Verarbeiten, Speichern, Koppeln
Zu Niklas Luhmanns verstreuten Bemerkungen über die Medien der Gesellschaft
Der Soziologe Niklas Luhmann hat sein großes Werk geschrieben. Wie immer wird auch in der "Gesellschaft der Gesellschaft" in Schleifen gedacht, die sich nun über 1000 Seiten ausbreiten. Niels Werber hat sich das Opus im Hinblick auf die darin enthaltene Medientheorie angesehen. 1271_1.gif
Massenmedien ohne Technik
Luhmanns Publikation über "Die Realität der Massenmedien" (Opladen 1996) bestätigt diesen Vorwurf, denn über deren technische Wirklichkeit wird kaum ein Wort verloren. Die Definition des "Begriffs der Massenmedien" lautet knapp, daß all jene "Einrichtungen der Gesellschaft" gemeint sind, also vermutlich Organisationen, die "sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen", die also die "Druckpresse", "photographische oder elektronische Kopierverfahren" oder auch "Funk" benutzen.
Entscheidend sind für Luhmann dann aber weniger diese sparsam (Kabel und Satelliten fehlen etwa) aufgezählten Techniken, noch die Organisation der Sender (als Einrichtungen); grundlegend ist vielmehr die soziologische Definition, "daß keine Interaktion unter Anwesenden zwischen Sender und Empfänger stattfinden kann" und daß daher - dank eines anonymen Publikums - "die Sendebereitschaft und das Einschaltinteresse nicht zentral koordiniert werden können". Weil man den Zuschauer als Individuum nicht kennt, muß massenhaft Verschiedenes gesendet werden, so daß sich ein "Angebot" ergibt, dem der einzelne das entnimmt, "was ihm paßt" (S. 10ff). Inwieweit eine wissenschaftliche Publikation, eine Radiopredigt oder ein Kunstfilm zum System der Massenmedien gehören, nur weil sie "gedruckt und gefunkt", "gelesen und empfangen" (S. 12f) werden, oder aber als spezifischer Beitrag zur Wissenschaft, zur Religion und zur Kunst betrachtet werden müssen, da sie dort die ihrem Code gemäße Anschlußfähigkeit erzeugen, bleibt ungeklärt. Auch die Unterscheidung technischer Verfahren wie Druck, Funk und EDV von institutionalisierter Interaktion im Theater, in der Ausstellung oder im Konzert (S. 11) scheint sich zur Definition der Massenmedien nicht zu eignen, zumal unklar ist, warum ausgerechnet hier, im Theater oder im Museum, im Gegensatz zu den Massenmedien Interaktion zwischen "Sender und Empfängern" stattfinden soll. "Interaktion" wird hier zwar nicht "durch Zwischenschaltung von Technik ausgeschlossen" (S. 11), findet aber gleichwohl nur als Ausnahme statt - und Ausnahmen gibt es auch in den technisierten Medien, wie Call-in-shows belegen können.
An diesen Annahmen hält Luhmann auch in seinem neuesten Werk, der beinahe 1200 Seiten langen Summa sociologica "Die Gesellschaft der Gesellschaft" fest. Die Massenmedien trennen Sender und Empfänger technisch und schieben sich zwischen beide wie ein auf beiden Seiten verspiegeltes Glas.
Der Informationsgeber sieht im Medium der kurrenten Information sich selbst und andere Sender. Der Informationsnehmer sieht sich selbst und andere Informationsnehmer und lernt nach und nach, was man hochselektiv zur Kenntnis zu nehmen hat, um im jeweiligen Sozialkontext mitwirken zu können. Der Spiegel selbst ist intransparent.
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Vermittlung ist überflüssig, es genügt, daß die Sender sich anhand der Einschaltquoten vergleichen und die Empfänger ihre aus den Medien übernommene "öffentliche Meinung" (S. 1102) als eigene in der Interaktion mit anderen Zuschauern vertreten können. Je nach Erfolg verändern dann die Sender und die Empfänger die Sendungen, die sie senden oder empfangen.
