Standleitungen für Alle!
Vienna Backbone Service - Ein Konzept mit Zukunft für den urbanen Raum
Es ist uns einfach passiert...
Schnelle Modems und einen wenig bekannten Leitungstyp nutzend, gelang es zwei unabhängigen Providern in Wien, ein Netz für über 4000 Enduser aufzubauen, von denen viele nun den Komfort superschneller und auch noch günstiger Standleitungen geniessen. Wie dies geschehen konnte, obwohl sich die Österreichische Post in der Dämmerstunde des Monopols nocheinmal mit Händen und Füßen dagegen wehrte, ist einer Medizin namens "Telekomliberalisierung" zu verdanken, die von den EU-Druiden verordnet worden ist.![]() |
Netzplan des Vienna Backbone Service, Grafik Stefan Possert |
WIEN - Eigentlich, so erzählen die beiden Initiatoren des VBS, wäre das alles gar nicht so geplant gewesen. Oskar, eigentlich Künstler mit Technikambitionen, und Franz, der früher forschend und schaffend durch Europa tourte, geben gerne zu, daß auch sie von der sprunghaften Evolution des Internet schlicht überrascht wurden. Doch was sie in nur knapp zwei Jahren praktisch aus dem Nichts geschaffen haben, ist allein schon eine Wienreise wert.
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Dr. Franz Penz, ausgebildeter Informatiker, wollte sich "schon immer" selbständig machen. Heute leitet er als Geschäftsführer von ATNET, ein junges Kleinunternehmen in Wien, das gemeinsam mit dem Silverserver, den Oskar Obereder ins Leben rief, den Kern des Vienna Backbone Service (VBS) bildet. Die Entstehungsgeschichte des VBS reicht bis ins Jahr 1995 zurück. Im Jänner 1995 konnte ATNET den ersten Internet-Einwahlkunden begrüßen und bereits im Sommer 1995 wurde auch die erste ISDN-Standleitung geschaltet - zwischen ATNET und Silverserver. Franz Penz hatte so ein neues Produkt kreiert und konnte in weiterer Folge noch rund zwanzig weitere ISDN-Permanentverbindungen verkaufen, während auf Silverserver-Seite die Kreativen und Techniker gemeinsam an den verschiedenen technischen Hürden arbeiteten.
Ein Web-Server war hier schnell installiert, doch wir mußten den verschiedenen lokalen Benutzern auch erklären, daß am Netzwerkkabel nicht einfach Geräte an- und abgesteckt werden können.
Technische Basisarbeit also, die im ersten Jahr des Bestehens des Silverservers zur Know-how-Anhäufung führte und so einige technische Eliten schaffen half.
"Das letzte was ich wollte, war Internet-Provider werden", schmunzelt Oskar weiter, "aber mit den ersten Projekten für verschiedenste Auftraggeber wurde das unumgänglich." Auch diese Zwangssituation führte erneut zum unvermeidlichen Aufbau von Wissen, das man schließlich auch kommerziell verwerten konnte.
Technologie aus der Subkultur
Der Einsatz von Technologie in der Subkultur führt praktisch immer auch zu 'Abfallprodukten' für die Industrie.
"Der Einsatz von Technologie in der Subkultur führt praktisch immer auch zu 'Abfallprodukten' für die Industrie", grenzt Oskar die Arbeit seines Teams ein. Diese Methode führte zu zahlreichen Kulturprojekten, die nunmehr oft die Basis für technische Einsatzmöglichkeiten im Rahmen des VBS bilden. So entstanden die ersten Mutlimedia-Streams, Web-Cams und andere Einsätze neuer Internettechnologien praktisch immer als Experimentalplattform, die nach ihrer Reifung schließlich als Produkt im Rahmen des VBS freigegeben wurde.
Glückliche Benutzer
Franz Penz wieder hat hauptsächlich glückliche Benutzer als persönliches Ziel. "1995 hatten die zu dieser Zeit bereits aktiven Internet-Provider in Österreich noch Phantasiepreise", erinnert sich Franz. Er buchte schließlich einen ersten Anschluß bei EUNet Österreich, baute seinen Kundenkreis auf und das mit einer Kalkulation, die er sich, wie er heute bekennt, mehr erschätzt als errechnet hatte. Dennoch, das Konzept ging auf, denn wer Mitte 1995 in Österreich ISDN-Standleitungen für ATS 3.500,- (=DEM 500,- / =XEU 252,-) pro Monat anbot, hatte damit soeben einen Markt kreiert.
Im Frühjahr 1996 schließlich schlossen sich ATNET und Silverserver zur VBS-Initiative zusammen. Ein einfaches gegenseitiges Abkommen erlaubt es den teilnehmenden Firmen die Netzinfrastruktur des jeweils anderen kostenfrei zu nutzen. Nur externer Datenverkehr, der von internationalen Backbone-Providern zugekauft werden muß, wird hier verrechnet. So gelang es beiden Unternehmen auch Kunden, die dem jeweils anderen Anknüpfungspunkt des Partners näher lagen, ans Netz zu bringen - und das bei minimalen Leitungskosten. Mit Hilfe eines weiteren Partners im Sommer 1996 entstand so das "ur-VBS". Sechs Knotenpunkte verteilt auf Wien sorgten bereits zu dieser Zeit für eine relativ enge Flächendeckung im Kern der Stadt.
