Oligarchie der Technokraten

30.04.1998

Bemerkungen zum Usenet II

Lärm, Schmutz, Chaos. Die Assoziationen, die das Usenet weckt, fallen selten schmeichelhaft aus. Mit dem Angebot eines zweiten Usenet (U II) sollen zumindest die technischen und administrativen Probleme in den Griff bekommen werden.

Siehe auch Signature-Kriege: Die Bedeutung des -- Zeichens oder: Was soll die ganze Aufregung um die vier Zeilen am Ende einer E-mail von Boris Gröndahl

Was das Usenet eigentlich ist, weiß niemand so recht zu sagen. Die für Neulinge bereitstehenden Antworten üben sich vor allem in Negativbeschreibungen und -listen auf, was das Usenet alles nicht ist (Moraes, Mark: What is Usenet?, in: news:news.announce.newusers). Andere Entwürfe sind tapferer und versuchen, die disparaten technischen, sozialen und inhaltlichen Momente zu vereinen. Sicher ist nur, daß es sich beim Usenet um ein Netzwerk handelt, das sich zum Teil mit dem Internet überlagert und in dem Artikel - gruppiert in thematischen Hierarchien - in einem Schneeballsystem weltweit verteilt werden. Nach orthodoxer Auffassung gehören etwa 2300 Nachrichtengruppen, aufgeteilt in die Hierarchien comp, humanities, misc, news, rec, sci, soc und talk (zusammengefaßt als Big 8), zum Usenet.

Daneben existieren eine ganze Reihe weiterer Hierarchien, die auf demselben technischen Prinzip basieren, aber entweder eine bestimmte Klientel ansprechen (schule), sprachliche Grenzen ziehen (de) oder Gruppen nach anderen Regeln einrichten (alt). Zu letzteren gehört auch U II, dessen Foren in der Hierarchie »net« versammelt sind. Wo das Usenet wuchert, wirkt U II überschaubar: Mit 149 beteiligten Sites hat es in etwa die Größenordnung des Usenet um 1981, und die Menge der Artikel erreicht manchmal um die 100 am Tag. Zum Vergleich: Die Statistik von EUnet weist 90.000 Artikel pro Tag für den Januar 1998 innerhalb der Big 8 aus.

Aufrechterhaltung des Modells von Kooperation und Vertrauen

Die Überlegungen, U II ins Leben zu rufen, reichen vier Jahre zurück, so Peter da Silva, ein Mitglied des U II Steuerungskomittees. Offiziell wurde es im letzten Jahr als eine Alternative zum herkömmlichen Usenet angekündigt. U II bietet dabei weder ein spezielles inhaltliches Angebot noch eine besondere Technik. Statt dessen soll die strikte Einhaltung bestimmter Regeln es ermöglichen, »das traditionelle Usenet-Modell von Kooperation und Vertrauen auch im Internet des 21. Jahrhunderts beizubehalten.«

Als Motiv für die Gründung von U II nennt Peter da Silva den generellen Verlust des Verantwortungsgefühls im Usenet. Dazu gehörten der Mißbrauch der Foren durch Spam, die sich quer durch viele Foren ziehenden Beschimpfungsorgien (flame-wars) und die zunehmende bewußte Verbreitung von Halbwahrheiten bzw. die Versuche, solche Schimpfkanonaden immer von neuem anzustacheln (trolling). Todd McComb, ebenfalls Mitglied des Komittees, nennt als andere wesentliche Motive die Unübersichtlichkeit und die mangelnde Administrierbarkeit des Usenet: Eine kleine Gruppe von Leuten, die selten mit einem Thema vertraut seien, entscheide letztlich über Namensgebung und Einrichtung von Nachrichtengruppen.

Die Administratoren entscheiden

Im Usenet werden plebiszitäre Verfahren verwendet, wenn es um die Einrichtung neuer Nachrichtengruppen geht. Ein formalisierter Vorschlag (RfD, Request for Discussion) muß in der Gruppe news.announce.newgroups veröffentlicht und soll anschließend in news.groups diskutiert werden. Nach abgeschlossener Diskussion wird ein Wahlzettel (CfV, Call for Votes) veröffentlicht, den alle, die über eine E-Mail-Adresse verfügen, ausfüllen und an den Stimmenzähler schicken können. Das Verfahren wird oft genug von endlosen und ausufernden Diskussionen um den Namen für eine neue Nachrichtengruppe begleitet, denn mit der Namensgebung fällt auch die Entscheidung über die Einordnung einer Gruppe. Hinzu kommen die Möglichkeit der Wahlfälschung, und in besonderen Fällen auch politisch motivierte Auseinandersetzungen. So wurden bei der Abstimmung über die Einrichtung von soc.culture.indian.jammu-kashmir 22121 Stimmen abgegeben, aber 99,4% mußten als ungültig bewertet werden: Die Abstimmung wurde zur Auseinandersetzung, weil die Region Kaschmir zum Teil auch zu Pakistan gehört, der Name sie jedoch Indien zuzuschlagen schien.

