kalifornisch" zu bezeichnen, auch wenn sie in diesem Land besonders grassiert. Auch die dauernde Verwendung der politischen Klassifizierung in "links" und "rechts" ist nicht besonders griffig, denn tatsächlich ist die KALIFORNISCHE IDEOLOGIE mit ihrer Betonung des Individualismus und des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Liberalismus zwar aus deren Verschmelzung hervorgegangen, aber sie ist in diesen traditionellen Kategorien nicht mehr analysierbar, da sie dann nur ein unverständliches ambivalentes Gesicht mit vielen unerwarteten Koalitionen zeigt.

Vielleicht wäre es besser, die "linken" Partner dieser neuen Koalition einer Szene mit einem wichtigen Markt und zunehmender politischer Macht als Angehörige einer sozialen Bewegung der "CYBERKULTUR" zu bezeichnen, wie dies Pierre Lévy vorgeschlagen hat. Die CYBERKULTUR hat manche Wurzeln in der linken 68er-Bewegung, aber sie hat ihr eigenes Programm, das fast ausschließlich den Gebrauch der Computertechnologie (bis hin zum monierten "technologischen Determinismus" der KALIFORNISCHEN IDEOLOGIE) thematisiert und ansonsten politisch sich nicht festlegen läßt, weil das politische Spektrum ihrer Angehörigen zu breit und ihr Thema zu eng ist, um tatsächlich eine klassisch "große" politische Weltanschauung ihr eigen zu nennen. Der Liberalismus im Cyberspace ist für die CYBERKULTUR sogar eher ein Verzicht auf ein politisches Programm oder ein Eingeständnis der eigenen, scheinbar auf- oder abgeklärten Perspektivenlosigkeit, weil man darauf hofft, daß kein Programm oder die viel gepriesene Selbstorganisation schon langfristig das Beste für alle bewirken werde.

So hatte schon Adam Smith die Vorteile des freien Marktes und der egoistischen Tätigkeiten in ihm beschrieben: "Er strebt lediglich nach eigenem Gewinn. Und er wird in diesem wie auch in anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den er zu erfüllen in keiner Weise beabsichtigt hat." Faktisch wird der Liberalismus natürlich zum Programm, das ganz reale Auswirkungen auf die wirkliche Welt hat, weil dieser Verzicht auf der anderen Seite gerade den Interessen der Wirtschaft und der mit diesen verbundenen politischen Kräften - und sogar eben auch nationalen Wirtschaftsinteressen- entspricht.

Diese Verbindung des Liberalismus der CYBERKULTUR mit einem zutiefst anti-staatlichen und auch apolitischen Affekt ist allerdings nicht nur das Kennzeichen der KALIFORNISCHEN IDEOLOGIE, sondern entspricht der (a)politischen Stimmung in den USA und war bereits eine Folge der postmodernen Ablösung von den klassischen "großen Erzählungen", zu denen die einer marxistischen Revolution der gesellschaftlichen Verhältnisse in besonderem Maße gehörte. Schon in der Postmoderne wandte man sich von allen totalitären Ideologien, von jedem Anspruch auf Einheit und übergeordneter Vernunft, vom rationalen Subjekt ab. Übriggeblieben ist offenbar nur die Erzählung der befreienden, zu Fortschritt und Wohlstand führenden liberalistischen Ideologie, die seit je am stärksten im anglo-amerikanischen Kulturbereich ausgeprägt war, in der Theorie der Evolution (Sozialdarwinismus) ihren Niederschlag gefunden hat und jetzt in Form der Technik gewissermaßen objektiv wird, die mehr und mehr Modelle für evolutionäre Entwicklungen realisiert und selbst kognitive Prozesse darwinistisch versteht: neuronale Netze, massiv parallele Computerarchitekturen, komplexe und dynamische, sich selbst organisierende Systeme, genetische Algorithmen, Künstliches Leben, interagierende Agentengruppen, lernende Netze.

Der Kapitalismus mit seinem Prinzip der freien, nicht regulierten Konkurrenz scheint genau die gesellschaftliche Form zu sein, in der am leichtesten die Freiheit der einzelnen, die Verankerung der Demokratie, die Auflösung der Herrschaft von bestimmten Schichten, Gruppen oder Organisationen und eine permanente Innovationsdynamik zu verwirklichen ist - die Opfer der sich selbst regulierenden Ordnung der Konkurrenz gehören einfach dazu: ein neu-alter Wilder Westen, der sich gut mit der Aufbruchsstimmung der Cyberspacianer verträgt. Ihnen geht es um die Befreiung von Zwängen jeder Art, um die Loslösung aus den Banden der Gesellschaft, um individuelles Glück, das sich durch den extensiven Gebrauch der Technik herstellen läßt.

