Für ein vielsprachiges Europa

Paul Treanor 26.03.1997

Gegen die Monokultur des Englischen

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Es werden Vorschläge ausgebreitet, um Vielsprachigkeit in Europa einzuführen und die existierenden Formen des Sprachgebrauchs - nationale Sprache und Englisch - umzukehren. Die meisten dieser Vorschläge sind einfache Umkehrungen der Sprachenpolitik einsprachiger Nationalstaaten. Am Beginn stehen Beispiele des Sprachengebrauchs in Europa und besonders in den Institutionen der EU. Vorgeschlagen wird eine Begrenzung bei der Verwendung der englischen Sprache, die Förderung der Vielsprachigkeit bei Veröffentlichungen und die Gleichheit des Sprachgebrauchs. Die Vorschläge zielen nicht auf eine Wahrung des sprachlichen Erbes.

Der Sprachgebrauch im gegenwärtigen Europa

Das allgemeine Muster des Sprachgebrauchs folgt der Geopolitik: nationale Sprache + Englisch in Westeuropa. Ist Osteuropa war dies früher Russisch und die ethnische Sprache. In der EU ist folglich Englisch die normale Sprache für zwei Menschen, die jeweils die Sprache des anderen nicht beherrschen. Obwohl der gleiche Status anderer Sprachen offizielle EU-Politik ist, hat nur Englisch den faktischen Status einer Kontaktsprache. Wenn man diese Situation ändern wollte, würde man eine andere Sprachpolitik benötigen. Der zunehmende Druck, Englisch zu verwenden, stammt vorwiegend aus dem Bildungsbereich, in dem englisch als die globale Wissenschafts- und Bildungssprache definiert ist. Das stimmt im Augenblick, aber das muß nicht notwendigerweise so sein. Als Folge werden auf dem Arbeitsmarkt Menschen bevorzugt, die Englisch sprechen können.

Die folgenden Beispiele zeigen, wie auch von der EU der englischen Sprache eine höhere Stellung eingeräumt wird, die man nicht jeder anderen Sprache zuspricht. Sie zeigen auch, daß Einsprachigkeit noch immer die normale Praxis in der Gesellschaft ist, die in Europa gewöhnlich einen Nationalstaat bildet. Die Beispielse sollen die Situation veranschaulichen, aber sie stellen keine repräsentative Grundlage für eine Sprachpolitik dar.

Universitäten

Wenn eine zweite Sprache für den Eintritt in eine Universität notwendig sein sollte, dann ist dies in der Regel Englisch,

Jemand, der Englisch als Muttersprache spricht, kann Physikprofessor werden, ohne eine andere Sprache lernen zu müssen. Umgekehrt ist das nicht möglich: eine passive Kenntnis des Englischen ist für Naturwissenschaften entscheidend.

Englisch sprechende Studenten können in Großbritannien ein Studium absolvieren und einen Abschluß machen, ohne eine andere Sprache zu können. Das wird für Großbritannien zu einer Ausnahmesituation und gilt nur Studenten, die Englisch sprechen.

Fast alle wissenschaftlichen Zeitschriften in englischer Sprache verweigern die Annahme von Beiträgen in anderen Sprachen. Umgekehrt ist das anders: viele Wissenschaftler ziehen englische Veröffentlichungen vor, weil man glaubt, daß sie einen höheren Wert besitzen.

Wissenschaftliches Personal wird oft nach ihren Veröffentlichungen beurteilt. Veröffentlichungen in großen internationalen Zeitschriften zählen mehr, und sie sind fast ausschließlich in Englisch.

Austauschprogramme

Universitäten in Holland haben besondere internationale Kurse für Studenten mittels des ERASMUS (SOCRATES)-Programms eingeführt. Fast alle sind in Englisch. Wahrscheinlich wird dies in den nächsten fünf Jahren auf fast ganz Europa zutreffen.

ERASMUS-Studenten aus Großbritannien und Irland müssen folglich keine andere Sprache erlernen.

