Kunsthaus Tacheles - vorerst gerettet?

11.11.1996

Symbol der Wendekultur bedroht

Mitten in der Mitte Berlins, auf bestem Investorengrund sozusagen, hatte sich gleich zu Anfang der Wendezeit das Kulturzentrum Tacheles etablieren können. Bei aller Kritik, die am Tacheles im Einzelfall anzubringen ist, hat dieses Haus wesentlich mit zum internationalen kulturellen Image von Berlin als junger, lebensfroher Metropole, gesegnet mit einer interessanten Off-Kulturszene, beigetragen. Doch die staatlichen Instanzen haben nun scheinbar endgültig genug von der Laissez-Faire-Politik und wollen das Tacheles räumen, notfalls mit Gewalt.

NOTFALL - EMERGENCY


Dante Orgel, E.Hobijn, Foto Jan Henselder

Anfang November erhielt das Tacheles ein Schreiben von der Bundesrepublik Deutschland, Vertreten durch die Oberfinanzdirektion, daß Haus und Gelände bis zum 15.11.1996 zu räumen seien. Doch das Tacheles wehrt sich und versendet Presseerklärungen und Aufrufe zur Solidarisierung über das Internet und alle zur Verfügung stehenden Kanäle. Wird sich der Baggerkapitalismus durchsetzen?

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Vorerst scheint das Schlimmste abgewendet zu sein: Tacheles ist vorläufig gerettet!

Am Freitag den 15.11.96 um 14.00 Uhr kam es, wie unser korrespondent Stefan Münker berichtet, auf Betreiben der Baustadträtin Karin Baumart (Bezirk Mitte) zwischen Oberfinanzdirektion, Kultursenat, Bauamt, Stadtplanungsamt und Tacheles zu einem Gespräch im Kulturamt Berlin Mitte. In dieser Runde wurden die jeweiligen Interessen dargelegt und diskutiert. Das Tacheles konnte klarmachen, daß die Verkehrssicherheit des Gebäudes zumindest provisorisch gesichert ist. Die Oberfinanzdirektion zog daraufhin ihre Räumungsdrohung bis Ende des Jahres mündlich zurück. Ein Gutachten, welches das Tacheles in Auftrag geben wird, soll klären, welche unverzüglichen Bau- und Sicherungsmaßnahmen nach Ablauf der Frist vorgenommen werden müssen. Das Stadtplanungsamt und die Baustadträtin Karin Baumart forderten das Tacheles zudem auf, sich mehr in den städteplanerischen Diskurs einzubringen und damit das eigene Anliegen auf mehreren Ebenen zu vertreten. Dies wird das Tacheles natürlich gerne wahrnehmen.

Der öffentliche Druck, der durch die verschiedenen Solidaritätsadressen - auch die Aktionen im Internet - aufgebaut wurde, machte diese einstweilige Lösung möglich. Die Verhandlungen mit dem potentiellen Investor gehen weiter.

Im folgenden einige Anmerkungen zur Geschichte des Hauses und weitere Hintergründe, die zu erklären versuchen, warum das Tacheles Unterstützung verdient.

Das Tacheles, ein Symbol der Wendekultur

Das Tacheles ist nicht einfach irgendein besetztes Haus mit dem Anspruch, autonomes Kulturzentrum zu sein. Seine Geschichte, seine Größe und auch sein Erfolg - dessen problematische Nebenaspekte nicht unerwähnt bleiben sollen - machen es zu einem wichtigen, wenn nicht dem Symbol der Wendekultur in Berlin. Wenn des Tacheles untergeht, dann stirbt mit ihm auch ein Aushängeschild für ein kulturell liberales Berlin.

Als im Spätherbst 89 die Mauer fiel, vereinigten sich nicht nur die tobenden Massen am Potsdamer Platz. Auch die kreativen Vorreiter der sogenannten Underground-Szene aus dem Ost- und Westteil der Stadt fanden sehr schnell zueinander und nutzten den Synergieeffekt und die Hilflosigkeit der Behörden. Diese mußten nämlich erst mal die vielen neuen Häuser zählen, und waren noch lange nicht damit fertig, den Überblick zu gewinnen, als sich der "Underground" längst eine Reihe von Häusern unter den Nagel gerissen hatte.