In reiner Form hat sich die KALIFORNISCHE IDEOLOGIE im Programm der in Kalifornien ansässigen Extropianer niedergeschlagen, einer Gruppe von Menschen, die den (technischen) Fortschritt um jeden Preis begrüßt, sofern er nur der Stärkung des Individuums dient, und die Aufrechterhaltung des Optimismus als Grundlage jeder vorwärtsgerichteten Haltung zu zementieren sucht. Die Vertreter der KALIFORNISCHEN IDEOLOGIE, vielleicht sollte man eher sagen: die der "virtuellen Klasse", die der mit der Informationsgesellschaft verbundenen Schicht, die der technischen Intelligenz etc., verabscheuen ebenso Mainframes und Top-down-Architekturen wie gesellschaftliche Macht und vor allem staatliche Herrschaft oder bürokratische Institutionen.

In ihrem Schwung der Emanzipation, der, bewußt oder unbewußt, einfach unhinterfragt unterstellt, daß alle von der weitestgehenden Privatisierung davon profitieren werden, sehen sie mitunter sogar die Strukturen der repräsentativen Demokratie als freiheitsbehindernd an. Direkte, anarchistische Demokratie wäre wohl ihr Vorbild, deren Wirklichkeit aber ist der Zerfall der großen, die unterschiedlichen Interessen ausgleichenden demokratischen Strukturen und die Entstehung von kleinen, homogenen Gemeinschaften, die jenseits nationaler Grenzen bestenfalls miteinander kooperieren, sich aber auch blutig bekämpfen können. Freiheit und Selbstorganisation als Träger persönlicher und gesellschaftlicher Dynamik sind die "unschuldigen" Prinzipien, die verdächtig dann werden, wenn sie in eine Affirmation herrschender wirtschaftlicher Strukturen umschlagen, die wiederum die Verarmung, Ausgrenzung und Verelendung ganzer Gesellschaftsschichten, Länder und Kontinente bewirken. "Das Prinzip der spontanen Ordnung", so eine für die KALIFORNISCHE IDEOLOGIE paradigmatische Formulierung in den extropischen Prinzipien, ist im System des freien Marktes verkörpert, das noch nicht in reiner Form existiert. Wir entwickeln uns weg vom Tribalismus, Feudalismus, von autoritärer Herrschaft und der Demokratie und hin zu einem polyzentrischen System verteilter Macht, die zwischen autonomen Agenten aufgeteilt ist, deren Pläne vom ökonomischen Netzwerk koordiniert werden. Der freie Markt ermöglicht die Entwicklung von komplexen Institutionen, unterstützt Innovation, belohnt individuelle Initiativen, kultiviert persönliche Verantwortung, fördert Diversität und dezentralisiert Macht. Marktwirtschaft bringt den technischen und sozialen Fortschritt weiter, der im Zentrum der extropischen Philosophie steht."

Ganz ähnlich hat der Liberalismus immer schon argumentiert. Es handelt sich also wohl nicht um eine KALIFORNISCHE IDEOLOGIE, sondern um die Wiederentdeckung des klassischen Liberalismus, der stets ein wirtschaftliches, politisches und auf das Individuum bezogene Programm war. Der Unterschied freilich ist, daß nach der Entwicklung der Nationalstaaten, nach dem kommunistischen Einspruch und den sozialwirtschaftlichen Korrekturen heute offensichtlich keine Alternative mehr besteht, der Liberalismus auch zum wissenschaftlichen Paradigma wurde und die Nationalstaaten sowie die von ihr geprägte Demokratie in einer tiefen Krise steckt.

Die Globalisierung der Wirtschaft und der Unternehmen, ermöglicht durch die technische Revolution des Transports und begünstigt durch die elektronischen Informations- und Telekommunikationstechnologien, zersetzt lokal verankerte Organisationen und Strukturen und gibt jenen einen größeren Handlungsspielraum, die mit dem "Raum der Ströme" konform gehen und diesen ausnutzen können.

Es wird keine nationalen Produkte und Technologien, keine nationalen Wirtschaftsunternehmen, keine nationale Industrien mehr geben. ... Alles, was dann noch innerhalb der Grenzen eines Landes verbleibt, sind die Menschen, aus denen sich eine Nation zusammensetzt ... Indem in wirtschaftlicher Hinsicht Landesgrenzen immer bedeutungsloser werden, sehen sich diejenigen Bürger, die die besten Voraussetzungen für ein gedeihliches Auskommen auf dem Weltmarkt mitbringen, versucht, ihre nationalen Bindungen und Verpflichtungen abzuschütteln und sich so von ihren weniger begünstigten Landsleuten abzusetzen.

Und ein Indiz dieser Veränderung ist der wachsende Abstand zwischen dem Vermögen der Reichen und der unteren Gesellschaftsschicht überall auf der Welt. Die Verkürzung der sozialen Frage auf den Konflikt zwischen den "informationsreichen" und "informationsarmen" Schichten, den auch Barbrook und Cameron in den Vordergrund stellen, thematisiert lediglich den "Zugang für alle", nicht aber die tatsächliche, obwohl damit verbundene Frage nach der Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands und Eigentums.