Internationale Austauschprogramme basieren vorwiegend auf Englisch.

EU-Politik

Die EU gibt vor, eine vielsprachige Informationsgesellschaft zu wollen, aber sie unterstützt Telecity oder Telepolis Projekte, die einsprachig sind oder bestenfalls auf einer regionalen Sprache + Englisch basieren.

Englisch ist die herrschende Konferenzsprache, selbst wenn sie von der EU unterstützt werden.

Die EU fördert viele wissenschaftliche und technische Projekte. Nahezu alle abschließenden Berichte werden auf Englisch veröffentlicht.

Von der EU geförderte Veröffentlichungen beinhalten oft nur Literaturverweise auf Englisch.

Die EU fördert Projekte zur regionalen Entwicklung, zum Agrotourismus, zur Geschäftsinformation, zur Kommunalentwicklung, zum Techniktransfer usw. Fast jedes dieser Projekte ist einsprachig.

Beschäftigung

Die Auswahl erfolgt nahezu immer auf der Grundlage einer nationalen Sprache. Das ist das wirksamste Hindernis für die Migration in Europa. Man einige Jahre in einem Land leben und die Sprache lernen, um in den Arbeitsmarkt eintreten zu können.

Wenn es sich um Angestellte mit einer hohen Arbeitsmobilität in allen EU-Ländern geht, dann ist die verwendete Sprache überwiegend Englisch.

Maßnahmenvorschläge

Ausbildung

Vielsprachigkeit sollte eine Bedingung für den Zugang zum dritten Bildungsweg sein.

Einsprachige Ausbildung im dritten Bildungsweg sollte abgeschafft werden, wenn erforderlich durch die Schließung einsprachiger Institutionen.

Abschlüsse, die man in einer einsprachigen Ausbildung an einsprachigen Universitäten erhält, sollten abgewertet werden, wenn derjenige, der einen akademischen Grad erwirbt, nicht innerhalb einer bestimmten Zeit zusätzliche Kurse in einer anderen Sprache belegt (etwa fünf Jahre scheinen dafür angemessen zu sein).

Information

Produktinformationen sollten in soviel wie möglichen Sprachen erhältlich sein.

Verpackungsaufschriften sollten im größtmöglichen Ausmaß mehrsprachig sein. Manche Produkte tragen bereits Informationen in 10 Sprachen. Das sollte die normale Praxis sein.

EU: Vielsprachigkeit in der Praxis

Alle von der EU geförderten wissenschaftlichen Projekte sollten in vielsprachigen Veröffentlichungen münden und nicht in erster Stelle in englischen.

Eine Bedingung für die Unterstützung wissenschaftlicher Medien (Zeitschriften) sollte sein, daß jeder Artikel mindestens in einer Übersetzung veröffentlicht wird.

Einsprachige Konferenzen sollten von der EU nicht gefördert werden.

Medien: realisierte Vielsprachigkeit

Zeitungen und Zeitschriften sollten vielsprachlich sein. Das kann nicht als Zensur betrachtet werden, da es die Zahl der Menschen erhöht, die jeden Text lesen können. - Maximal 90% eines täglich erscheinenden Mediums sollten in einer beliebigen Sprache veröffentlicht werden, und sie sollte mindestens dreisprachig sein. - In wöchentlich oder monatlich erscheinenden Medien, die nicht unter so einem großem Zeitdruck stehen, sollten maximal 75% nur in einer Sprache veröffentlicht werden.

Beschäftigung

Niemand sollte eine Anstellung nur aus dem Grund verweigert werden dürfen , daß er kein Englisch spricht.

Niemand, der vier europäische Sprachen kann, sollte wegen der Sprachkompetenz eine Anstellung verweigert werden (beispielsweise sollte jemand, der Polnisch, Russisch, Deutsch und Französisch spricht, nicht eine Anstellung in London verweigert werden, weil er kein Englisch spricht.

Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer

http://www.heise.de/tp/artikel/1/1154/1.html
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