Tamagotchi reinkarniert
Vom Leben und Sterben der Cyber-Küken
Nach einem kurzen Sommerboom werden die digitalen Viecher nun bereits lästig. Das Tamagotchi-Fieber hat seinen ersten Höhepunkt überschritten, doch die digitalen Kuscheltiere könnten den Anfang einer neuen Spielzeug-Ära markieren. Während Expertenstimmen uns wieder einmal vor dem pädagogischen Untergang des Abendlandes sehen, formieren sich Kulte und Gegen-Kulte unter den Usern und die Industrie strickt bereits an neuen digitalen Pets.Wenn es mitten im Schulunterricht piepst, muß es nicht die Weckfunktion der digitalen Armbanduhr sein. Vernachlässigte, hungrige und äußerst spielfreudige Tierchen melden sich bei ihren "Eltern" zu Wort.
Einfach Knopf A und C gleichzeitig drücken...
|
|
"Manchmal ist das Küken ganz schön lästig", meint Kiku, 16. Ihr kleines Computer-Haustier, das sie immer in der Schultasche mitnimmt, ist bereits stolze 27 Jahre alt. Auf ein Menschenleben gerechnet, schlüpfte es vor 27 Tagen aus dem Ei. "Anfangs piepste es sogar mitten in der Nacht, weil es Hunger hatte. Mittlerweilen geht es jedoch brav um 21 Uhr ins Bett." Als ihr das Piepsen zu lästig wurde, suchte sie im Internet nach Rat und wurde schnell fündig: Einfach Knopf A und C gleichzeitig pressen, dann bleibt das Küken stumm.
Erfunden wurde das Tamagotchi (deutsch: "geliebtes Ei"), von der japanischen Erfinderin Aki Maita. Sie hatte monatelang das Verhalten ihrer Landsleute beobachtet und dabei festgestellt, daß "süße", "kleine" Tiere bei Kindern und Erwachsenen am Besten ankommen. Mittlerweile wurde das Plastikei sechs Millionen Mal in Japan verkauft. Seit dem 2. Juni ist es auch in Deutschland im Handel. Im Juli waren die von Bandai zugeteilten Kontingente bei Toys"R"US, Karstadt, Kaufhof und der Metro-Kette binnen Stunden verkauft, Lieferzeiten von bis zu drei Wochen keine Seltenheit. In Schulklassen und Kindergärten piepste es aus allen Ecken. Bis Jahresende will Hersteller Bandai mehr als 2 Millionen Exemplare absetzen. Stolze 30 Mark kostete das Ei, inzwischen wird es sogar in Fußgängerzonen zu Dumpingpreisen von 20 Mark verschachert. Doch die Billigeier sind bei einem geschätzten Materialwert von 5 Mark noch immer lukrativ.
Melissa, 5, trägt das digitale Küken jeden Tag mit einer Schnur um den Hals mit sich herum. "Bevor es in`s Bett geht, wird es gefüttert und gewaschen". Dabei wird das Plastikei unter den laufenden Wasserhahn gehalten verrät ihre Mutter. Manchmal kommt Melissa mit den drei Bedienknöpfen nicht ganz zurecht, dann hilft die große Schwester. Im Großen und Ganzen klappt es jedoch schon recht gut.
Mit Hilfe von drei Knöpfen läßt sich via Menüsystem das Küken versorgen, ganz nebenbei erlernen die Kinder hier die Bedienlogik von Computern. Die virtuellen Küken können gefüttert, gepflegt und diszipliniert werden. Mit Snacks und Spielen macht man es glücklich. Vier Herzen auf dem Display informieren über das Wohlbefinden. Ist das Küken vernachlässigt, sind die Herzen leer. Jeder Knopfdruck verändert vier Variablen: Gewicht, Wohlbefinden, Hunger und Disziplin.
Ich werde gebraucht, ergo sum.
Obwohl manche Besitzer das zwar behaupten, so werden die Küken nicht dicker, wenn sie übergewichtig sind. Auch können sie kein Mitleid empfinden oder auf andere Weise auf ihre Umwelt reagieren. Zwar provozieren die unregelmäßigen Piepser bei manchen "Eltern" den Eindruck, das Hühnchen würde auf sie reagieren, doch das ist der psychologische Täuschungseffekt, auf den alles aufgebaut ist. "Ich werde gebraucht, ergo sum", so beschreibt der Kölner Kinder-und Jugendlichenpsychotherapeut Ulrich Schmitz die emotionelle Funktionsweise des Plastikeis. Das Ei verlangt den Spielern vor allem tradtionell mütterliche Qualitäten ab. Unter Mädchen ist es daher besonders beliebt.