Standleitungen für alle
Zur gleichen Zeit entdeckte die VBS-Mannschaft ein Produkt der österreichischen Post und Telegraphen AG (neudeutsch Telekom oder PTA), das sich als ideale Wachstumsbasis entpuppen sollte. Anstatt der relativ teuren ISDN-Standleitungen (rund ATS 3.000,- pro Monat) kamen nunmehr sogenannte DP-Leitungen (terminus technicus "überlassene Stromwege" - einfach zwei Kupferdrähte von A nach B) zum Einsatz (pro Kilometer Luftlinie rund ATS 180,- pro Monat), und mit Breitbandmodems vom Typ Nokia holte man aus diesen wesentlich billigeren und flexibleren Leitungen auch noch die vierfache Datenbandbreite "heraus". Auf seiner Recherche im Internet fand Franz Penz etwas später die Megabitmodems von Pairgain Technologies.
Alte Kupferkabel werden zu Hochgeschwindigkeits-Datenleitungen
Diese auf HDSL-Technologie basierten Geräte bringen bei ihrem Einsatz auf den vergleichsweise billigen DP-Leitungen die zirka zwölffache Leistung eines ISDN-Kanals und stellten sich somit als ideal für den Einsatz als Backbone-Geräte heraus. Heute ist diese aus der "last mile" kommende Übertragungstechnik noch einen Schritt weiter und erste Testgeräte, die dem VBS bereits zur Verfügung stehen, schafften bis zu 7 MBit/s auf herkömmlichen Kupfer-Zweidrahtleitungen. Das entspricht in etwa einer Leistungsfähigkeit von 112 ISDN-Kanälen.
Doch die plötzliche Inflation der Kupferleitungen sorgte nicht bei allen für Freude. Speziell einige Postmitarbeiter (vom Meßdienst bis hin zu zuständigen Verwaltungsbeamten) erklätren anscheinend, durch den plötzlichen Arbeitsaufwand aufgeschreckt, das Internet und die Verkörperung desselben in Form des VBS zum Feindbild. Herr Ornauer von der Anmeldestelle bekam nach eigenen Aussage soviele Bestellungen von DP-Leitungen wie nie zuvor, doch anfangs werden alle Aufträge rasch und zur vollen Zufriedenheit durchgeführt. Im November 1996 schließlich beginnt dem Vernehmen nach eine Art Verzögerungstaktik von Seiten der PTA, die erst im Oktober 1997 mit einem Gau ihr Ende findet. Zu dieser Zeit schaltet die PTA Leitungen ab bzw. verhindert technisch den Betrieb von Breitbandmodems auf verschiedenen DP-Leitungen (Die detailierte Historie findet sich im Web unter www.vbs.at/news.html).
Post als Technologieverhinderer
Der "Trick" der PTA ist, daß man die technisch ähnlichen, aber speziell in Punkten wie Geschwindigkeit und Flexibilität unterlegenen Endgeräte aus vergangenen Monopolzeiten über die eigene Tochter (Datakom) inklusive an eben diese vermieteter DP-Leitungen, die sich dann DDL/L oder DDL/S nennen, auch anbietet. Allerdings erreichen so die Kosten für vergleichbare Datenleistung wieder "normales Postniveau". Abgesehen von der Schikane gegen Netznutzer, wie eben dem VBS, bedeutet dieses Vorgehen auch einen Verstoß gegen jegliches Wettbewerbsrecht in der EU. Ein Netzbetreiber wie die PTA dürfte sich nicht auf die besonderen Wettbewerbsvorteile eines Monopol-Nachfolgers stützen.
Unter dieser Prämisse haben Oskar Obereder und Franz Penz als Exponenten des VBS und von Diskriminierung und Willkür der PTA besonders betroffene auf drei Fronten ihren Existenzkampf eröffnet. Sowohl auf nationaler wie auch internationaler Ebene wurden Regulatoren angerufen und gleichzeitig Verbände und Organisationen wie die ITU mit dem Problem konfrontiert. National war es der PTA daraufhin gar zu aufwendig eine umfassende Stellungnahme gegenüber der obersten Fernmeldebehörde abzugeben, dadurch würden zuviele Resourcen gebunden, war da zu hören. Auf internationaler Ebene konnte jedoch auch nicht in das österreichische Rechtssystem eingegriffen werden, so lautete die Parole: "Durchhalten bis zum 1. Jänner 98" - Das verheissungsvolle Datum wurde alsbald herbeigesehnt, während man die lokalen "Scharmützel" mit Anwalt und dem intensiven Studium veralteter Telekomgesetze ausfocht.