Die CYBERKULTUR, die hinter der KALIFORNISCHEN IDEOLOGIE steht, ist eine elitäre Kultur, die das Versprechen der Öffnung, der individuellen Freiheit und des allgemeinen Glücks jenseits aller großen Organisationen mit sich trägt. Ihr Programm hat allerdings keinen wirklichen Inhalt. Es befürwortet die Vernetzung von allen mit allen und allem mit allem, die Entstehung von virtuellen Gemeinschaften, die frei und ohne lokale Verbindung sich entwickeln, und eine kollektive Intelligenz, in der alle Informationen frei zugänglich sein sollen und die auf einer Ökonomie des Geschenks aufbauen soll. Ihr Programm ist sicherlich durch die Schaffung und Erhaltung von Pluralität bestimmt, aber da sie kein wirklich politisches und wirtschaftliches Programm besitzt, sondern ihre Ideale nur am besten im freien Markt aufgehoben sieht, da sie eher technisch als politisch denkt, an die heilsamen Selbstorganisationskräfte, also an die "unsichtbare Hand" hinter der Geschichte glaubt, sie jeden regulierenden Eingriff für verderblich hält und sie den Cyberspace für die Lösung der Probleme in der wirklichen Welt hält, ist ihr Wirken zutiefst von Widersprüchen zerrissen.

Vor allem aber ist die CYBERKULTUR, entgegen ihrer eigenen Überzeugung, keine Alternativbewegung mehr, sondern aus ihr rekrutiert sich die herrschende Klasse mit ihren neuen Technologien und Organisationsformen.

Die Bewegung der CYBERKULTUR ist einer der Motoren der gegenwärtigen Gesellschaft. Die Staaten und die Multimedia-Unternehmen folgen ihr, als könnten sie so mit allen Mitteln verhindern, was sie als "Anarchie" des Netzes wahrnehmen. Indem sie der Dialektik folgen, die gut aus der Utopie und den Geschäften abgeleitet wurde, beuten die Händler die von der sozialen Bewegung eröffneten Lebensbereiche (und damit Konsumbereiche) aus und lernen von den Aktivisten neue Verkaufsargumente. Symmetrisch dazu profitiert die soziale Bewegung von ihrer Anerkennung, da das Business die Ideen und Vorgehensweise stabilisiert, glaubwürdig macht, banalisiert und institutionalisiert, die bis vor kurzem noch aus der Science Fiction oder aus harmlosen Träumereien zu stammen schienen.

Der fatale Irrtum der anarchistisch gesinnten CYBERKULTUR, der sie so ambivalent mit der wirtschaftlichen Macht verbindet, entstammt dem Glauben, der vor allem von Marshall McLuhan vertreten wurde, daß die Technik gleichzeitig und unmittelbar eine soziale Revolution mit sich bringe, und der Ignoranz der Tatsache, daß eben die Technik das wichtigste Produktionsmittel der Wirtschaft ist, die auf dem privaten Eigentum beruht. Die CYBERKULTUR hat einen Vorschein von einer Kultur des gegenseitigen Geschenks verwirklicht, allerdings auf der Grundlage einer Hardware, die ganz normal gehandelt wird. Vielleicht ist es dieser partielle Erfolg - zusammen mit dem Versprechen, daß jeder durch eine geniale Erfindung reich werden kann -, der sie übersehen läßt, daß die Ökonomie des Geschenks fest in der Ökonomie des Eigentums und des Profits verankert ist und ständig in diese überkippt.

Kritik an der Kritik

Das Manifest von Barbrook/Cameron war eine der ersten fundamentalen Kritiken der CYBERKULTUR von deren Angehörigen. Mit der Kritik an der KALIFORNISCHEN IDEOLOGIE haben sie die mit der CYBERKULTUR amerikanischer Prägung verbundenen politischen und gesellschaftlichen Ideologien und Utopien einer scharfen genealogischen Analyse unterzogen und versucht, einen europäischen Ansatz für eine sozialliberale Politik der Informationsgesellschaft zu formulieren. In Europa kam die Intention meist gut an, nicht aber der Glaube, daß der Staat eine rettende Instanz für sozialverträgliche Lösungen sein könne, der die Ausbreitung der "digitalen Apartheid" unterbindet oder kompensiert. Vor allem das Loblied auf das vom französischen Staat eingeführte Minitel stößt auf ungläubiges Kopfschütteln, weil es in Frankreich neue Lösungen langfristig verhindert hat.

