Academia Cybernetica
Über die Sintflut als Internet
Das Internet blüht und gedeiht, trotz aller Zensurversuche und Attacken, trotz Blähungen an den Bandbreitenengpässen und kommerzieller Verwerfungen in der Informationslandschaft. Geert Lovink und Pit Schultz beschreiben in diesem Essay voll Ironie und Sarkasmus, mit welchem Unverständnis die geistige Elite dem Netz gegenübersteht. Da wird mit gerümpfter Nase und abendländischer Untergangsstimmung aufs Internet geschimpft, obwohl die meisten Herren kaum jemals eine Web-Page gesehen haben dürften, geschweige denn - igittigitt- eine Seite angeklickt. Ob Baudrillard oder Sloterdijk, kaum wer bleibt von diesem Rundumschlag der Netzkritiker verschont.
Nicht für die Schule, sondern für das Leben surfen wir.
Das Netz als Synonym für die Sintflut der Informationen.
Für Außenseiter, Einsteiger und sogar für Fortgeschrittene bleibt das Netz ein Synonym für die sintflutartigen anschwellenden Netzgesänge. Als achte Plage kurz vor dem Exodus versetzt die Idee, daß alle 18 Monate die Information auf diesem Planeten sich verdoppelt, den Bildungsbürger in Angst und Schrecken. Der humanistische Wunsch, der Mensch sei Herr über seine Daten, macht aus der Verselbständigung technischer Medien ein endzeitliches Schreckgespenst. Das Problem ist vor allem das Heimtückische der sich selbst vermehrenden Information, denen der gläserne Bürger am elektronischen Halsband hilflos gegenübersteht, betört von den Kontrollmaschinen und dem unkrautartigen Wildwuchs unkontrollierter Datenproduktion, die ihre Späßchen treiben mit dem Willen zum Wissen. Der gutgemeinte Trieb zum Grunde der Wahrheit hinab zu tauchen, welcher je nach Vorliebe als Rettungsaktion oder als Fähigkeit zum Ent-scheiden deutlich werden soll, geht im anonymen Gemurmel profaner Freude am Rauschen unter. Die Bändigung des Netzes als zweite oder dritte Natur wird zum zentralen Vorhaben für die Entscheidungsträger des 21. Jahrhunderts.
Peter Handke bemerkt dazu auf seiner "winterlichen Reise":
Denn was weiß man, wo eine Beteiligung beinah immer nur eine (Fern-) Sehbeteiligung ist? Was weiß man, wo man vor lauter Vernetzung und Online nur Wissenbesitz hat, ohne jenes tatsächliche Wissen, welches allein durch Lernen, Schauen und Lernen, entstehen kann?
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Der Gegensatz von Erfahrung vor Ort und Beteiligung aus der Ferne deutet im Grunde nur auf einen Stellvertreterkonflikt konkurrierender Bereiche der Wahrheitsproduktion. Die hohe Zunft der Literatur sieht sich durch 'Online' um ihr Privileg gebracht, authentische Subjektivität und Präsenz zu vermitteln. Die kulturelle Herrschaftselite erträumt sich eine abgeschlossene Zone des Erhabenen und Realen in dem Erfahrung, Entscheidung und Handlung noch möglich sind weil sie klassischen Gesetzen folgen, ganz im Sinne der Thermodynamik, Ordnung und Chaos.
Auch für Dietmar Kamper sind die Medien die große Gefahr:
Das Imaginäre ist derzeit der mächtigste Gegner derer, die leben wollen. Es hat alle Throne und Herrschaften besetzt. Es feiert den Geist des Binären. Es bietet keine Spielräume mehr für Körper auf Zeit. Wie soll man ein Gefängnis aus Bildern öffnen?
Sein Freund Baudrillard aus Paris meint dazu:
Unsere gesamte Geschichte zeugt von dieser Anlage der Vernunft, die selbst auf dem Weg ist, sich zu zerlegen. Unsere Kultur des Sinns bricht zusammen unter dem Übermaß an Sinn, die Kultur der Realität bricht zusammen unter dem Übermaß an Realität, die Kultur der Information bricht zusammen unter dem Übermaß an Information.