So evident dies klingen mag, Luhmann verkürzt - wie schon am Stil der Formulierungen sichtbar wird - die Medien auf den Informationsaspekt der Kommunikation. Aber womöglich liegt die Hauptfunktion vieler massenmedialer Sendungen nicht in der Sachreferenz der Information, sondern eher in der Selbstreferenz der Mitteilung, also der "schönen" Form. Und wenn dies zutrifft, und bei vielen Medienangeboten vom Videogame bis zur daily soap scheint dies doch nahezuliegen, dann ist der Einfluß der benutzten Techniken auf die Funktion der Medien kaum zu überschätzen. Um sich zu informieren und so bestimmte Realitätskonstruktionen der anderen zu teilen oder zu erwarten (S. 1104), ist es gleichgültig, ob die Tagesschau in Farbe oder in Schwarz-weiß gesendet wird oder ob der Fernseher ein kleines oder großes Format hat - in anderen Fällen wäre jede Abstraktion von Technik fahrlässig. 17 Zoll Monitor oder 20 Zoll, zwei Megabyte Grafikkarte oder mehr, 20 Watt oder 120 Watt, ob Hochglanz und Großformat oder schäbige Hektographie - das sind die Fragen, die den User bewegen - egal, was er sieht oder hört. Wie auch bei Kunstwerken scheint die Mitteilungsseite der Kommunikation besonders wichtig zu sein - und die hängt von der verwendeten Technik ab.
Luhmann grenzt den Anteil der Technik an der Kommunikation der Massenmedien aus: "Auch und gerade die modernen elektronischen Kommunikationstechnologien beruhen auf einer klaren Trennung der technischen Netzwerke von der Information und damit von der kulturellen Semantik, die mit ihrer Hilfe kommuniziert wird." (S. 522) Die Techniken verbreiten und speichern Infomationen in einer Weise, die für die derart medialisierte Kommunikation unerheblich sein muß, denn sonst könnte er nicht behaupten, das "technische Netz" verhalte sich "völlig neutral zur Kommunikation" (S. 302). Dies ist schwer vorstellbar - oder sollte es für die Funktion der Massenmedien völlig gleichgültig sein, welches Interface die Sendungen an den Mann bringt. Es mag wohl nur dann überzeugen, wenn man ihre Funktion im Konsum von Information' sieht.
Technik als Umwelt der Gesellschaft
Auch wenn die Rolle der Technik in der Theorie der Massenmedien nur bescheiden ist, so wird sie doch - als Umwelt des Systems - gewürdigt. Luhmann sieht in der Technik eine evolutionäre Errungenschaft, also eine Einrichtung, ohne welche die bestehende Gesellschaft nicht mehr zu existieren vermag, da sie die Technik für ihre eigenen Operationen nutzt und voraussetzt.
Technik definiert Luhmann als funktionierende Simplifikation, als Möglichkeit für kontextlose Produktion bestimmter Ergebnisse: "In jedem Fall geht es um einen Vorgang effektiver Isolierung" - der Motor muß überall anspringen, das Telefon überall läuten. "Das Funktionieren kann man feststellen, wenn es gelingt, die ausgeklammerte Welt von Einwirkungen auf das bezweckte Resultat abzuhalten. Es mag im übrigen geschehen, was will: die Technik liefert die beabsichtigten Ergebnisse" - gelingt ihr das nicht, dann ist sie kaputt (S. 525).
Je mehr Sozialsysteme in ihrer Umwelt das Funktionieren von Technik voraussetzen, desto anfälliger wird die Gesellschaft für Störfälle. Zur Vermischung der operativen Ebenen kommt es freilich nicht. Die Technik manipuliert physische Zustände oder - im Falle des Computers - Symbole, die Gesellschaft dagegen kommuniziert und das Bewußtsein nimmt wahr. Technik gehört also für Luhmann zu einem Teil der Umwelt der Gesellschaft, zu der sie allerdings ein besonderes Verhältnis unterhält - ähnlich wie das Bewußtsein zum Gehirn. Gemeint ist "strukturelle Kopplung", ein Begriff, der das Konzept der "Interpenetration" ersetzt zu haben scheint, aber wie diese dann vorliegt, wenn zwei "Systeme sich wechselseitig dadurch ermöglichen, daß sie in das jeweils andere ihre vorkonstituierte Eingenkomplexität einbringen", also wechselseitige Beiträge zum Systemaufbau leisten ("Soziale Systeme", Frankfurt/; 1987, S. 289f). Die Systeme nutzen "dieselben Elemente" (S. 293), aber im Rahmen ihrer eigenen Autopoiese. So nutzen soziale und psychische Systeme Sprache - und ohne diese Kopplungsmöglichkeit von Bewußtsein und Gesellschaft gäbe es vermutlich beides nicht. Technik ist nun zur Sprache hinzugetreten.