Bei diesen ersten Besetzungsaktionen waren verschiedenste Individuen und Gruppen beteiligt und es wäre ebenso falsch, diese gesamte "Szene" (eine eigentliche Szene gab es gar nicht, immer nur verschiedene Gruppen und Individuen) in einen Topf zu werfen, wie etwa alle Wirtschaftstreibenden.

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In einem grausamen Selektionsprozeß mußten viele der zunächst gegründeten "Künstlerhäuser", "Ateliergemeinschaften" usw. bald wieder schließen, dem kommerziellen Vertreibungsdruck weichen, etc.

Es entstanden aber auch so unterschiedliche Institutionen wie die "Kunstwerke" in der Auguststraße - ein internationale renommiertes Avantgarde-Kunst-Zentrum - der "Tresor" - eine Kultstätte des deutschen und internationalen Techno-Sounds, oder der "Eimer" - ein Klub, der sich bis heute seinen Undergoundstatus bewahrt hat - und eben auch das Tacheles.

Und es ist nicht so, daß die Stadt Berlin diese ganze Entwicklung nur mit Mißfallen betrachtet hätte. Sehr schnell kam man dahinter - vor allem auch im Kulturamt Berlin Mitte und im übergeordneten Kultursenat Berlin - daß gerade diese Formen von Avantgarde und Off-Kultur sich sehr günstig für das Image von Berlin als trendige Metropole auswirkte. Ob nun die Galerienrundgänge in der Auguststraße oder die später ins monumentale gewachsene Love-Parade, diese Kulturformen brachten Menschen nach Berlin und Berlin international ins Gespräch.

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Denkmalgeschützte Ruine Tacheles

An einem bevorzugten Ort an der Ecke Oranienburgerstraße/Friedrischstraße befindet sich das Tacheles. Eigentlich handelt es sich um die Ruine eines ehemaligen Großkaufhauses, das von Bombentreffern im zweiten Weltkrieg schwer in Mitleidenschaft gezogen worden und zu Ostzeiten weder restauriert noch abgerissen worden war. "Tacheles" - wurde das Zentrum wohl in Rücksichtnahme auf die Nachbarschaft genannt, denn in der selben Straße befindet sich die (seit der Kristallnacht) einzige verbliebene jüdische Synagoge in einem Viertel, das einst ein Zentrum des jüdischen Lebens in Berlin gewesen war, die sogenannte "Spandauer Vorstadt" oder, ein geläufigerer Begriff, das "Scheunenviertel". (Anmkg. "Tacheles" ist ein jiddisches Wort, das soviel wie "Klartext reden" bedeutet)

Schon in den "swingenden" Zwanziger Jahren, der Zeit als Expressionismus, Jazz, Drogen und politische Kämpfe Berlin zu einem besonders heißen Boden machten, war das Scheunenviertel ein Zentrum dieser subkulturellen Schwingungen. Nach der Wende - und daran hat das Tacheles in seiner exponierten Lage keinen unwesentlichen Anteil - sollten genau die selben Straßenzüge wiederum zu einem Treffpunkt für Nachtleben, Bohemiens, Künstler und Szenemenschen werden.

Mittendrin gelegen, veranstaltete das Tacheles Off-Kultur mit großer Bandbreite: Vom Theaterfestival bis zur Tagung über Stadtentwicklung, vom experimentellen Musikevent bis zur Technofete und zur open air Aktion (z.B. Erik Hobijn, Dante Orgel) war hier alles "drin".

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Es wäre naiv anzunehmen, daß dieser Rund-um-die Uhr Betrieb von einer Handvoll wirrer Hausbesetzer und Chaoten geleistet worden wäre. Diese gab es auch, doch hinter der grindigen Attitüde, welche die kriegsvernarbte Fassade verstrahlte, werkte eine Kerngruppe mit einem hohen Maß an Know How in wirtschaftlichen, rechtlichen, künstlerisch-kulturellen Angelegenheiten, Aspekten von Kulturmanagment und PR.

