Die Universität am (W)endepunkt
Die Wiedergeburt der Hochschule im virtuellen Raum?
Die "Informations-" oder "Wissensgesellschaft" läßt nach Ansicht ihrer Visionäre keinen Stein auf dem anderen. In den Strudel der Tofflerschen "Dritten Welle" gerät auch eine altehrwürdige Einrichtung und europäische "Erfindung", die traditionell für das Er-Schaffen, Verteilen, Anwenden, Vermitteln und Bewahren von Wissen zuständig war - die Universität. Der Wandel scheint hier sogar besonders nötig zu sein: Kritiker der Universität außerhalb und innerhalb ihrer Mauern rufen seit Jahrzehnten nach durchgreifenden Hochschulreformen oder geben die Institution gleich als Ganze auf, wollen sie am liebsten durch einen "freien Bildungsmarkt" ersetzt wissen.
Der schwierige Weg vom Dinosaurier zum Phönix aus der Asche
Thirty years from now the big universities will be relics. Universities won't survive. It's as large a change as when we first got the printed book... Already we are beginning to deliver more lectures and classes off campus via satellite or two-way video at a fraction of cost. The college won't survive as a residential institution.
Der Soziologe Martin Rost sieht den Wissenschaftsbetrieb gar in "vormodernen" Zeiten steckengeblieben, dessen vollständige Industrialisierung - ganz zu schweigen von seiner "Informationalisierung" - erst noch anstehe. Vor allem der Publikationsbetrieb wird nach Ansicht Rosts größtenteils von "Kunsthandwerkern" beherrscht, die allein auf das gedruckte Wort Wert legten, launisch seien wie "Diven" und kreative Ideen den Faktoren "Prestige" und "Reputation" unterordnen würden.
Die Stimmen häufen sich, die (Hoch-) Schulen als reine Belastung des Steuerzahlers und als Klotz am Bein der inzwischen viel wichtiger gewordenen alternativen, praktisch ausgerichteten und individuell ausgesuchten Ausbildungsaktivitäten ansehen. Johannes Groebel hat deswegen zum "Vergessen der Universitäten" in der taz vom 27.9.1997 aufgerufen: Ihr "schleichender Tod" interessiere eh kaum noch jemanden, und die eigentliche Funktion einer Universität als "Akademie für Ideen und Aufgaben" sowie als Expertenhort für praktische Aufgaben sei angesichts der momentanen Reformmüdigkeit der Institution Uni "anderswo besser aufgehoben." Vielleicht im Cyberspace?
Tatsächlich sind mit dem Computer und dem Internet sehr große Hoffnungen (Das virtuelle College: die Zukunft der Universität?) auf eine Neu-Orientierung des Universitätsbetriebes, der Lehre und des Lernens sowie der (Aus-) Bildung allgemein verbunden. Das Internet selbst ist sehr stark in weiten Teilen der akademischen Gemeinde verwurzelt, gehörten doch Universitäten zu den ersten Nutzern und Promotoren des Computernetzwerkes und kommunizieren Forscher schon seit Jahrzehnten über E-Mail miteinander und waren bereits vor der eigentlichen "Entdeckung" und Kommerzialisierung des Internet die größte Nutzergruppe der Datenwege. Es liegt daher nahe, das Internet auch für einen umfassenden Wandel des Universitätsbetriebes einzusetzen. "Re-inventing Education" ist die entsprechende Devise in den Vereinigten Staaten, ausgerichtet am gesamtgesellschaftlichen Veränderungspotential des Internet und den großen Plänen der Clinton-Gore-Administration zur Neuerfindung der Regierung.
In the opinion of visionary leaders in the US, education must be re-invented to be time and place insensitive; up-to-date and easily accessible; responsive to individual needs; relevant and inexpensive; widely articulated; and able to meet accepted standards.
Aber auch in Südafrika, Südostasien und in Europa wird an zahlreichen Hochschulen an virtuellen Dependancen im Cyberspace gebastelt, entstehen virtuelle Campusfelder mit einzelnen Seminaren oder auch ganzen Studiengängen, die ein Student ortsunabhängig und allein mit Modem und PC ausgerüstet absolvieren kann. Andere Universitäten versprechen sich durch den Einsatz von E-Mail, Newsgruppen, Videokonferenzen sowie dokumentierenden und verlinkenden Informationsangeboten im World Wide Web eine Verbesserung des "normalen" Seminarbetriebes, eine erweiterte und vertiefte Diskussion sowie einfachere Kontaktmöglichkeiten der Studenten untereinander, aber auch zwischen Studenten und Professoren oder weiteren "virtuellen Experten".
Die Einsatzmöglichkeiten des Mediums Internet scheinen dabei grenzenlos, auch wenn in der Praxis manches Projekt an der nötigen Computerausrüstung, am technischen Know-how, an langfristigen Zielvorgaben oder an der verdampfenden Motivation auf Seiten von Studenten wie von Lehrenden zu scheitern droht. Doch insgesamt ist die Euphorie recht groß - vage bleibt in den meisten Experimenten wie theoretischen Entwürfen nur die eigentliche Zielrichtung des Projektes der "Re-invention".
