Cops im Cyberspace

Stefan Krempl 23.03.1998

Wie Sicherheitsbehörden und Polizeistationen in den USA gegen Sex und Crime im Netz vorgehen

Cybercrime ist "in" - zumindest wenn es um die Medienberichterstattung darüber geht. Täglich überstürzen sich die Meldungen von den Gefahren, die im Internet lauern - Betrug mit getürkten Auktionen und Kettenbriefen, Nachstellungen und Belästigungen, Einkäufe mit der geklauten Kreditkartennummer, Hackerattacken oder Kindesmißbrauch. Der Ruf nach der für Ordnung sorgenden Obrigkeit wird laut. Die amerikanische Justizministerin Janet Reno hat ihn gehört und die Einrichtung eines National Infrastructure Protection Center angekündigt, das beim FBI angesiedelt werden und 64 Millionen Dollar kosten soll.

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Schon heute ist das FBI für die Mehrheit der Verbrechen rund ums Internet zuständig: "Wir untersuchen Fälle, in denen Computer eingesetzt werden, um unerlaubtes Kopieren und Verteiben von Software und Betrügereien zu erleichtern, oder um Wirtschaftsspionage zu betreiben", erklärt der Sprecher der FBI-Computereinheit in San Francisco, George Grotz. Und damit hat die Sicherheitsbehörde momentan alle Hände voll zu tun. Schließlich wurde das Pentagon in den vergangenen Wochen von "systematischen und ziemlich raffiniert eingefädelten" Netzwerkangriffen heimgesucht, wie der stellvertretende Staatssekretär des Verteidigungsministeriums, John Hamre die Presse wissen ließ. Der Anführer der jugendlichen Hackerbande (Kommentar) mit dem Pseudonym "Analyzer" konnte inzwischen allerdings in Israel dingfest gemacht werden.

Technik vom Feinsten - die Polizei holt auf

Nicht nur auf bundesweiter Ebene rüsten Staatsbehörden auf, um den Cyberspace zu befrieden. Auch lokale Polizeieinheiten wagen sich immer weiter in den virtuellen Raum hinter den Computerschirmen vor oder nutzen High-Tech für die Strafverhinderung und - verfolgung.

Um auch im Einsatz vor Ort einen permanenten Zugang zu wichtigen Verbrechensdatenbanken zu gewährleisten, bietet IBM beispielsweise seit Anfang des Jahres einen "Law Enforcement Express". Per Maus, Sprache oder Bildschirmkontakt lassen sich so relevante Informationen wie Fotokarteien drahtlos und kryptographiegesichert abrufen. In San Diego experimentieren Streifenpolizisten mit an der Uniform befestigten Minikameras, die ebenfalls per Funk Echtzeitaufzeichnungen an einen Streifenwagen oder eine Wachstation in rund 800 Meter Entfernung übertragen können. Und in Berkeley hat ein Garagenbastler einen Robocop entwickelt, der in Zukunft bei gefährlichen Einsätzen ferngesteuert und mit einem Gewehr ausgerüstet Verbrecherjagd machen soll.

Außerdem verfügen in den USA immer mehr Polizeistationen über High-Tech-Crime-Units, die darauf trainiert sind, Beweismaterial auf beschlagnahmten Rechnern zu suchen, "Terrorakten" im Internet vorzubeugen oder anderen Cybergaunereien auf die Schliche zu kommen.

Als eine der ersten Polizeistationen in den USA hat sich beispielsweise das San Jose Police Department auf die sich wandelnden Bedingungen für Verbrechen eingestellt. "Aus aktuellem Bedarf haben wir 1996 eine Computereinheit gebildet", erklärt Sergeant Don Brister, der zusammen mit vier Kollegen dem "weißen" Verbrechen in der "Hauptstadt" des Silicon Valley auf der Spur ist. Dabei hat er es vor allem mit Belästigungsfällen zu tun - etwa wenn dem nichtsahnenden Surfer plötzlich per E-Mail die wildesten Drohungen ins Haus flattern und der Cyberthriller keine selbstverständliche Lösung findet. So war Bristers Einheit jüngst in einen Fall verwickelt, bei dem ein Mann (!) per Email von einer Frau sexuell belästigt. "Sie wußte sogar, wann er zur Arbeit ging, und welche Nummer sein Führerschein hatte", erinnert sich Detective Keith Lowry. Nach der Recherche bei einigen lokalen Internetprovidern sei er der Briefschreiberin allerdings auf die Spur gekommen: Es handelte sich um die Gattin des Opfers, die sich in der Ehe anscheinend vernachlässigt gefühlt hatte. Ihr Mann sah nach der Aufklärung von einer Anzeige ab.