Schöne neue Telekom-Welt
Mit Inkrafttreten des Telekomgesetzes 1997 (TKG 97) am 1. Januar 1998 erfolgte jedoch auch in Österreich die Liberalisierung des Telekommarktes und seit rund einem Monat sieht man beim VBS auch wieder Perspektiven für die mühsam aufgebaute Infrastruktur, die bis zu diesem Zeitpunkt durch potentiellen "Post-Terror" praktisch immer in Gefahr war, plötzlich wieder abgeschalten zu werden.
Entgegen den Bemühungen einzelner Mitarbeiter der PTA aber ist das VBS bis heute sehr rasch und nahezu organisch gewachsen. Dabei betonen die VBS-Spezialisten, daß es auch sehr bemühte Mitarbeiter der PTA gäbe, die selbst jedoch bei einer emotionellen "Aktion-Scharf" nicht viel ausrichten können. 15 VBS-Knoten sind heute in Betrieb und rund 100 Standleitungen (großteils von Kunden) sind mit dem VBS verbunden. Ein weiteres Wachstum sehen Oskar Obereder und Franz Penz nachwievor als unvermeidlich an, denn der Kundenbedarf sei nachwievor ungebrochen. Oskar beschreibt eine Vision der "totalen Verkabelung", dennoch sind sich beide einig: "Unser Ziel ist es nicht noch mehr Leitungen zu bauen, sondern bessere Produkte anzubieten."
Tatsächlich zeigt sich, daß quasi organisches Wachstum wesentliche Vorteile gegenüber einem strikten Businessplan hat: Das Netz wächst dort am schnellsten und weitesten, wo der geringste Widerstand herrscht und nutzt so die natürlichen Gegebenheiten der Infrastruktur und auch der beteiligten Personen optimal aus. Als Resultat dieses VBS-Organismus, stehen die VBS-Mannen jetzt einem breiten Netz gegenüber, in das es Ordnung zu bringen gilt. Es wird konsolidiert und an neuen Strategien, vor allem einer Unabhängigkeit gegenüber dem Netzbetreiber PTA, gearbeitet.
Electronic Lifestyle
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Das Screendesign für den Silverserver des Grafikers Dextro prägt den Electronic Lifestyle Wiens mit |
Der Groove, den auch die Benutzer spüren können
"Wir sorgen für Ordnung und stellen die Grundbedürfnisse der Online-Kunden zufrieden", beschreiben die beiden VBS-Bosse ihre Zukunftspläne, denn "im Internet gibt sowieso jeder Benutzer fast immer auch soviel, wie er selbst nimmt" führen die beiden weiter. Im Blickpunkt der Betreiber steht hier auch erstmals nicht der monetäre Erfolg, sondern "der Groove, den auch die Benutzer spüren können." - Das VBS hat es in Wien tatsächlich geschafft, zum Electronic Lifestyle zu avancieren. Selbst VBS-Kappen und Silverserver-T-Shirts sind bereits als Merchandising-Produkte erhältlich. Getragen von den Benutzern, die Franz Penz auch gerne als Mitarbeiter im VBS bezeichnet, entwickelte sich hier eine urban-elektronische Subkultur, die jedoch auch in sich sehr inhomogen ist und dennoch am gemeinsamen VBS arbeitet.
Funknetz für Wien
In Sachen technologischer Zukunftsplanung läßt man sich auch schon etwas in die Karten schauen und berichtet über erste erfolgreiche Tests einer Funk-LAN-Lösung, die bald ganz Wien per Funkmodem mit 512 kBit/s Datenbandbreite versorgen könnte. Der Endausbau, visionieren die VBSer, könnte soweit funktionieren, "daß man einfach mitten in Wien sein Notebook auspackt und sofort online ist." Die Technik-Freaks haben wieder ein neues Produkt gefunden, daß sie jedoch diesmal ganz ohne Hemmschnwellen des Monopolisten im Hintergrund in Betrieb nehmen wollen.
VBS-Erfolgsrezept
"Linux als Basisbetriebssystem für das Backbone war ein Glücksgriff"
Das Geheimnis ihres nicht unbeachtlichen Erfolges erklären die beiden VBS-Köpfe einfach durch die preisgünstigen Angebote und den Einsatz moderner, wie auch preiswerter Technologien. "Linux als Basisbetriebssystem für das Backbone war ein Glücksgriff", meint Franz Penz und fügt hinzu: "Risikobereitschaft, keine Angst auch mal 'zu überbuchen' und eine gewissen Blindheit bei der Kalkulation haben uns erlaubt das zu schaffen, wo wir heute stehen."
Zukunftsängste quälen die beiden dabei keine, denn "es gibt noch ausreichenden Bedarf für alle Anbieter", sagt Oskar Obereder, der gemeinsam mit seinem Partner auch noch in den kommenden Jahren erfolgreich ein "cooles Netz" aufbauen will. Dabei verschließt sich das VBS auch nicht einem möglichen Wachstum in die Bundesländer hinaus, will hier jedoch noch sorgfältige Kostenprüfungen vornehmen, bevor man eine solche Entscheidung trifft, läge hier doch bald der Kostenschwerpunkt bei den langen Leitungen, die es dann zu decken gälte.
Standleitungen für Alle!
Personalities - Oskar Obereder & Franz Penz:
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