"Für die Kinder selbst, je jünger sie sind, führt der Besitz eines Tamagotchi zu einem viel zu frühen Abschied von Hoffnungen, Träumen, Mythen, Sagen und Legenden, die durch den Einsatz kalter Technik abgelöst werden," kritisiert Schmitz. Das Tamagotchi suggeriere seinem Besitzer, daß es für ihn einzigartig sei. Obwohl alle Tamagotchis derselben Konstruktion und denselben mathematischen Algorythmen unterliegen, nimmt jeder Besitzer zu "seinem Tamagotchi" eine persönliche Beziehung auf. Vor allem Lehrer und Eltern sehen den Boom mit Besorgnis. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) berichtete von Fällen, in denen Lehrerinnen und Lehrer die Rettung der Küken übernehmen mußten. Eine Sportlehrerin berichtete, daß ein Mädchen, daß nicht mitturnen konnte, in dieser Zeit acht Tamagotchis versorgen mußte. Eltern zeigten sich durch die Hysterie der Kinder nach dem Tod der Küken überfordert. Obwohl der Resetknopf eine Wiederbelebung ermöglicht, lehnen manche Spieler dies ab. Ihnen käme das einem Verrat an "ihrem" Küken gleich.
Für VBE-Geschäftsführer Michael Zimmermann ist die Sache klar: "Hier treibt die Industrie Schindluder mit den Emotionen der Kinder".
Ursprünglich wurde das Spielzeug für Kinder ab acht Jahren konzipiert. Doch mittlerweilen gibt es keine definierbare Zielgruppe mehr: Das Tamagotchi wird von acht bis 70 Jahren gespielt, so Jürgen Zacherl vom Hersteller Bandai. Mit dem Cyber-Huhn wurde eine völlig neue Generation von Spielzeug eingeführt, hier sind sich Hersteller, Pädagogen und Psychologen einig. Das Spiel geht in Realzeit über einen längeren Zeitraum, womit es sich von herkömmlichen Spielen wesentlich unterscheidet. Die Spieldauer kann selbst beeinflußt werden. Je nachdem, wie man mit dem Tamagotchi umgeht, kann es bis zu 80 Tagen leben. Für manche Kinder ist das jedoch schon zu lang. Hatte vor den großen Sommerferien in einer Koblenzer Freizeitgruppe noch jedes Kind ein Ei, so kamen letzte Woche die Kinder ohne: "Langweilig", "öde", "bringt nichts" - so das einhellige Urteil der Kinder.
Die simplen Spielmechanismen sind schnell durchschaut, der Nachahm-Effekt ("der hat ein Ei, ich will auch eins") ist bereits verpufft. Obwohl die Kinder sich daher wohl emotional resistenter zeigen, als manche Pädagogen und Psychologen annahmen, besaß das Ei durchaus neue Eigenschaften: Anders als mit Gameboy und anderen herkömmlichen Computerspielen müssen die Spieler erstmals mit einem virtuell geschaffenen Leben umgehen. Sobald das Spielzeug aktiviert wird, erscheint ein kleines Ei, das hin und her vibriert. Nach circa vier bis fünf Minuten bricht es auf und ein kleines, unförmiges Küken schlüpft heraus. Sofort nach dem Schlüpfen verlangt es die ganze Aufmerksamkeit seiner Adoptiveltern: Füttern, Spielen, Waschen, medizinische Versorgung. "Das Ding ist in der ersten Stunde ziemlich anspruchsvoll - es zeigt jede körperliche Funktion, die es kann, und das ziemlich oft", so Chris Rae, der im Internet eine Anti-Tamagotchi-Seite "Don`t Bother Buying a Tamagotchi" eingerichtet hat.