Weil die CYBERKULTUR, die sich aller geographischen, nationalen, ethnischen, schichten- und geschlechtsspezifischen Verankerung entledigt zu haben glaubt und die evolutionäre Entwicklung eines einheitlichen globalen "Gehirns" - und Marktes - propagiert, in dem die einzelnen - und die Unternehmen - sich gleichzeitig in freier Konkurrenz artikulieren und agieren können, weil die CYBERKULTUR gleichwohl partikulare Interessen strikt leugnet und glaubt, daß die Technik alleine, also vor allem die Existenz des Internet, bereits ein politisches Ideal der Emanzipation enthält, das sich langfristig durchsetzen wird, hat diese Kritik Verwunderung ausgelöst und scharfe Angriffe provoziert. Schließlich glauben die Cyberspacianer, sich an der Spitze des Zeitgeistes zu befinden und wie einst die Kommunisten die Macht der Geschichte hinter sich zu haben. Louis Rossetto beispielsweise, Herausgeberin von WIRED, der "Bibel der virtuellen Klasse" (Barbrook/Cameron), sieht in der KALIFORNISCHEN IDEOLOGIE nur eine "atavistische Bindung an den Staat und ein schrecklich düsteres Mißverständnis der Möglichkeiten einer radikal anderen Zukunft als unserer Gegenwart, die wirklich demokratisch, auf Leistung aufgebaut, dezentralisiert und liberalistisch ist." Sich auf der Überholspur wähnend, sieht sie in der Kritik nur ein Festhalten am 19. Jahrhundert.

Die Rede von der "dritten Welle", wie sie von Toffler geprägt und vielen übernommen wurde, belegt diese Überzeugung, Avantgarde für ein neues Territorium mit ganz anderen Gesetzen zu sein. Man spricht daher gerne von der "digitalen Revolution" (Louis Rossetto), die eben am besten mit dem freien Kapitalmarkt vereinbar sei. In ihrer Antwort geht sie allerdings mit keinem Wort auf die von Barbrook/Cameron konstatierte Blindheit gegenüber den sozialen Folgen ein. Viele Cyberspacianer bringen jedoch in ihrem Loblied auf die neuen virtuellen Gemeinschaften und das neue Reich des Cyberspace ihr Unbehagen an den urbanen Lebensbedingungen ein, aus denen sie zu fliehen suchen. Das Netz ist schließlich noch eine bessere Nische als die bewachten, elektronisch kontrollierten und abgeschlossenen Zitadellen der virtuellen Klasse, in denen sie sich verbarrikadieren und dann im Cyberspace ungestört miteinander kommunizieren. Mit der Netztechnologie muß man nicht mehr aus beruflichen Gründen in den "überbevölkerten und gefährlichen urbanen Regionen" (Magna Carta for the Knowledge Age) leben, sondern man sich als "lone eagle" auf dem ruhigen Land oder in geschützten Gartenstädten, den neuen "electronic cottages", von der beunruhigenden Nähe zu den gefährlichen Armen absetzen und unter sich sein. Tendenz sei es nämlich, wie G. A. Keyworth, Vorstand der mit Gingrich verbundenen Progress and Freedom Foundation, meint, daß in der dezentralisierten Cyberspace-Gesellschaft weniger "heterogene Gemeinschaften" existierten, weil die virtuellen eher durch gemeinsame Interessen - und gleicher Schichtenzugehörigkeit, aber das sagt man natürlich nicht - und nicht durch räumliche Nähe geprägt würden, die für Konflikte sorgt.

Gundolf Freyermuth, aus Europa ausgewandert und jetzt auf einer Ranch in Arizona wohnend, sieht in der Auswanderung der "lone eagles" aus den Städten die Zukunft dämmern: zurück in die Natur und ins dörfliche Leben, aber mit allen technischen Mitteln der Zivilisation ausgerüstet. Frustriert von den Arbeits- und Lebensbedingungen in den "zuwuchernden Städten" mit ihrer "steigenden Luftverschmutzung" und ihren "hohen Verbrechensraten" verlassen die Pioniere der CYBERKULTUR die Fremdbestimmung und bürokratischen Einengungen, um in die "berufliche Selbständigkeit und ins geographische Abseits" zu fliehen, um unter sich und nicht mehr mit dem gesellschaftlichen Elend konfrontiert zu sein.

Einsame Adler finden sich inzwischen überall, wo das Land billig, die Luft gut und die Infrastruktur gerade ausreichend ist. Zu den Minimalerfordernissen ... gehören ein Anschluß ans digitale Telefonnetz sowie die Bereitschaft der Eilpostdienste, in dem Gebiet noch zuzustellen. Auch eine Autobahn und ein kommerzieller Flughafen sollten im Interesse der Geschäftsfähigkeit nicht viel weiter als 200 Kilometer entfernt sein.