Dramatischer Wandel, Rollenverteilung und Nebenwirkungen
Welche Rolle die Universität in der zukünftigen Informationsgesellschaft spielen wird, konnten die aus allen Herren Länder angereisten knapp 100 Experten auch auf der gleichnamigen UNESCO-Konferenz (Role of Universities in the Future Information Society - RUFIS) in Prag Ende September nicht klären. Die Notwendigkeit einer Neuausrichtung mußte dort allerdings nicht mehr groß diskutiert werden. "Vor allem das Internet mit seinem dramatischen Wandel des Zugangs zu Information verändert den Lern- und Forschungsprozeß, wie wir Daten aufsuchen, entdecken, wie wir lehren und lernen", hatte die Direktorin des UNESCO Informationszentrums für Hochschulausbildung innerhalb der Internationalen Vereinigung von Universitäten, Claudine Langlois, in ihrem Leitvortrag klargemacht. Die Zukunft von Universitäten hänge demzufolge von deren Fähigkeiten ab, "sich an die neue Informationsgesellschaft anzupassen und die Bedürfnisse eines immer mehr verlangenden professionellen Marktes zu treffen." Die Chancen der neuen Technologien müßten also genutzt werden, um ein "reicheres Studienmaterial" zur Verfügung zu stellen und so die Studenten ihre Lernerfahrungen "von verschiedenen Standpunkten aus", z.B. mit Hilfe von Videosequenzen und Experteninterviews, durchleben zu lassen.
Mit der Ausbreitung dieser Zielvorgaben ging es vor allem auch darum, den zahlreichen aus den östlichen Nachbarländern - von Kasachstan über die Ukraine bis nach Kroatien - angereisten Teilnehmern eine positive Vision mit auf den Weg in die Zukunft zu geben. Denn auch dort ist der Hype rund ums Netz angekommen, selbst wenn er oft noch weniger auf eigenen Erfahrungen mit der virtuellen Welt als vielmehr auf reinem Hörensagen beruht. Denn noch sind die Anschlüsse an das Internet meist kaum für einen ordentlichen Webzugang ausreichend.
Die gesamte Technische Universität Kosice im östlichen Ende der Slowakischen Republik verfügt zwar nach Angaben von Ladislav Samuelis vom dortigen Computerinstitut beispielsweise über einen Netzanschluß in ISDN-Geschwindigkeit, was allerdings die Erwartungen an die Wunder der Netzwelt eher noch vergrößert. Samuelis beklagt zumindest, daß die Hoffnungen auf die Technologie trotz oder gerade wegen der rudimentären Netzerfahrungen ständig wachsen, problemorientierte Einsatzfelder allerdings kaum entwickelt würden. Seiner Ansicht nach sollte man lieber die "Gedächtnisse der Studenten" trainieren als sie ohne pädagogischen Ansatz der Informationswelt des Internet auszusetzen. Doch dafür fehlten wiederum die Mitarbeiterstellen, da eher noch in eine bessere Computerausrüstung als in Monatslöhne investiert werde - womit sich die Probleme in Ost und West wieder einander annähern.
What's wrong with education cannot be fixed with technology. No amount of technology will make a dent... You're not going to solve the problems by putting all knowledge onto CD-ROMs. We can put a Web site in every school - none of this is bad. It's bad only if it lulls us into thinking we're doing something to solve the problem with education.
Da auch die aus dem Wunderland der Informationstechnologie eingereisten amerikanischen Professoren und Universitätspräsidenten zwar mehr praktische Erfahrungen, aber letztlich keine schlüssigen Konzepte zur Virtuellen Hochschule vorweisen konnten, blieb in den Diskussionsrunden trotz aller Begeisterung für das Internet genügend Raum für kritische Fragen.
Umstritten waren vor allem die eigentlichen Zwecke und Folgen des Einsatzes von Informations- und Kommunikationstechnologien - ganz im Sinne der unter anderem durch einen Artikel im "Atlantic Monthly" entfachten Diskussion um die Computer Delusion im Klassenzimmer. Die Französin Langlois sieht beispielsweise als hauptsächlichen Problembereich die Tendenz der Cyberstudenten, langfristig rein autodidaktisch zu lernen und größere Zusammenhänge aus den Augen zu verlieren. Trotz der Kontaktmöglichkeiten durch E-Mail und Videomeetings könne leicht die Verbindung zwischen Studenten untereinander sowie zwischen Lernenden und Lehrenden untergraben werden. Immer wieder angesprochen wurden außerdem die didaktischen - und allgemeinen - Mankos des Internet: unzuverlässige und zu weitreichende Informationsangebote, "tote" Links, nicht zufriedenstellende Suchmaschinen oder einschläfernder Seitenaufbau.
Where is the wisdom we have lost in knowledge? Where is the knowledge we have lost in information?
Daß das Internet zwar durchaus die Möglichkeit biete, die Sprachenvielfalt, so Nathan Angell von der Brown University, "zu feiern", wurde zwar gerne von den europäischen Konferenzteilnehmern aufgenommen - so richtig an das Sprachwunder im Internet glauben mochte angesichts der Übermacht der englischen Sprache auf dem internationalen Markt allerdings keiner.
Ausgespart wurden generell die eher unbequemen Fragen, wie sich Universitäten auf dem entstehenden Bildungsbasar positionieren können. Soll Bildung noch als "öffentliches Gut" angesehen werden oder schlichtweg und ausschließlich verkauft werden? Wird der virtuelle Campus eine offene Einrichtung sein oder eine nur für Eliten mit gefüllter Kreditkarte zugängliche Bastion im Cyberspace? Wer wird die Wissenshorte und Wissensflüsse der Zukunft kontrollieren? Fördert "Edutainment" mit Hilfe der neuen Medien überhaupt kritisches Denken oder führt es eher zu einer TV-Mentalität der Studenten? Derartige Positionierungsfragen entbehren zwar sicher nicht ihrer Brisanz in der Diskussion um die zukünftige Rolle der Hochschule, fanden aber auf der RUFIS-Konferenz (noch) kein Podium. Aber man will sich ja wieder treffen - in ein oder zwei Jahren, in größerem und internationalerem Rahmen in Mexiko oder in Ägypten, mit mehr Theorie im Kopf und mehr Praxiserfahrung in den Händen.
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