Er beobachtete, gleichzeitig aktivierte Hühner vergleichend, daß jedes Piepen, jede Aktion in den ersten vier bis fünf Tagen völlig synchron verlief. Und das unabhängig davon, was die Spieler taten. Allerdings entwickelt es sich danach weiter zu einem zufriedenen oder einem etwas anspruchsvollen, nervigen Huhn mit einer großen Schmolllippe. Je nachdem, wie gut sich die Eltern in dieser ersten Phase um das Küken kümmern. Zwei bis drei Tage später erreicht es die Erwachsenenstufe. Mame-Chi ist sehr gesund, lebt lange und zeichnet sich durch gute Manieren aus. Tarako-chi hingegen ist eher kränklich und verlangt von dem Spieler sehr große Opfer. Zudem ist es noch recht egoistisch. Das Entwicklungspotential beschränkt sich auf insgesamt nur sechs Charaktere mit unterschiedlichen Verhaltensmustern. Doch egal, wie gut man das Küken versorgt, der letzte Abschied ist unvermeidlich.
Japanische Studenten haben im Internet einen Friedhof entwickelt. Hier kann man das Küken virtuell beerdigen, ein japanischer Shinto-Priester schlägt dazu die zeremonielle Trommel. In eine Tafel bzw. HTML-Tabelle lassen sich die Lebensdaten und individuellen Eigenarten des Tierchens eintragen. Über E-Mail können sich hier trauernde Eltern gegenseitig Trost zusprechen. Nicht selten wird der Friedhof jedoch auch durch subversive Anti-Tamagotchi-Sprüche entweiht. Überhaupt hat sich um das Tamagotchi schnell ein Gegen-Kult herausgebildet. So schmückten niedergemetzelte Cyber-Küken die T-Shirts zahlreicher Besucher des Hacker-Events HIP `97.
Im Umgang mit dem Tod gibt es auch kulturelle Unterschiede. Konnten japanische Tamagotchis ein glückliches Leben führen, erscheinen sie zuletzt als Samurai. Die letzte Einstellung zeigt ein Kreuz auf einem kleinen Hügel. Für die US-amerikanischen und europäischen Tamagotchis entwarfen die Bandai-Entwickler ein anderes Schlußbild. "Man wollte keine Probleme mit dem Kreuz bekommen", so Produktmanager Zacherl. Anders als das Samurai-Küken stirbt die westliche Variante nicht, sondern wird als Tamagotchi-Engel auf dem Cyberplaneten "weiterleben". Ob in bayerischen Schulklassen doch die japanische Variante mit dem Kreuz weiterleben soll, ist derzeit noch unbekannt. Entgegen verschiedener Presseberichte können jedoch sowohl das japanische als auch westliche Modell per Reset-Knopf reinkarniert werden. "Wenn es weggeflogen ist, schiebt man dann einen kleinen Stock hinein, und dann gibt es wieder ein neues Ei", so Tamagotchi-Expertin Melissa. Das läßt sich unbegrenzt wiederholen, eine volle Batterie vorausgesetzt.
Aber auch diese, eine V357 Knopfzelle, läßt sich ohne Probleme austauschen. Vielleicht ist der vergebliche Wunsch nach Haustieren die Motivation, vielleicht sind es auch andere, tiefliegendere seelische Bedürfnisse. Das Ei - Symptom für eine technisierte, emotionsdefizitäre Gesellschaft oder bloßer Modegag? Tamagotchi ist die erste Generation neuer Computerspielzeuge. Nachfolger und Plagiate sind bereits auf dem Markt. Nanopets und Giga Pets erobern den US-amerikanischen Spielzeugmarkt. In der Schweiz piepst das Smart Chick, in Japan steht das erste digitale Monster kampfbereit in den Startlöchern. Nur eine Frage der Zeit bis das erste "digitale Menschlein" schlüpft. Dann werden nicht nur verschiedene Erziehungsmethoden an dem Pixelmenschen exerziert, sondern auch Partnerwahl, Sexualität und Tod in verschiedenen Varianten ausprobiert. Und das per Resetknopf ohne Risiko.
http://www.heise.de/tp/artikel/1/1281/1.html- Kein Wunder (4.2.2004 18:36)
- Tamagotchi Reloaded (4.2.2004 16:00)
- Vergänglichkeit des Webs (4.2.2004 15:57)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
Des Führers Arzt trifft des Satans nackte Sklavin
Subversive Arztfilme der 1950er - Teil 2
