Das gefälschte Unfallfoto von Diana

Florian Rötzer 21.09.1997

rotten dot com und die neue Diskussion über Informationen im Internet

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Selbst Diana wurde vom NSA-Überwachungssystem Echelon abgehört Die Abbildung eines Gesichts als Markenzeichen: Diana und das Recht auf geistiges Eigentum.
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Der Angriff auf die Papparazzi und die Medien allgemein, den Tod von Diana, der neuen globalen Volksheiligen, die man jetzt auch für den Nobelpreis vorschlagen will, mit verursacht zu haben, hat zu einem gewissen Stillhalteabkommen geführt. Bild hatte noch am Tage nach dem Unfall ein Foto des Wracks veröffentlicht und war deswegen unter Beschuß geraten. Angeblich gab es viele Anfragen von Medien nach einem Bild, schließlich ist die Informationsgesellschaft daran gewohnt, alles zu sehen und zu zeigen. Doch plötzlich waren die Medien, unter dem Beschuß der Massen, brav geworden, bezichtigten sich gegenseitig des Überschreitens von moralischen Grenzen und veröffentlichten kein Foto vom Unfall - als ob gerade dieser Unfall der Zensur anheimfallen muß, während weiterhin namenlose Tote und Verletzte schamlos der Öffentlichkeit und ihrer "Anteilnahme" präsentiert werden.

The soft white underbelly of the net, eviscerated for all to see

Rotten dot com collects images and information from many sources to present the viewer with a truly unpleasant experience.

Letzte Woche allerdings wurde über das Internet ein angebliches Unfallfoto veröffentlicht, und gierig stürzten sich denn einige Medien, allen voran France-Soir, auf das Bild, das einige Feuerwehrleute und eine blonde blutüberströmte Frau in einem Autowrack zeigt. France-Soir fügte zwar hinzu, daß es bislang keine Bestätigung für dessen Echtheit gebe, aber das macht ja nichts, wenn es um eine Sensation geht, denn die Menschen wollen ja "Dokumente", auch wenn man nicht weiß, ob es wirklich welche sind. Es stellte sich schnell heraus, daß das Bild falsch war, wenn auch nicht unbedingt gefälscht. Vermutlich zeigt es ein Unfallszenario in Großbritannien.

Die dunkle Seite des Internet

Weil das Bild aus dem Internet stammt, beginnt natürlich gleich wieder die altbekannte Diskussion über die leichte und unkontrollierte Verbreitung von Informationen über die Netze. CNet etwa stellt fest, daß "dieser Vorfall ein weiterer Test für die Glaubwürdigkeit des Internet" sei, "auf dem der Inhalt von Mediengiganten neben den Postings von Do-it-yourselfers gestellt wird." Und zitiert wird aus der Email eines "Netizen", daß "das Internet hier seine dunkle Seite" zeige. Geocities, ein Internet Provider, zensierte das Bild, das jemand auf seine private Site gestellt hatte, was wiederum die American Civil Liberties Union und Electronic Freedom Foundation beunruhigt. Für die New York Times ist es keine Überraschung, daß im Netz, "das es jedem mit einem Computer und einem Modem ermöglicht, einem globalen Publikum billig und sofort Information zu übermitteln, oft schlechte Informationen zirkulieren." Das Dianafoto unterstreiche die offensichtliche Begierde der Leute, der elektronischen Internetpresse mit Mißtrauen zu begegnen. France-Soir selbst beklagte sich über das Internet, da es hier keine gesetzlichen Schranken gebe, was veröffentlicht werden dürfe: "Vielleicht nicht auf ganz angemessene Weise", verteidigt sich der Chefredakteur, "haben wir auf die Exzesse des Internet aufmerksam gemacht." Da sind sie also aus dem Schneider, die "seriösen" Blätter, und das unkontrollierte Internet ist die Quelle des Bösen und Schamlosen.

Die Tendenz ist ganz klar, selbst und gerade unter den Internet-Nachrichtenorganen: Das Internet muß kontrolliert werden, um die Menschen zu schützen. Wenn man dem Netz vertrauen können soll, muß die Spielwiese beschränkt und eine Hierarchie zwischen öffentlichen Medien und privaten Sites eingeführt werden. Das käme den Contentanbietern gerade recht, die gerne auf Channels setzen und die Strukturen der Massenmedien im Netz einführen wollen.

Das Netz ist kein Babysitter

Verbreitet wurde das Bild auf der seit Dezember 1996 bestehenden Site der kalifornischen rotten dot com, die angetreten ist, ein "Archiv für verwirrende Bilder" anzubieten und gegen jede Zensur des Netzes zu kämpfen. Das Bild habe man aus "politischen Gründen" veröffentlicht"Wir haben", so sagen die Aktivisten, "schon lange gewußt, daß das Bild nicht Diana zeigt. Aber diese Site handelt von Zensur und will Menschen zum denken bringen, und das ist in gewisser Hinsicht gelungen." Neben dem falschen Unglücksfoto findet man hier noch das Bild-Foto und andere Papparazzi-Bilder der nackten oder barbusigen Diana. Mit der Verbreitung derartiger Fotos will rotten dot com zeigen, daß jede Zensur, die das Netz reinigen will, unmöglich sei. Ob es gelungen ist, damit den Kampf gegen Zensur zu stärken, darf man bezweifeln, erfolgreich aber war die Veröffentlichung immerhin, um rotten dot com bekannt zu machen. Schlagartig sind die Zugriffe gestiegen. Niemals hätten sie behauptet, daß das Bild authentisch sei, aber sie würden natürlich ein solches sofort veröffentlichen, wenn sie es bekämen.

Im Augenblick gibt es auf rotten dot com nicht viel anderes als Diana und eine kurze Selbsterklärung zum "Archiv". Offenbar gab es Beschwerden, daß rotten obszöne Bilder im Netz veröffentlicht, die dann auch Kinder sehen könnten. Die Antwort: "Das Netz ist kein Babysitter! Kinder sollten nicht im Netz unbeaufsichtigt herumwandern, genauso wie sie dies nicht in den Straßen von New York tun sollten." Manche Bilder mögen anstößig sein, aber schließlich sei auch das Leben manchmal anstößig, und überhaupt: "Wir leben in einer verrückten Welt."

http://www.heise.de/tp/artikel/1/1284/1.html
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