Die Rede von Tod und Niedergang, die Rhetorik von "dies alles geht zu Ende - und ich bleibe dabei" findet nur nicht die Worte für den eigentlichen Verlust: Im Buch war der Geist gut aufgehoben, seinen Vertretern auf Erden, Priestern, Schreibern, Urhebern, Dichtern und Richtern wuchs durch die Beherrschung der Technik der Richtigkeit, im Schreiben, Lesen und Denken eine jenseitige Macht zu. Heute steht der eingebauten Transzendenz der Schriftkultur der Nihilismus eines numerisch-rechnerischen Datennirvanas gegenüber. Die imaginäre Macht des Intellektuellen, die auf der Beherrschung der traditionellen Kodierungstechniken fußt, geht in ein melancholisches Jammern über bevorstehende Kulturkatastrophen über, weil Europa nicht mehr Zentrum der symbolischen Herrschaftsordnung ist.
Siemens, Philips, Bull, Olivetti, Robotron sind zu Nachlaßverwaltern des industriellen Zeitalter degradiert. Die nationalen Elektrokonzerne und deren Kulturbedarf sind als bürokratische Dinosaurier auf dem "globalem Weltmarkt" ohnmächtig gegen die (asiatische) "Perfektion des Sekundären".
"Während wir der Irrealität der Welt als Schauspiel die Stirn bieten konnten, sind wir vor der extremen Realität dieser Welt, vor dieser virtuellen Perfektion schutzlos.
So wie Adorno über den Jazz schimpfte, wird das Netz eingereiht in die Bedrohungen der Hochkultur. "Eine imaginäre Wissenschaft der Überhäufung. Die Dinge haben ihren Spiegel verschluckt: Der Zucker 'ohne Kalorien', das Leben ohne Salz, das Salz ohne Natrium, der Krieg ohne Feinde, Sex ohne Kontakt, die Sintflut als Internet" (Matthes und Seitz im Klappentext zu Baudrillard).
unorganized recreations, dance halls, gambling, night clubs, cinema, the problem of overexitement, fruitless diversion
Die Geschichte als ein Kampf zwischen Hi-brow und Lo-brow erfordert immer wieder die genaue Lokalisierung des Übels. Zu Anfangszeiten der Populärkultur hieß es noch "unorganized recreations, dance halls, gambling, night clubs, cinema, the problem of overexitement, fruitless diversion" so die Schule um Dwight MacDonald, den ersten Kritikern der Massenkultur des "modern life" in den Vereinigten Staaten, "the upperclass monopoly of culture was broken". Die feudalistische Logik von Oben gegen Unten wurde durch "cultural studies" zwar durch eine Horizontalachse von Zentrum und Peripherie ausgetauscht, das Problem der Hegemonie wurde jedoch nur verschoben. Heute ist der Hochkulturbetrieb dazu gezwungen sich mit den Mitteln des Marktes zu verteidigen, seine Pfründe gegen die Techno-Massen zu sichern und dennoch seinen Erlebniswert zu steigern, indem eben die selbe Oben-Unten Logik zur Wiederaufführung kommt.
"Was Nietzsche in seiner Vision vom anbrechenden Zeitalter der letzten Menschen vor Auge hatte, ist der scheinbar unaufhaltsame Abstieg des Menschen von den alten manischen Höhen zur universellen selbstzufriedenen, semidepressiven Mittelmäßigkeit. Wer könnte leugnen, daß das Medienzeitalter zu einem Triumph der entgeisterten Vitalität geführt hat - orientiert am Leitbild sportlich-musikalischer Grenzdebilität? Der letzte Mensch: der Passant vor einem Mikrophon." kommentiert der ZKM-Philosoph Peter Sloterdijk. Die Abscheu vor dem eigenen Mittelmaß, die ökonomische Abhängigkeit von der verachteten Mittelklasse und das Verschwinden der Hi-Society hinter ihren eigenen Gittern, macht es dem aufstrebenden Intellektuellen unerträglich, daß Hochkultur längst zum Allgemeingut einer konstruktiven, ehrgeizigen und gebildeten Mittelschicht geworden ist. Das Fehlprodukt der deutschen Nachkriegsgeschichte ist der Übermensch ohne Eigenschaften.