In allen gegenwärtigen Operationen muß die gesellschaftliche Kommunikation Technik voraussetzen und sich auf Technik verlassen können, weil in den Problemhorizonten der Operationen andere Möglichkeiten nicht mehr zur Verfügung stehen.
Vor allem der "Zeitbedarf" bei "Ablösung von Technik" wäre so groß, daß ein Verzicht auf Technik "praktisch ausgeschlossen" ist (S. 532). Das kaputte Telefon kann von Boten nicht ersetzt werden: die Fernkommunikation bliebe aus - und falls auf Dauer, wäre die Gesellschaft eine andere, ohne "global" operierende Funktionssysteme. Die Technik wird also ernst genommen, aber nur als unverzichtbare Umwelt der Gesellschaft, aber dann nicht weiter differenziert. Luhmann spricht meistens im Singular von "Technik", als gäbe es keine erwähnenswerten Distinktionen.
Evolution mit Computern
Eine Ausnahme wird allerdings gemacht. Der Computer spielt die Sonderrolle der "einzigen Alternative zur strukturellen Kopplung Bewußtsein/Kommunikation" (S. 117). Luhmann vermutet also, daß sich - mit "unschätzbaren Folgen" für die "weitere Evolution des Gesellschaftssystems" (S. 117f) - eine strukturelle Kopplung zwischen Gesellschaft und Computern herangebildet habe, die - ohne Umweg über die Psychen der Menschen - die Evolution der Gesellschaft prägen könnte.
Eine weitere Folge des Siegeszuges der Computer ist, daß man vorrangig jene Probleme behandelt, zu deren Lösung sich Computer verwenden lassen - mit der Folge, daß zunehmend all die Probleme übersehen werden, die sich nicht am PC lösen lassen. Auch in dieser Weise nimmt die Technik Einfluß auf die strukturale Drift der gesellschaftlichen Evolution (S. 985). Angedeutet ist also eine gleichsam inhumane, technisierte, bewußtlose Evolution. Hier befindet sich Luhmann so nah an der Hardware-Fraktion wie nie, freilich ohne dies zu explizieren.
Das Kollabieren der Kommunikation
An anderer Stelle finden sich Spekulationen über die Wirkung der "Neuen Medien" auf die Kommunikation selbst, deren Normalfall Luhmann bekanntlich als dreistellige Selektion von Information, Mitteilung und Verstehen auffaßt (S. 72). Wer die Information (Fremdreferenz) von der Mitteilung (Selbstreferenz) unterscheiden kann, hat verstanden und kann ablehnend oder zustimmend daran anschließen. Die Audiovision des TV entziehe sich jedoch der typischen "Ja / Nein- Codierung der sprachlichen Kommunikation". Man kann TV-Sendungen zwar "gut oder schlecht finden, aber es fehlt im Gesamtkomplex des Wahrgenommenen jene Zuspitzung, die eine klare Distinktion von Annahme und Ablehnung ermöglichen würde. Man weiß zwar, daß es sich um eine Kommunikation handelt, aber man sieht es nicht." (S. 307) Die Audiovision scheint derart die für Kommunikation konstitutive Differenz "von Information und Mitteilung" aufzulösen, jedenfalls sei ein Unterschied nur noch schwer auszumachen (S. 308).
Die für die Autopoiese von Kommunikation so entscheidende Entscheidung über Annahme und Ablehnung eines Selektionsangebots, die ja in beiden Fällen zeigt, daß man verstanden hat, bleibt beim Fernsehen aus. Ohne diese Unterscheidung aber ist unklar, wie eine Folgekommunikation anschließen soll. Angesichts dieser Befunde über die Verschmelzung von Information und Mitteilungsform ist es erstaunlich, daß Luhmann im Abschnitt über Massenmedien so sehr auf dem Informationscharakter des Systems besteht.
Auch der Computer attackiert die Dreifaltigkeit der Kommunikation. Diesmal ist es die Unterscheidung "von Mitteilung und Verstehen", die aufgelöst werde.
"Wer etwas eingibt, weiß nicht (und wenn er es wüßte, bräuchte er den Computer nicht), was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Daten sind inzwischen verarbeitet' worden. Ebensowenig muß der Empfänger wissen, ob etwas und was ihm mitgeteilt werden sollte. [...] Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten.
