Ziviler Ungehorsam im Netz

05.05.1998

Eine neue Möglichkeit für kollektive Cyberaktionen

Bislang waren Aktionen im Cyberspace eher Aktionen von einzelnen, die in Netzwerke eindrangen und beispielsweise Daten veränderten. Ansonsten diente das Internet der Kommunikation und dem Versenden von Email. Doch eine italienische Gruppe, die sich Anonymous Digital Coalition nennt, hatte nach dem Massaker an Indios in Chiapas zu einer neuen Form des kollektiven Protestes im Netz aufgerufen, die von Ricardo Dominguez und Stefan Wray weitergeführt wurde und am 10. Mai 1998 in Solidarität mit der Bewegung der Zapatistas in Chiapas praktiziert werden soll: das gleichzeitige automatisierte Bombardieren einer Web-Site durch massenhaftes Clicken des Reload Buttons als einer Strategie des "elektronischen zivilen Ungehorsams".

Für den 18. Januar 1998 rief die Anonymous Digital Coalition "in Solidarität mit der Zapatista Bewegung alle Netsurfer mit den Idealen von Gerechtigkeit, Freiheit, Solidarität und Freiheit in ihren Herzen" zu einem "gleichzeitigen weltweiten Sit-in" am 29. Januar von 16-17 Uhr GMT dazu auf, fünf Web-Sites von mexikanischen Finanzinstitutionen - "Symbole des mexikanischen Neoliberalismus" - zu besuchen und im Abstand von einigen Sekunden immer wieder auf Reload zu klicken.

In einem Aufruf zur Teilnahme hieß es: "Nur selten haben Graswurzelbewegungen auf eine solche Weise Cybermacht ausgeübt. ... Das ist eine einzigartige Möglichkeit, einen neuen Bereich koordinierter weltweiter Aktion zu betreten. Nimm an dem wahrscheinlich ersten global koordinierten virtuellen Sit-in teil!"

Ricardo Dominguez von Thing und Stefan Wray, die beide einer Solidaritätsgruppe der Zapatistas in New York angehören, fanden diese Idee gut und entwickelten daraus das Konzept für einen "elektronischen zivilen Ungehorsam". Die Übertragung von Sit-ins aus der wirklichen Welt, wodurch man den Zugang zu einem Ort blockiert, in den Cyberspace ist gleichzeitig der Gang von einem lokalen zu einem globalen Ereignis. Wichtig am Konzept des virtuellen Sit-in ist, daß es sich um eine globale und kollektive Aktion zur selben Zeit handelt, mit der man einen bestimmten Ort im WWW blockiert. Ziviler Ungehorsam ist überdies ein friedlicher und gewaltfreier Protest, durch den nichts zerstört werden soll. Das Lahmlegen einer Site für eine gewisse Zeit zerstört oder manipuliert daher auch keine Daten. Man dringt nicht wie ein Hacker in eine Site ein, sondern blockiert lediglich den Zugang. Und ähnlich wie bei Sit-ins in der wirklichen Welt, in der die Menschen mit ihren Körpern anwesend sind, wollen die beiden virtuellen Demonstranten auch nicht in der Anonymität bleiben.

Zur Vorbereitung ihrer Aktion am 10. Mai haben sie eine neue Site mit dem Namen Flood Net entwickelt, mit der sich die virtuellen Sit-ins automatisieren lassen. Wer teilnehmen will, verbindet sich mit dem Flood Net, das nur zu einer angekündigten Zeit im Web funktionsfähig ist und das einen auf eine bestimmte Web-Site leitet, wobei das Programm alle paar Sekunden automatisch den Reload-Befehl ausführt.

Der erste Versuch wurde am 10. April mit der Web-site des mexikanischen Präsidenten Ernesto Zedillo durchgeführt. Über 8000 Menschen beteiligten sich an der Aktion und legten die Web-Site lahm. Für die Aktion am 10. Mai wird vermutlich eine Site in den USA angesteuert, die einen Symbolwert hat, aber auf der sich keine wertvollen Daten befinden. Die Aktivisten hoffen, daß es mehrere Mirror Sites von Flood Net geben wird, um Gegenangriffen von Sicherheitskräften besser entgehen zu können.

Natürlich wissen die beiden Aktivisten, daß sie mit ihren Aktionen wahrscheinlich nichts verändern werden, aber sie wollen damit einer neuen politischen Kultur den Weg bereiten, die auf der weltweiten Zusammenarbeit beruht und diese vor allem ermöglicht. Sie nennen dies "The Electronic Disturbance Theater". Da mit den von ihnen vorgeschlagenen virtuellen Sit-ins nichts zerstört werde, glauben sie auch nicht, daß sie illegal handeln, aber man sitzt, wie Dominguez der New York Times erzählte, "manchmal vor einem Büro, und dann sagen sie, man habe den Ort unbefugt betreten. Die Frage ist, welches Gesetz wichtiger ist: das Gesetz der Menschenrechte oder das lokale Gesetz, das unbefugtes Betreten verbietet."

Solche virtuellen Sit-ins werden sich vermutlich als symbolische Protestaktionen verbreiten. Man wird die technischen Mittel verbessern und so größere Wirkungen erzielen - und natürlich die vorsichtige Strategie von Dominguez und Wray nicht immer einhalten. Auf jeden Fall werden kollektive Protestaktionen auch in den Cyberspace einziehen und so die politische Kultur verändern. Wray ist der Meinung oder der Hoffnung, daß sich noch viele neue Formen des kollektiven Protestes aus der neuen Verbindung von computerisierten Aktivisten und politisierten Hackern entstehen werden.

Ob zufällig oder nicht mit der geplanten Aktion zusammenhängend, haben Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes offenbar am 4. Mai 1998 inoffiziell der Presse mitgeteilt, wie MSNBC berichtet, daß im August des letzten die erste "Terroristengruppe" Computersysteme eines Landes angegriffen hätten. Angeblich sollen "Internet Black Tigers", eine unabhängige Gruppe, die aus der tamilischen Widerstandsorganisation Liberation Tigers von Tamil Eelam hervorgegangen sei, versucht, die Computer von Botschaften Sri Lankas mit Email zu bombardieren. Das sei nur der Beginn von schlimmeren Dingen, die in Zukunft möglich sein werden, soll ein Geheimdienstmitarbeiter gesagt haben. Auch eine Befreiungsbewegung in Ost-Timor mit dem Namen East Timor campaign, Toxyn Group oder UrBaN KaOs soll im Februar 1997 einen Angriff auf Internet-Sites der indonesischen Regierung durchgeführt haben, um Unabhängigkeit zu fordern und die Unterdrückung und Foldterung seitens der Regierungstruppen anzuklagen. Noch sei das keine Bedrohung, aber die Verbindung von Terrorismus und Email-Angriffen taucht den "zivilen Ungehorsam", wie er von Dominguez und Wray propagiert wird.

Stefan Wray: Die Herstellung eines World Wide Web des elektronischen zivilen Ungehorsams
Über den elektronischen zivilen Widerstand
Flood Net
Stefan Wray

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