Die Mediengesellschaft ist in das schwarze Loch der Erkenntnis gefallen.
Marc Auge'e nennt es "die Übermoderne, die Vorderseite einer Medaille, deren Kehrseite die Postmoderne bildet." Es geht ihm um die "Überinvestition an Sinn, die Überfülle der Ereignisse." Peter Sloterdijk kann sich immer noch nicht entscheiden, auch wenn Europa erwacht. "Welches Leben sollen wir probieren? Welchen Flug sollen wir buchen? Wir sind bodenlos, weil wir zwischen vierzehn Arten von Dressings wählen müssen. Die Welt ist eine Speisekarte, da heißt es bestellen und nicht verzweifeln."
Gottfried Benn hatte schon Jahre zuvor mit dem gleichen Phänomen zu kämpfen.
Geistesfreiheit - weil 1841 die Massenherstellung von Druckerschwärze begann und im Laufe des Jahrhunderts die Rotations- und Setzmaschinen hinzukamen, das wäre bei 3812 Tageszeitungen in Deutschland und 4309 Wochenzeitschriften zuviel historischer Sinn.
Und Robert Musil läßt seinen Ulrich dazu sagen:
Du brauchst bloß in eine Zeitung hinein zu sehen. Sie ist von einer unermeßlichen Undurchsichtigkeit erfüllt. Da ist die Rede von so vielen Dingen, daß es das Denkvermögen eines Leibniz überschritte. Aber man merkt es nicht einmal; man ist anders geworden. Es steht nicht mehr ein ganzer Mensch einer ganzen Welt gegenüber, sondern ein menschliches Etwas bewegt sich in einer allgemeinen Nährflüssigkeit.
Es gibt die Vorstellung aus dem 19. Jahrhunderts über den zwangsläufigen Zerfall von Ordnung in Entropie, der Maxwellsche Dämon, der seit etwa 45 auf die Informationsebene losgelassen wird. Die neue Unübersichtlichkeit der digitalen Welten treibt uns in den Kältetod (oder Wärmetod?). Die postmodernen Fiktionen von Pynchon bis Gibson haben sich als hypernaturalistische Groschenromane erwiesen. Was bleibt ist eine Kultur des Jammers, das Unbehagen an der Postmoderne, die man selbst mit zu verantworten hat.
Zum Beispiel Baudrillards "Drama des Überentwickelten": "Das Psychodrama des Überdrusses, des Überdrucks, der Überfülle, der Neurose und der aufbrechenden Geschwüre." Information als eklige Katastrophe: "Sind wir also am Nullpunkt der Kommunikation angekommen? Klar: die Leute hüten sich vor der Kommunikation wie vor der Pest."
Das ist der Standardkommentar zu den Wachstumsraten der Netze:"Was haben wir uns gegenseitig zu sagen? Was gibt es überhaupt zu kommunizieren?" Es gibt nur noch 'Info-Inflation' und die eigentlichen Sieger sind die 'Informationsmakler'. Kein Wunder, daß Edmund Stoiber (CSU) zu Maßnahmen gegen "Schmutz und Unrat im Internet" rät, und man bei der Reglementierung des Internets wieder an der Weltspitze steht:'am deutschen Wesen soll das Netz genesen'.
Dies alles scheint wahrer als wahr, es ist das Denken, das nur noch Trivialitäten und Tautologien hervorbringt. Die Negation der Negation der Negation ruft keinen Spannungen mehr hervor. Es übt sich im An-und-Bei-sich-halten, die alten Subjektivierungstools sind marode geworden und die neuen sind noch so fremd. Ohne Feind oder Handlungsbedarf, nachdem man von allem Abschied genommen hat und alles zu Ende ging, kehren wir zur Bodenstation zurück (siehe Sherry Turkle). Das Pariser Programm wurde verwirklicht, aber das Leben ging seinen gewohnten Gang.
Aus 1000 Plateaux wurden Millionen Websites und das postmoderne Wissen gibt es auf CD-ROM um die Ecke.
Gerhard Schultze, der Emmanuel Kant der Kaufhauskultur, bleibt ganz nüchtern. In seiner Kritik der Erlebnisrationalität beschreibt er die Grenzen des Konsums.