Als das Damoklesschwert einer drohenden Räumung zum ersten Mal vor vier Jahren erhoben wurde, damals als sich eine internationale Kaufhausgruppe für den Erwerb des Geländes zu interessieren begann, ging das Tacheles daher in die Offensive und entwickelte seine eigenen Investitionspläne, welche zwar dem Anspruch einer Kapitalnutzung des Filetgrundstücks Rechnung tragen, aber dennoch die Ruine - und in ihr eine unbeeinflußte Fortführung des Kulturbetriebs - erhalten sollte. Sposnorenkonzepte und Investitionspläne wurden erstellt und die kulturelle Vielfalt des Hauses wurde in dicken Büchern dokumentiert.

Das aber so scheint es, hat alles nichts geholfen, wie wir aus der Eskalation zum heutigen Zeitpunkt ersehen können. Es mag nun sicherlich Leute aus dem linken oder progressiven Spektrum der Kulturlandschaft geben, die sagen, das geschieht dem Tacheles schon recht, die hätten doch ohnehin nur Kompromisse eingegangen. Andere werden bemängeln, daß das Tacheles immer stärker auf Kulturgelder zurückgegriffen hat, um seine Aktionen zu finanzieren und in Zeiten wie diesen, mit Ebbe in der Staatskasse und wenn Kindertagesstätten schließen müßten, wäre es eben logisch, daß auch das Tacheles nicht mehr erhalten werden kann. Und wieder andere werden sich desöfteren mit Grausen abgewendet haben, wenn Samstagabends die Busse mit Kulturtouristen aus Westeuropa und Übersee vor der Ruine vorfuhren und erlebnishungrige "Tourischwärme" in das Labyrinth des Hauses ausspuckten.

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Doch all diese überkritischen Menschen sollten sich vor Augen halten, daß das Tacheles, bei allen Kompromissen und Fehlern, immer noch eine unabhängige Einrichtung ist, die aus der Szene selbst gewachsen ist. Seine Geschichte in den letzten sieben Jahren hat das Image von Berlin entscheidend mitgeprägt und ein wirklicher Qualitätsverlust der Veranstaltungen ist trotz "Kommerzialisierung" und "Subventionierung" nicht feststellbar.

So würde eine Räumung des Tacheles ein wesentliches Stück Unabhängigkeit und einen Motor der Stadtentwicklung in Berlin-Mitte beseitigen. Während in anderen Städten, wie etwa in München mit der Muffathalle solche "alternativen" Strukturen mühsam und mit sehr viel Geld vom Staat aufgebaut werden, würde in Berlin eine existierende und funktionierende Struktur beseitigt.

Es geht hier also nicht um die Kinkerlitzchen eines Kulturkampfes im Kleinen, es geht auch um das Gesicht das die Hauptstadt Berlin der Welt in Zukunft zeigen wird. Wird dies eine von oben herab gewünschte "Regierungskultur" sein, mit Opernhäusern, Sinfonieorchestern und Massenspektakeln a la Love Parade, oder kann sich im Zentrum Berlins, an der Luxusmeile Friedrichsstraße diese schräge, häßlich schöne Ruine, mit allem wofür sie steht, behaupten.

Und um diese Argumentation auf die Spitze zu treiben: So wie die Gedächtniskirche die Westberliner an die Schrecken des Krieges erinnert, ist das Tacheles ein Symbol für den kulturellen Gewinn der Wiederbereinigung. Ein solches, so scheint es, möchte die Regierung in unmittelbarer Nähe ihrer Prunkpaläste nicht dulden.

Kontakte: tacheles -------- tacheles@contrib.com ------ Homepage Tacheles silke ----------- silke@thing.de ------------ Kunsthaus Tacheles * Oranienburgerstr. 54-56a * D-10117 Berlin fon +49 30 2834629 * fax +49 30 2823130

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