Alle Cyberspacianer halten von der Politik nicht viel. im Verein mit der Technik gehe es vielmehr um die Kultur, also auch nicht ums Geld. "Wir besitzen keine gewählte Regierung", sagt der selbsternannte Vertreter der CYBERKULTUR John Perry Barlow, "und wir werden wohl auch nie eine bekommen." So meint denn etwa Newt Gingrich, der sich selbst wie die anderen Cyberspacianer als "revolutionär" bezeichnet, daß die zentralen Themen unserer Zeit kulturelle und nicht politische seien - und dies in einem Text, in dem er seinen Vorschlag zur Auflösung des staatlichen Gesundheitssystems zu begründen sucht. Staatlich = schlecht, das vereint die Cyberspacianer mit den Republikanern, die individualistischen Gegner gegen die Industriegesellschaft wie den Unabomber mit radikalen Gruppen und Sekten wie den Freeman. Newt Gingrich sieht im Cyberspace wie seine Chefdenker der Magna Carta for the Knowledge Age" das Ende von den auf Massen basierenden Organisationen, Wirtschaftsformen, Medien und politischen Institutionen. Dezentral ist gut, gleichwohl aber es soll es doch einen zentralen Markt mit Bedingungen geben, an die sich alle Menschen halten sollen. Seine Lösung ist einfach. Man müsse nur alle und alles in der neuen "optimistischen Haltung" vernetzen und mit einem "missionarischen Geist" noch zum ärmsten Kind sagen: "Das Internet ist für dich. Das Informationszeitalter ist für dich. Es gibt eine Alternative zur Prostitution, zur Drogenabhängigkeit und zum Tod." Weil das Netz auch eine neue "Partnerschaft" ermögliche, werde es auch ohne staatliche eingriffe und Regulierungen zu Lösungen kommen. George Gilder meint sogar, daß die Computertechnologie die radikalste Kraft der Gleichstellung in der Geschichte der Weltwirtschaft sei: "Während die Kassandras Zentralisierung und Tyrannei prophezeien, übersehen sie die zentrifugalen Kräfte des Gesetzes des Mikrokosmos, die alle Monopole, Hierarchien, Pyramiden und Machtstrukturen der bestehenden Industriegesellschaft beseitigen und die einzelnen mit der Macht ausstatten, frei und transzendent zu sein."

Und überhaupt, wie G. A. Keyworth glaubt, werden im Zeitalter der Computernetze die Barrieren für Neulinge im Markt herabgesetzt. Die alte Geschichte vom Tellerwäscher, der Millionär wird, ist hier ersetzt vom Hacker, der wie Bill Gates Milliardär wird. Hacker, die Pioniere im Cyberspace, sind das große Vorbild und sollen zeigen, wie offen doch alles ist. immer wieder wird der Triumph von Apple und Microsoft über den Riesen IBM, dem Relikt aus dem Industriezeitalter, wiederholt, als ob nicht Microsoft zum beherrschenden Marktführer im Softwarebereich wurde. Man spricht nicht gerne von den großen Konzernen, kultiviert lieber die Gestalt des zu Wohlstand kommenden, aber ganz dem Individualismus ergebenen Hacker.

WIR - die CYBERKULTUR

John Perry Barlow, ein typischer Vertreter der KALIFORNISCHEN IDEOLOGIE, verstieg sich in seiner Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace vom 8.2.1996 gar zu der vereinnahmenden Behauptung, daß "WIR keine gewählte Regierung (besitzen), und wir werden auch wohl nie eine bekommen. ... WIR schreiben unseren eigenen Gesellschaftsvertrag. Wir erschaffen eine Welt, die alle betreten können, ohne Bevorzugung oder Vorurteil bezüglich Rasse, Wohlstand, militärischer Macht oder Herkunft. ... WIR werden im Cyberspace eine Zivilisation des Geistes erschaffen." Vom Geschäft oder vom Markt wird nicht gesprochen, als ob der Cyberspace, der "nicht dort ist, wo Körper leben", nicht Voraussetzungen in der wirklichen Welt hätte. Man braucht eine Infrastruktur, Hardware und Software, technische Kompetenz und die englische Sprache, um zu diesem "WIR" zu gehören.

Paradigmatisch wurde die "Unabhängigkeitserklärung" im Geist der amerikanischen Tradition geschrieben, die sich gegen ein kolonialistisches Regime richtet, aber nur eine formale Gleichheit, nicht aber eine gesellschaftliche Gleichstellung der Menschen fordert. Man träumt vom einstigen Wilden Westen, von der neuen digitalen Zukunft, vermeint, der Wächter der Freiheit zu sein, aber man spricht nur vom geistigen Eigentum, nicht von der Macht des Kapitals oder der von technologischen Standards, nicht von den Opfern der Befreiung.

Man glaubt, wie einst die bürgerlichen Revolutionäre, daß die Meinungsfreiheit - und der freie Markt - für alle bereits das Beste sei, da die aus dieser Freiheit entstehende unsichtbare Hand schon alles regeln werde. Nur daß dieses trotzige "WIR" zunächst nur den Interessen derer entspricht, die zur herrschenden Schicht der Informationsgesellschaft gehören, die nicht wirtschaftlich ausgegrenzt sind, wird einfach geleugnet, als ob die Informationsgesellschaft nicht gleichzeitig eine bislang einmalige Verteilung des Reichtums mit sich brächte. Einige Dutzend Menschen haben soviel Vermögen wie die Hälfte der Menschheit zusammen, die mehr und mehr verarmt, ohne Aussicht auf Besserung im Gefüge der globalen Wirtschaft.