Kaum angeschafft und in Gebrauch genommen, werden die Dinge, die einen Augenblick vorher noch die Begehrlichkeit wachgerufen haben, bereits blasser. Bei der Mehrzahl der Produkte ist die ständige Verbesserung der Produktqualität nicht zu bezweifeln. Fraglich ist nicht mehr, ob die Ware den Ansprüchen des Kunden genügt, sondern ob der Kunde mit den Ansprüchen der Ware schritthalten kann. Die Langfristerfahrung der Dynamik des Warenangebots übt den Blick für das Verfallsdatum ein. Immer wieder muß man innerlich und äußerlich Platz machen für das Nachfolgende. Zur Angst vor Langeweile gesellt sich die Angst, etwas zu versäumen. So groß die Zahl der Angebote auch ist, im Konsum des Erlebnisses liegt unvermeidlich eine Festlegung.
Die Folge: "Freiheitsstress". Das Reale und Virtuelle, das Imaginäre und Symbolische trifft sich im Moment des Erlebnisses, welches eine ganze Ereignisindustrie und -forschung nach sich zieht. (Tourismus, VR-Parks, experimentelle Psychologie, Extremsportarten, Event-Sponsoring, Cybercafes, Clickstudien, Club Culture, Common Sense Studies..)
Die Erlebnissoziologie liefert das theoretische Gerüst einer hochkomplexen Ereignißproduktion und hat längst das Internet erfaßt (24 Hours Cyberspace, Blitzmails, Blue Ribbon Campaign). Erlebnisdesign und Ereignismanagement kämpfen gegen unkontrollierte Ausnahmezustände, Depression, Langeweile und fröhlichen Vandalismus, sie stellen ein pragmatisches Herrschaftswissen bereit, das sich als überlebensfähig erweist fürs Infozeitalter, da es Emotionen steuert und nicht Signale.
Der bekannte Techno-Theoretiker Martin Heidegger hat mehrfach ernste Bedenken gegen die Erlebnisgesellschaft und seine Überfülle geäußert. Er wenigstens hat einen Lösungsvorschlag und ruft zur Disziplin. Sein Biograph, Rüdiger Safranski, beschreibt die Pläne für eine Dozentenakademie, "eine Art Philosophen-Kloster, ein Todtnauberger Asyl, mitten in Berlin." Darin finden wir Heideggers Modell zur Bildung zukünftiger Eliten. "Es sollte kein Honoratiorenklub, aber auch keine politische Volkshochschule werden, sondern eine erzieherische Lebensgemeinschaft." Heidegger macht dazu Vorschläge und schickt sie am 28. August 1934 nach Berlin. "Lehrer und Schüler sollen zusammenleben in der Tagesordnung des natürlichen Wechsels von wissenschaftlicher Arbeit, Entspannung, Sammlung, Kampfspiel, körperlicher Arbeit, Aufmärschen, Sport und Feier. Es solle einen Wechsel zwischen Einsamkeit und Sammlung geben. Hörsaal, Speisesaal mit Vorlesepult, Räume für Feiern und musisches Leben, gemeinsame Schlafräume." Zentrales Element ist die asketische Zucht im Umgang mit Medien. Es herrscht künstlicher Mangel. "Die Bibliothek müßte kärglich ausgestattet sein und sollte nur das Wesentliche enthalten, sie gehört zur Schule wie der Pflug zum Bauern. Die Schüler sollen bei der Auswahl der Bücher mit beteiligt werden, um so zu lernen, was echte und grundlegende Beurteilung des Schrifttums bedeutet." Heute, da diskutiert wird ob sich über 'Internet' nicht das Bildungssystem 'verschlanken' ließe, besteht die Frage wem das Recht zukommt, die 'grundlegende Beurteilung' eines Datenbestands vorzunehmen, der im Begriff ist ebenso ortlos zu werden wie die Billiarden von Dollars in den Datennetzen der Finanzmärkte.
http://www.heise.de/tp/artikel/1/1089/1.html- achte Plage und die Gesänge von Hyperion (21.9.2006 20:31)
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