Kinderpornographie : Kontakt im Chat-Room

Aber nicht nur die eigentliche Computer-Task-Force weiß in San Jose inzwischen mit Maus und Keyboard umzugehen. Ted Marfia von der Child Exploitation Unit sieht einen Großteil seiner Klientel ebenfalls in den Cyberspace abwandern, so daß er notgedrungen folgen muß. "Wir gehen undercover in Chat-Rooms", berichtet der Sergeant aus seinem Arbeitsalltag, "und suchen dort nach Leuten, die Interesse an sexuellen Beziehungen mit Kindern und an der Distribution von Kinderpornographie haben." Oft nimmt er oder einer seiner 2 Mitarbeiter dabei auch Nachtschichten in Kauf. "Annäherungsversuche an Kinder ereignen sich zu jeder Zeit und auf allen erdenklichen Ebenen", weiß der seit 12 Jahren im Bereich Kinderpornographie ermittelnde Kriminalpolizist. "Wir nehmen uns deshalb Online-Treffpunkte sowohl bei örtlichen Internetprovidern, als auch bei Online-Diensten oder im Internet Relay Chat vor."

Die meisten Fälle werden der Polizeieinheit, in deren Büro sich beschlagnahmte Computertower, Monitore sowie Festplatten fast bis an die Decke stapeln, allerdings nach wie vor auf traditionelle Weise zugetragen: durch Hinweise aus der Bevölkerung. So auch bei einem der spektakulärsten Fälle, den Marfia im vergangenen Jahr aufgeklärt hat. "Ein Informant hatte uns auf einen Baseballtrainer für Jugendvereine hingewiesen, der angeblich im Besitz von kinderpornographischem Material war", so der Sergeant. "Wir recherchierten dann im Internet weiter und sammelten die nötigen Informationen, um einen Durchsuchungsbefehl zu erreichen."

Bei der Vollstreckung machten die Staatsdiener reiche Beute. "Wir fanden 10.000 kinderpornographische Fotos auf seinem Rechner und Hinweise in Form von E-Mail-Botschaften oder Chat-Ausschnitten, daß er das Material im ganzen Land und weltweit vertrieben und unter der virtuellen Identität als 14-jähriger Homosexueller im Netz nach Kontakten gesucht hat", berichtet Marfia und zeigt stolz auf eine ganze Schublade voller sichergestellter Disketten sowie auf eine ganz in schwarz gehaltene Computerausrüstung. Der schnelle Rechner tut seinen Dienst seit der Tilgung der insgesamt 4 Gigabyte belagernden Pornobilder nun im Staatsauftrag. "Das kalifornische Gesetz erlaubt uns, Beweismaterial auch nach der Überführung des Täters für Untersuchungszwecke zu verwenden", freut sich der Sergeant, der seine ganze Einheit so regelmäßig mit neuen Computern ausstatten kann.

Der Boden der Realität: Distanzen und Räume sind weiterhin von Bedeutung

Wie geschickt manche Täter das Internet inzwischen für ihre Zwecke nutzen, wurde Marfia bei einem anderen Fall klar. Auch dabei ging der Kinderbelästiger beim Chatten auf die Suche nach seinen jugendlichen Opfern. Einmal brachte er ein Kind nach einer kurzen freundschaftlichen Annäherungsphase so dazu, bestimmte sexuelle Gebärden mit einer Videokamera aufzunehmen und in Echtzeit über das Netz an ihn zu senden.

Trotz dieser neuen technischen Möglichkeiten glaubt der bereits auf so manchen Trick aufmerksam gewordene Polizist allerdings nicht, daß das Internet eine große Veränderung für kriminelle Pädophile mit sich gebracht hat. Die größere Anonymität wiege zwar viele auf ihrer Suche nach Kontakten in einer gewissen Sicherheit, letztlich sei das Netz aber nur ein zusätzliches Medium in ihrem Bestreben, sich international mit Gleichgesinnten und Materialabnehmern auszutauschen bzw. nach mißbrauchsfähigen Kindern zu suchen.

"Früher waren es Erwachsenenmagazine für den einen sowie Jugendzeitschriften für den anderen Zweck - und das Prinzip war dasselbe wie im Internet", bemerkt Marfia. 98 Prozent der Fälle von Kinderpornographie würden schließlich den tatsächlichen Mißbrauch von Jugendlichen einschließen. Distanzen und reale Orte spielten daher auch im Zeitalter globaler Medien nach wie vor eine wichtige Rolle. "Wenn ein Pädophiler ein Interesse für Sex mit Kindern hat", so der wenig von Cybersex haltende Sergeant, "dann muß er seine Triebe eben auch dort ausleben, wo er an die Kinder herankommt."

http://www.heise.de/tp/artikel/1/1433/1.html
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