Das Internet ist fest in den Händen der weißen Mittelklasse und der Unternehmen, die in dieser ihren Markt finden. Wenn minoritäre Gruppen sich in ihm auch ihren Ausdruck verschaffen, dann ist dies nicht anders wie unter den Bedingungen der verachteten Massenmedien - weitgehend unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Auch hier haben Minoritäten durch Flugblätter, Bomben, Aktionen, Kämpfe, Zeitungen, Radiostationen und vielleicht Fernsehsender versucht, in die öffentliche Sphäre einzudringen, die stets auch ein Markt war, dominiert von herrschenden Medien und ihren auf Verkauf orientierten Aufmerksamkeitsstrukturen. Man annonciert bestenfalls bei Wired, aber nicht auf der Homepage der Zapatistas. So einfach ist das.

Man ist in der CYBERKULTUR, in der Konzerne gemeinsam mit Bürgerbewegungen gegen den CDA protestierten, erstaunt, wenn aus den eigenen Reihen eine Kritik an den partikularistischen, nationalen Verankerungen dieser Ideologie auftaucht, auch wenn dies vom bekannten, aus dem konservativen Umkreis von Gingrich hervorgehenden Manifest für den Cyberspace deutlich als "amerikanischer Traum" mit spezifischen Standortinteressen formuliert wird, und wenn der Staat nicht mehr nur als notwendiges Übel oder als Überbleibsel der Industriegesellschaft gilt, sondern auch als Träger von Demokratisierungsprozessen und als Mittel akzeptiert wird, für einen sozialen Ausgleich zu sorgen.

Amerikanische Cyberspacianer, sowieso verächtlich auf das verschlafene Europa und die müde Alte Welt herabblickend, sind wie viele ganz "normale" amerikanische Bürger von einem "antistaatlichen Affekt" (Barbrook/Cameron) geleitet. Jeder Bezug auf die repräsentative Demokratie und eine von ihr getragene Regulierung gilt ihnen als Rückfall in vergangene Zeiten, als ob der Glaube an die wohltätige Kraft des Liberalismus nicht ebenfalls aus dem 18. Jahrhundert stammen würde. "Überall auf diesem Planeten", so Newt Gingrich, "sagen wir, daß das Zeitalter der Information eine größere Dezentralisierung, eine stärkere Orientierung am Markt, eine größere Freiheit für die einzelnen, mehr Entscheidungsoptionen, eine größere Kapazität bedeutet, ohne staatliche Kontrollen produktiv zu sein." Immer spricht man von "WIR", sagt aber nicht wer davon profitiert.

Schon der stets geforderte "Zugang für alle" hat, wie Paul Treanor richtig bemerkt, einen Zug totalitärer Ideologie. Hinter der propagierten Dezentralisierung steht die große Einheit, an der alle angeschlossen sein sollen. Niemand darf mehr beiseite stehen, Grenzen soll es keine mehr geben.

Es darf nur eine Ökonomie geben, die des freien Marktes. es darf nur eine Staatsform geben, die der liberalen Demokratie. es darf nur ein Internet geben. Etwas eint alle Texte über das Internet

das Wort steht immer im Singular.

Utopien von einem globalen Gehirn gehen sogar davon aus, daß auch die Gehirne über neurotechnologische Schnittstellen direkt mit dem Netz und mit anderen verbunden sind, so daß auch hier der freie Markt des unbegrenzten Austausches wirken würde. Die Expansion des Netzes gleicht der des freien Marktes, auf dem zwar alle formal gleich sein mögen, der aber doch die wirtschaftlich stärkeren Kräfte begünstigt. Das müssen jetzt nicht mehr national gebundene Volkswirtschaften sein, sondern eher multinationale Unternehmen, die ungehindert ihre Produkte überall absetzen, die billigsten Arbeitnehmer beschäftigen und die Standorte gegeneinander ausspielen wollen. Die Öffnung der Märkte ging schon seit je einher mit dem Abbau von kulturellen Schranken. Soll der globale Markt herrschen, darf es keine Nischen mehr geben, setzt sich womöglich eine zwar von Konkurrenz bestimmte, aber doch in sich relativ homogene Weltkultur im globalen Supermarkt durch.

Eine europäische Perspektive?

Tatsache jedenfalls ist, daß Europa, geplagt von der Angst, den Anschluß an die globale, computergestützte Informationsgesellschaft und deren Märkte zu verlieren, die liberalistische Heilsideologie der Amerikaner als einzige Möglichkeit zu übernehmen scheint, den Standort zu retten. Technische Aufrüstung, Deregulierung der Märkte, Abbau des Sozialstaates, Vertrauen auf die Kräfte des freien Marktes und die unbedingte Achtung des Individualismus, ganz generell ein tiefes Mißtrauen gegenüber dem Staat als Inbegriff von träger und jede Dynamik erstickender Bürokratie sind die Konturen dieses, an den Netzen als neuer globaler politischer, gesellschaftlicher und kultureller Infrastruktur orientierten Programms.