Die Mitteilungsseite der Kommunikation steht für ihre Sozialdimension. Wichtig für das Verstehen ist nicht nur die Sachreferenz der Information, sondern immer auch Kenntnis davon, wer wie was warum mitteilt. Aber nur wer die "Quelle" einer Kommunikation kennt, kann die "Absicht der Mitteilung" mit berücksichtigen und eventuell die Kommunikation ablehnen, weil die "Autorität der Quelle" (Schichtung, Reputation) nicht ausreicht oder Interessen (Rhetorik, Einfluß, Macht, Verstellung) unterstellt werden. Man sieht bei all dem, daß Luhmann hier an Computernetze und Anwendungen wie das WWW denkt, denn nur hier weiß der Empfänger nicht, ob und was ihm mitgeteilt wurde. Im Falle von Email etwa, weiß ich - trotz unverständlicher Datenverarbeitung hinter dem Bildschirm - was mir von wem warum zugeschickt worden ist.
Luhmann erwartet, daß unter Umständen der "Computer auch die Sachdimension des Sinns der Kommunikation in die Entkopplung einbeziehen könnte", also nicht mehr sicher gestellt werde, daß es sich bei unterschiedlichen Anwendungen und Zugriffen "sachlich um dieselbe Information" handele, die mitgeteilt und verstanden wird (S. 310). Diese Prognose wird leider nicht näher erläutert, aber vielleicht darf man an das enorme Tempo der Zustandsänderungen in den Datennetzen denken, was dazu führen könnte, daß ein beliebiger Datensatz so schnell neu kontextiert wird, daß sein Informationswert trotz physikalischer Identität stets ein anderer ist.
Insgesamt lassen TV und Computer "die Zufallskontakte frei herumlaufender Körper abnehmen", denn die Körper werden zunehmend an die "Anschlußstellen gebunden". TV und Computer steigern damit "die soziale Entkopplung des medialen Substrats der Kommunikation ins Extrem" (S. 309) - eine Sozialdimension des Sinns wie im Fall von Interaktionen mit Anwesenden ist kaum noch auszumachen. Möglicherweise entstehe so ein "neues Medium" (S. 309f), dessen Formen die Computerprogramme für strukturelle Kopplung nutzt. Die Programme der Computer würden "die Möglichkeiten der strikten Kopplung" in diesem neuen Medium einschränken und zugleich "ins Unabsehbare ausweiten" - wie "einst die grammatischen Regeln der Sprache" (S. 310). Mehr erfährt man über dieses "neue Medium" nicht.
Ohne Dinge keine Ontologie
Luhmann unterscheidet Maschinen vom Computer anhand der Einheit, die manipuliert wird. Maschinen haben es mit Dingen, Computer mit Zeichen zu tun (S. 529f). Die "Manipulation von Symbolen" im Computer sei zudem strikt von der "Formierung von Sinn" durch Psychen und Sozialsysteme zu trennen (S. 522).
Während Beobachter erster Ordnung kaum ohne "Dinge" auskommen und selbst Beobachter zweiter Ordnung zwar die Sache' von der Beobachtungsperspektive' trennen, aber nicht daran zweifeln, daß die Sache' jenseits ihrer Betrachtung sei (existiere), schaffen Computer jede Ontologie ab, da sie die "Dingreferenz" der ontologischen "Unterscheidung Ding/Erkenntnismethode" nicht mehr benötigen, um statt dessen "extrem beschränkten Wahrnehmungen variablen Zugriff auf eine virtuelle Realität" zu gewähren (S. 899). Ganz ähnlich, mit dem Hinweis auf die maschinelle Affirmation dessen, "was nicht ist", hatte Friedrich Kittler das Ende der Ontologie begründet ("Technische Schriften", Leipzig 1993 S. 201) Auch Luhmann nimmt an, daß die "Computerisierung des Alltagsleben" die Seinsmetaphysik verabschiedet, denn "in den Computern verbergen sich unsichtbare Maschinen, die nur auf Befehlseingabe hin ihre Schaltzustände sichtbar machen", weshalb es nur "wenig Sinn" mache, "diese unsichtbaren Maschinen als anwesend zu bezeichnen" (S. 1147).
Virtuelle Realität kennt keine Präsenz - und keine Absenz, also - frei nach Derrida - auch keine Metaphysik. Ob sie noch Platz für Menschen bietet, wird bezweifelt. Am Horizont von Luhmanns Soziologie erscheint die Möglichkeit einer Gesellschaft, deren Evolution "Alternativen" zur strukturellen Kopplung von Kommunikation und Bewußtsein gefunden hat.
Niklas Luhmann: "Die Gesellschaft der Gesellschaft", Frankfurt/Main 1997, Suhrkamp Verlag, 1164 Seiten, 2 Teilbände, kartoniert, zusammen 58,- DM.
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