Teenies gegen Zensur

Armin Medosch 12.12.1996

Wird Eltern-Kontroll-Software zum allgemeinen Zensurinstrument?

Die Diskussion um den Communicatiosn Decency Act in den USA hat die Industrie motiviert, in vorauseilendem Gehorsam Software zu entwickeln, die ein "kindersicheres Surfen" ermöglichen soll. Eine Gruppe von Teenagern will sich diese Bevormundung aber nicht gefallen lassen und hat sich zu "Peacefire" zusammengeschlossen, einer Anti-Zensur Allianz von Kids. Deren Anführer, Bennett Haselton, ist aber nun unter schweren Beschuß der Firma Solid Oak Software geraten.

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Solid Oak Software ist eines jener Unternehmen, die sich gute Chancen ausrechnen können, mit ihrer Software "CYBERsitter" eine Menge Geld zu verdienen. Als das "fortgeschrittenste Produkt am Internet-Filter Markt" (Eigenbeschreibung) ist die Software in der Lage, den Zugang zu WWW-Sites, Newsgroups, Chat-Foren zu unterbinden, sofern sie sich auf der Liste der indizierten Seiten/Foren/etc. befinden. Was indiziert wird, bestimmen dabei die Systemadministratoren der Firma selbst. Den Eltern, die solcherart Kontrolle über das "Surf-Verhalten" ihrer Kids erlangen wollen, wird in der Eigenwerbung versprochen, "jede Site zu blockieren, die sich auf Themen konzentriert, die für Erwachsene bestimmt sind, sich mit sexuellen Themen befassen, illegalen Aktivitäten, Rassismus, Drogen oder Pornografie" (Zitat aus www.solidoak.com).

Bei Eltern in den USA scheint diese Art Software nun sehr en vogue zu sein. So gibt es neben CYBERsitter eine Reihe von Programmen, die ein ähnlich kontrolliertes Web-Browsen zum Ziel haben. Die meisten dieser Programme, ob sie nun Cyber Patrol, Cyber Sentry, Net Shepherd, Specs for Kids, SurfWatch oder inWebstigator heissen, basieren auf dem von der W3-Society vorgeschlagenen PICS (Platform for Internet Content Selection). Microsoft hat bei seinem Microsoft Explorer PICS gleich fest integriert, während Netscape diesen Schritt noch nicht gegangen ist.

Kritiker sehen im "kindersicheren Web" jedoch eine ernste Gefahr für die Meinungsfreiheit. Denn noch gibt es keine demokratischen, konsensfähigen Mechanismen, nach denen bestimmt wird, welche Seiten als jugendgefährdend angesehen werden. Dagegen wehrt sich Bennett Haselton, Gründer von Peacefire, der "Anti-Zensur-Allianz von teens im Netz". Er und seine Freunde haben herausgefunden, daß von CYBERsitter unter anderem die Web-Sites der "National Organization for Women" und die gesamte Yahoo-Abteilung unter "Gay Rights" blockiert werden.

Mit der Veröffentlichung derartiger Informationen auf der Web-Site von Peacefire unter www.peacefire.org/censorware/CYBERsitter.html hat Bennett nun den Groll der Erzeugerfirma erregt. Einem Bericht in www.wired.com vom 10.12.96 zu Folge hat Solid Oak Software nun auch Peacefire.org unter die blockierten Seiten aufgenommen und zugleich dessen Provider, die Firma Media3 unter Druck gesetzt, Peacefire von seinem Server zu nehmen.

Doch Media3 will sich diesem Druck nicht so leicht beugen. Ausserdem haben die Muskelspiele von Solid Oak Software wie schon so oft in der Vergangenheit das Gegenteil dessen bewirkt, was beabsichtigt, war, nämlich eine Verfielfältigung der Information durch das Spiegeln der Site von Peacefire auf diversen Servern und eine intensive Diskussion der Causa auf Declan McCulloghs fight-censorship mailing list (Archiv und Subscriber-Info). Aufrufe zu Email-Kampagnen erschienen an verschiedenen Orten im Netz, so z.B. bei Suite 101.

Viele, die dieser Form der "Freiwilligen Selbstkontrolle" in Form von Software a la CYBERsitter den Vorzug gegenüber jedweder staatlichen Zensurverordnung gegeben hätten, beginnen nun darüber nachzudenken, ob die "private" Lösung wirklich die beste Möglichkeit darstellt. Zunehmend regt sich Unbehagen gegenüber dem Machtanspruch von Unternehmen, Kritiker über den Umweg des Vorwurfs der mißbräuchlichen Verwendung von Copyright-geschützten Materialien einfach mundtot zu machen.