Barbrook/Cameron haben in ihrer Analyse die Verankerung des neuen liberalistischen Heilsprogrammes in der amerikanischen Geschichte deutlich gemacht und auf die Widersprüche zwischen formaler Gleichheit und bestehender Zementierung der gesellschaftlichen Ungleichheit hingewiesen. Sie haben auf die Allianz zwischen den angehörigen der anarchistisch gestimmten CYBERKULTUR und den Computerindustrien aufmerksam gemacht, die zwar von Konflikten gekennzeichnet, aber doch tief miteinander verbunden ist. Sie sagen, daß im Hintergrund des kapitalistischen Informationszeitalters das Problem der Verteilung des Reichtums und damit auch einer wirklich gerechten Gesellschaft steht, die Ungleichheit nicht nur formal - als "Bürger" im Cyberspace -, sondern im wirklichen Leben beseitigt oder zumindest auf erträgliche Weise ausgleicht. Die Verschärfung der sozialen Konflikte durch den stets größer werdenden Abstand zwischen den Angehörigen der oberen Klasse und der Mehrheit der armen Bevölkerung verstärkt sicher den Drang, den Cyberspace auszubauen, während sich die virtuelle Klasse in die sicheren Vorstädte oder gleich aufs Land zurückzieht. Die mit dem Liberalismus einhergehende Kritik am Staat richtet sich auch gegen soziale Sicherheitssysteme, die für einen Ausgleich und für eine Milderung der Ungleichheit sorgen. Alles soll der privaten Initiative überlassen werden.

Schließlich glauben die Liberalisten, daß allen dieselben Chancen offenstehen, daß Erfolg vom Einsatz abhängt, daß die Armen letztlich selber Schuld sind, daß es nicht um gesellschaftliche Solidarität gehe, die auch Verpflichtungen mit sich bringt. Barbrook/Cameron gehen sogar so weit, daß die Entwicklung von virtuellen Agenten und intelligenten Robotern die sich aus der sozialen Verpflichtung davonstehlenden Mitglieder der virtuellen Klasse, deren Zuhause überall dort ist, wo sie am wenigsten Steuern zahlen und in gesicherten Enklaven leben können, davor bewahren soll, noch auf die billigen Dienste der armen Schichten angewiesen zu sein. Man sucht nach einer Autonomie, die sich auf der Grundlage von billigen und loyalen Sklaven verwirklicht und nicht mehr von Revolten bedroht wird.

Die KALIFORNISCHE IDEOLOGIE oder besser: der Neoliberalismus vereint nach Barbrook/Cameron die Angehörigen der virtuellen Klasse über die nationalen Grenzen oder lokalen Verankerungen hinweg. Die Macht der territorial gebundenen Staaten zerfällt, deren Machtorgane immer besser von den multi- oder transnationalen Unternehmen und den Selbständigen der virtuellen Klasse erpreßt werden können, da die Netze eine Bindung an bestimmte Standorte auflösen. Die Antwort auf diese Art der Globalisierung sehen Barbrook/Cameron in einer staatlichen Förderung und Regulierung der Technologie, in einer "Mischung aus staatlicher Intervention, kapitalistischem Unternehmertum und alternativer Kultur". Das ist zwar nichts Neues, sondern so vollzieht sich die Entwicklung fast überall auf der Welt, nur daß die staatliche Intervention heute dafür sorgen soll, daß die Wirtschaft sich frei jenseits aller staatlichen Grenzen entwickeln kann. Die staatliche Intervention wird von Barbrook/Cameron allerdings nur so befürwortet, daß die EU sicherstellen solle, daß jeder Bürger "mit einem breitbandigen Glasfasernetz zum geringsten möglichen Preis" verbunden ist. Was die anderen vom freien Markt erwarten, soll hier der Staat organisieren. Die Totalvernetzung würde denn auch zu einem großen Massenmarkt für neue Produkte führen, was die Industrie und dadurch auch die Staaten gedeihen ließe und für neue Arbeitsplätze sorge. Wenn es hingegen bei der elitären Benutzung der Netze bleibe, würde sich die "gesellschaftliche Apartheid" verstärken.

Besonderen Wert legen sie auf die Erfindungskraft der "Künstleringenieure", zu denen sie sich wohl selbst zählen. Sie, und nicht die großen Firmen, treiben die Entwicklung der Technik und der neuen Ausdrucks- und Kommunikationsformen voraus. Daher sollen sie auch die "rationale und bewußte Kontrolle über die Gestalt der digitalen Zukunft" erhalten, schließlich seien sie, also die Angehörigen der CYBERKULTUR als sozialer Bewegung, das gute Gewissen der technischen Zukunft: "Im Gegensatz zur elitären Position der kalifornischen Ideologie sollten die europäischen Künstleringenieure einen Cyberspace verwirklichen, der alle einschließt und universal ist."