U II will derartige Mißlichkeiten von vornherein ausklammern. Die Entscheidung, ob und unter welchem Namen ein Forum eingerichtet wird, fällen die verantwortlichen »Hierarchy-Czars«. Als Spezialisten für bestimmte Themen sollen sie auf Grund ihrer Kenntnisse die Einordnung vornehmen. Die Zaren werden vom U II-Steuerungs-Komittee ernannt und sind ihm, aber nicht den Benutzern Rechenschaft schuldig. In ihrem Ermessen liegt auch, ob eine Gruppe moderiert wird und von wem. Außerdem haben sie die Freiheit zu entscheiden, ob ein Artikel in einer bestimmten Gruppe am Platze ist. Dem im Usenet häufig anzutreffenden Phänomen, daß Artikel den inhaltlichen Rahmen des Forums verlassen, soll damit vorgebeugt werden.

»If a user is annoying, the sysop is annoying«, heißt es im Statut des Fido-Netzwerks. Auch innerhalb von U II erstreckt sich die Verantwortlichkeit der Administratoren auf das Verhalten der Nutzer. Sie müssen sicherstellen, daß die von ihrem Knoten ausgehenden Artikel bestimmten technischen Anforderungen genügen und ihr System nach außen abdichten. Wie die Administratoren dabei vorgehen bleibt, so formuliert es der Slogan »Rules not Tools«, ihnen überlassen. Zugleich soll die Befolgung der Regeln garantieren, daß nicht nur ein Knoten »sound« bleibt, sondern auch die benachbarten. Erweist sich ein System als »unsound« muß es mit Ausgrenzung rechnen.

Die »Soundness-Doktrin« richtet sich vor allem gegen den Mißbrauch, der im Usenet mit exzessiven Cross-Postings (Artikel, die gleichzeitig in mehreren Foren erscheinen) und Spam getrieben wird.

Die Wurzeln von U II reichen in eine andere Hierarchie: bofh, für »Bastard Operators from Hell«, dem Treffpunkt für entnervte Administratoren, die es satt haben, sich mit unfähigen Benutzern (»luser«) herumzuärgern. BOFHs lieben die Vorstellung, daß sie in einer Welt voller »luser« ihre technische Überlegenheit ausspielen könnten. An guten Tagen machten sie Benutzern weis, daß der Befehl zum umbenennen einer Datei »rm« heißt, an schlechten könnten sie deren Betteln nach mehr Plattenplatz nachkommen, indem sie einfach deren Dateien löschen. Das sich hier anekdotenhaft andeutende elitäre Selbstverständnis findet sich denn auch in der Selbstdarstellung von U II wieder. Dort werden die technischen Voraussetzungen für den Transport eines Artikels im U II als »magischer Staub« umschrieben. Das Geheimnis, daß die Kopfzeilen eines Artikels die Felder »NNTP-Posting-Host« und »Distribution« enthalten müssen, wird erst in den Regeln offenbart.

Oligarchie als Rettung vor dem Rauschen

Ob U II zu einem Erfolg wird, läßt sich kaum abschätzen. Zwar wurde und wird das Internet und speziell das Usenet nach Thomas Hobbes als ein Krieg aller gegen aller interpretiert, aus dem schließlich ein Leviathan hervorgeht, aber Anzeichen für eine solche Entwicklung werden nicht deutlich. Die Anzahl moderierter Nachrichtengruppen stieg nicht überproportional an, und von einem größeren Zulauf zu U II kann auch noch nicht die Rede sein.

Skepsis ist dagegen aus mehreren Gründen angebracht. Wenn »Kooperation und Vertrauen« auf Zaren und Administratoren beschränkt werden, erinnert das an Vorgänge im Usenet Mitte der 80er Jahre. Damals wurde das Usenet noch nicht über das Internet geleitet, und die Administratoren der größeren Netzknoten versuchten, Einfluß auf die Akzeptanz und Einordnung von Gruppen auszuüben. Als Reaktion auf diese Bestrebungen entstand die eher anarchische alt-Hierarchie, in der heute die weitaus meisten Foren untergebracht sind.

Für den Umgang im Usenet sind soziale Kompetenz und oftmals ein Übermaß an Geduld erforderlich, weil die meisten Nachrichtengruppen mindestens zwei Diskurse kennen: einen inhaltlichen, der durch die Einordnung der Gruppe, eine Beschreibungszeile und eine Charta festgelegt wird, und ein konstantes Rauschen, in dem Regelverletzungen verhandelt werden. Viele Teilnehmer behelfen sich bei steigender Artikelzahl mit Filtern, die z. B. bestimmte Autoren hervorheben und ganze Themenstränge unterdrücken.

U II geht über die Zurückweisung von Mißbrauch hinaus. Im Glauben an die wohlmeinende Oligarchie der Spezialisten soll auch das Problem des Rauschens aus dem Netz geschafft werden. Den Teilnehmern bleibt nur die Hoffnung, die Elite werde ihre Möglichkeiten schon nicht mißbrauchen.

[Dank an Alexander Koch für seine Hilfe bei der Recherche]

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