Dieses Unbehagen geht inzwischen über Netz-Insiderkreise weit hinaus. So beschäftigte sich Amy Harmon in einem großaufgemachten Artikel in der L.A. Times mit dem Phänomen, daß Hollywood Studios und Unternehmen, die zu den größten 500 der Welt zählen, immer öfter gegen Leute vorgehen, die Informationen über sie auf ihren privaten Homepages anbieten. Meist handelt es sich dabei um die in den USA so beliebten "Fan-Pages". "Echte Fans" hatten z.B. eigene Seiten über die Sci-Fi Serie "Millenium" von 20th Century Fox angelegt, doch das war letzteren gar nicht recht und sie gingen anwaltlich gegen sie vor.

Neben Fans trifft es dabei aber auch wirkliche Feinde. Ex-Angestellte von Firmen, die auf ihren privaten Seiten ihr Herz ausschütten und Gründe nennen, warum Produkte dieser Firmen keineswegs zu kaufen seien, Leute, die aus politischen Gründen gegen bestimmte Unternehmen sind, etc. Große Unternehmen tun sich meist sehr leicht, ihre Rechtsabteilungen in Gang zu setzen. Da die Gegner meist Privatleute sind, handelt es sich um echte "David gegen Goliath"-Kämpfe, bei denen aber anders als beim historischen Vorbild Goliath immer öfter gewinnt.

Mittelfristig könnte das zur Auswirkung haben, daß die von Wirtschaftsunternehmen ausgeübte Zensur die des Staates an Häufigkeit der Fälle bei weitem übertrifft. Das Internet wird nicht nur "kindersicher", sondern auch "idiotensicher", kritische Inhalte werden an den Rand gedrängt oder verschwinden ganz.

Der Free Speech Aktivist Rich Burroughs hat den Versuch unternommen, die von Bennett Haselton aufgestellten Behauptungen, welche Web-Sites von CYBERsitter blockiert werden, zu verifizieren. Die folgende Aufstellung mag Ihnen als Beleg dienen:

"Nachdem ich eine Ausprobierversion von CYBERsitter geladen hatte, konnte ich feststellen, wie einfach so ein Test geht. Die Software zeichnet das für dich in einem Log-File auf. Hier sind einige ASusschnitte aus meinem Log, von einer kurzen Surftour letzte Nacht:

12/12/96 10:38:13 PM Accessed solidoak.com

12/12/96 10:39:44 PM Blocked playboy.com

12/12/96 10:40:03 PM Blocked peacefire.org

12/12/96 10:40:07 PM Accessed www.vtw.org

12/12/96 10:40:07 PM Blocked peacefire.org

12/12/96 10:40:48 PM Accessed www.eurpoa.com

12/12/96 10:45:53 PM Accessed search.yahoo.com

12/12/96 10:45:54 PM Blocked =smut

12/12/96 10:46:27 PM Blocked =porn

12/12/96 10:46:38 PM Blocked =penis

12/12/96 10:46:54 PM Blocked sexual

12/12/96 10:46:54 PM Blocked hardcore

12/12/96 10:46:54 PM Blocked sexuality

12/12/96 10:46:54 PM Blocked analsex

12/12/96 10:46:54 PM Blocked altsex

12/12/96 10:52:49 PM Blocked now.org

[NOW = The National Organization for Women.]

12/12/96 10:53:38 PM Blocked c2.org

12/12/96 10:53:44 PM Blocked well.com

12/12/96 10:53:49 PM Blocked echonyc.com

12/12/96 10:53:54 PM Accessed www.mojones.com

[Ich kam zu Mother Jones durch, obwohl Bennnett sie als gesperrt aufführt.]

12/12/96 10:54:48 PM Blocked lookup.com

12/12/96 10:54:55 PM Blocked cris.com

12/12/96 10:55:41 PM Accessed ads03.focalink.com

12/12/96 10:55:42 PM Blocked haselton

[Sie haben sogar seinen Namen blockiert, in Gottes Namen!]

12/12/96 10:55:42 PM Blocked homosexual

12/12/96 10:55:42 PM Blocked fascism

12/12/96 10:55:43 PM Blocked terror

12/12/96 10:55:43 PM Blocked homosexual

12/12/96 10:56:48 PM Accessed search.yahoo.com

12/12/96 10:56:48 PM Blocked =gay

12/12/96 10:56:56 PM Blocked members.gnn.com

http://www.heise.de/tp/artikel/1/1090/1.html
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