Ist das eine "eigene Zukunftsvision" für Europa, eine Alternative zur KALIFORNISCHEN IDEOLOGIE. Daraus spricht selbst eine elitäre Voreingenommenheit, eine avantgardistische Haltung, die nun den Staat zu Hilfe ruft, um die eigenen Vorstellungen der Universalität durchzusetzen. Über den "Zugang für alle" geht dieses Programm nicht hinaus - und damit auch nicht über die KALIFORNISCHE IDEOLOGIE. Streitpunkt ist nur, ob der Staat total abgelehnt wird oder ob er diese Entwicklung direkt stützen soll. Das aber ist nur ein kleiner Teilbereich der weitaus größeren und gar nicht neuen Frage, wie das Verhältnis zwischen Privatwirtschaft und Staat aussehen soll und wie sich politische Strukturen, die sowohl demokratisch sind als auch für Gerechtigkeit sorgen, den Bedingungen des globalen Marktes anpassen können.

Universalistische Programme vertragen sich nicht mit nationalen, schichtenspezifischen, ethnischen, geschlechtlichen und anderen Perspektiven. Soll man gegenüber der "kalifornischen" Ideologie überhaupt eine "europäische" Perspektive formulieren oder nicht lieber gleich eine globale? Wenn man aber an die Pluralität der Kulturen und deren Unterschiede glaubt, wenn man sie fördern und erhalten will, dann plädiert man auch für einen gewissen Protektionismus, für eine Abschwächung des Universalismus, für Sonderwege und Sonderrechte, für Abgrenzungen und Inkompatibilitäten, für viele Netze, nicht für eines. Globalisierung und Protektionismus jeder Art liegen heute in Konflikt miteinander, sorgen für Revolten, Kriege, Unterdrückung und Vertreibung, für den Einschluß in Zitadellen und den Ausschluß der Nomaden. Vielleicht hätte das vielgestaltige, kleinteilige, polyzentrische Europa, wenn es denn die östlichen Staaten mit einschließen würde, eine Chance, eine solche Pluralität zu erhalten und gleichzeitig für eine gerechte und freie Gesellschaft jenseits nationaler, ethnischer oder schichtenspezifischer Einigelungen zu sorgen?

Aber auch in Europa werden die Gräben tiefer. Zwar ist das Zeitalter der Kriege zwischen den Staaten vorüber, aber es entstehen - im Zeitalter der Globalisierung und vermutlich in Reaktion auf es - immer mehr innere Konflikte durch das Streben nach Autonomie und nach homogenen Gemeinschaften. Diese Tendenz zum Abschluß teilt die virtuelle Klasse mit den Verlierern und jenen, die sich bedroht oder unterdrückt sehen. Der Zerfall Jugoslawiens war das beste Beispiel dafür, aber in Nordirland, in Spanien, Zypern, in der Türkei, in Frankreich und Belgien schwelen seit langem ähnliche Konflikte. Norditalien versucht sich vom armen Südtialien zu lösen. Und überall versucht man die Zuwanderung zu erschweren.

Überdies hat die Forderung nach einer europäischen Perspektive der Informationsgesellschaft immer etwas Schiefes. Auch wenn hier die Einkommenskluft zwischen dem obersten Fünftel und dem Rest der Bevölkerung immer tiefer wird, so ist Europa zusammen mit Nordamerika und Ostasien noch immer eine Insel des Wohlstands gegenüber den verarmenden Ländern, die in der neuen globalen Weltwirtschaftsordnung immer noch weiter abrutschen. Der "Zugang für alle" zu den Computernetzen ist nur als böser Scherz für jenen Großteil der Weltbevölkerung zu verstehen, die noch nicht einmal über ein Telefon verfügen, geschweige denn über ein angemessenes Einkommen. Wer vom globalen Wettbewerb profitiert oder glaubt, davon profitieren zu können, wird der Öffnung der Grenzen für den Markt positiv entgegensehen, wenn die staatlichen Garantien des Eigentums weiterhin erhalten werden können. Die virtuelle Klasse lehnt den Staat dort ab, wo er in ihre Freiheit eingreift oder für eine Verteilung des Reichtums sorgt, aber wo es um ihre eigene Sicherheit geht oder um die Wahrung ihres Eigentums, mag man auf ihn und seine zentralen Organe nicht verzichten. Und Meinungsfreiheit wird solange verteidigt, bis es um die faktische Veränderung der Besitzverhältnisse geht. Aber das war auch bereits so, bevor die Informationsgesellschaft und die Computernetze in die Welt kamen.

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Es werde Geld ...

Eine kurze Geschichte des Geldes

Telepolis Gespräch

Audio-Mitschnitt der Veranstaltung "Überwachung total" am 7. Juli mit Peter Schaar, Klaus Benesch und Christian Grothoff.
(MP3, 73min, 35MB)

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