Konstruktivisten beobachtet

Rudolf Maresch 09.07.1998

Unter sich auf einem großen Kongreß wird jedoch die postulierte Selbstbezüglichkeit gerne vermieden.

Vom 30.4. - 3.5. diesen Jahres trafen sich die Radikalen Konstruktivisten zum dritten Mal nach 1992 und 1996 in Heidelberg. Das Thema Weisen der Welterzeugung. Die Wirklichkeit des Konstruktivismus II, aber auch die internationale Prominenz der Referenten hatte ca. 1200 Besucher in die alte Universitätsstadt gelockt. Eine gute Gelegenheit, Konstruktivisten bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Konstruieren von Wirklichkeiten, zuzuschauen und darüber ein paar Gedanken zu verlieren.

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Auch Halluzinationen sind Fakten...

Um es gleich vorweg zu nehmen: Auch im Konstruktivismus ist, nachdem sich die große Aufregung um ihn gelegt hat, business as usual eingetreten. Verstärkt bemüht man sich jetzt um die Naturalisierung (Empirisierung) seiner Ideen und um eine engere Kopplung mit anderen Wissenschaftsgenres (Hermeneutik). Dennoch ist Vorsicht angebracht. So begrüßte Ernst von Glasersfeld (Amherst) zwar den Versuch des naturwissenschaftlichen Lagers (Physik, Neurobiologie), Brücken zum Konstruktivismus zu bauen, Paul Watzlawick (Palo Alto) hingegen warnte die versammelte Konstruktivistenschar eindringlich vorm Abdriften in Mystizismus.

Hilary Putnam. Foto

Zu größeren oder gar heftigen Kontroversen kam es seltsamerweise nicht, obwohl es gerade dazu hinreichend Anlaß gegeben hätte (Sokal-Affäre). Verstärkt wird nämlich in den harten Wissenschaften wieder über Qualitätskriterien nachgedacht. Nach den Herausforderungen und Verunsicherungen durch postmodernistische Spielereien (Linguistik, Kulturalismus) ringt man dort wieder um ein neues Objektivitätsideal. Eine eingehende Diskussion über die Grenzen der Konstruierbarkeit wäre deshalb mehr als angebracht gewesen. Diese fand leider weder auf dem Podium noch in den einzelnen Sektionen statt. So wurde eine Chance vertan. Und weil Kritiker nach wie vor eine Performance bei den New Age Psychologen, wie sie gelegentlich abschätzig bezeichnet werden, tunlichst meiden - ein öffentlicher Auftritt könnte schnell den Karriereknick bedeuten -, blieben die Konstruktivisten wohl oder übel unter sich.

...but change do you good.

Sehnsüchtig dachte der Berichterstatter während dieser Tage an jenen postmodernen Ästhetik-Kongreß vor sechs Jahren in Hannover, als der Nekromancer und Attentist Karl-Heinz Bohrer diesen mit einem rhetorischen Paukenschlag eröffnen konnte: "Ein Terror liegt über dem Land: die Akzeptanz des Ästhetischen...". )

Wirklichkeit wird nicht gefunden, sie wird von einem Beobachter operativ erzeugt. Wer etwas über die Welt erfahren will, darf deshalb nicht die Welt, er muß den Beobachter beobachten.

So lauten die oft gehörten, gern zitierten Kernaussagen des Konstruktivismus. Bei der Selbstanwendung dieser Lehrsätze tun sich Konstruktivisten noch und mitunter schwer. Diesen letzten Schritt, die Selbstdekonstruktion des Forschungsprogramms, mag niemand mitmachen - und darin ähnelt der Konstruktivismus dem Dekonstruktivismus.

Selbstbezüglichkeit oder Selbstreferentialität gilt nur für das Operieren, nicht aber für die Theorie über dieses Operieren. Aus diesem Grund bauen seine Anhänger lieber einen Popanz auf, konstruieren sie einen Gegner, an dessen Aussagen sie sich dann reiben. Aus identitätspsychologischer Sicht ist diese Haltung verständlich. Schon bei Carl Schmitt kann man nachlesen, wie der Feind (der/das Andere) zur Selbstkonstituierung herhalten muß. So erstaunt es kaum, daß Wirklichkeitserfindung als Letztbegründung durchgeht und als unhintergehbar akzeptiert wird. Wahrheitsrelativismus vor seinem Umschlag in das, was ist (Ontologie), zu bewahren, kommt daher einer Gratwanderung gleich.

Der Feind schreibt mit

Der (erkenntnispolitische) "Feind" ist auch schnell gefunden: der wissenschaftliche Realismus. Daß es diesen in dieser Härte gar nicht mehr gibt, scheint nur wenige Konstruktivisten zu irritieren. Auch der starke Realismus mit seinen drei (idealtypischen) Behauptungen a) der Realität von Entitäten, b) der Existenz einer objektiven, beobachterunabhängigen Außenwelt und c) der Übereinstimmung von Wirklichkeit und Wahrnehmung (Repräsentation) sowie der prinzipiellen Erkennbarkeit dieser Realität durch das Erkenntnissubjekt hat in den letzten Jahrzehnten Wandlungen durchgemacht und sich in "weichere" Erkenntnisformen ausdifferenziert. Seine Auseinandersetzung und seine Verschmelzung mit dem (amerikanischen) Pragmatismus und der Sprachphilosophie einerseits, der Handlungs- und Demokratietheorie andererseits haben Spuren hinterlassen und nachhaltig Wirkung gezeigt. Perspektivenwechsel haben seitdem stattgefunden, ein Weiterdenken ist auch dort eingetreten, so daß die Kontextgebundenheit des Wahrnehmens, Denkens und Urteilens, die Koppelung an Aussagesysteme gar nicht mehr geleugnet wird.

Denken in Gewißheiten oder gar Absolutheiten wird (außer in religiösen Glaubenssystemen) nirgendwo mehr reklamiert und/oder praktiziert. Sie sind weitgehend in die gemeinsamen und konkurrierenden Debatten und Argumentationsketten der scientific communitiy zurückgenommen. Am bekanntesten und einflußreichsten dürfte inzwischen der interne Realismus sein, für den Entitäten nur noch relativ zu einem bestimmten begrifflichen Rahmen existieren. Von seinem prominentesten Vertreter, dem Mathematiker und Philosophen Sir Hilary Putnam (Harvard), dem offensichtlich die Rolle des "bad guys" in Heidelberg zugedacht werden sollte, liest man dazu in seinem neuesten Buch Für eine Erneuerung der Philosophie:

"Wer wie ich selbst bestreitet, daß es eine 'vorgefertigte Welt' gibt, behauptet damit noch nicht, daß wir uns die Welt ausdenken [...] Was wir über die Welt sagen, reflektiert unsere begrifflichen Entscheidungen und unsere Interessen, aber die Wahrheit und Falschheit unserer Äußerungen wird nicht einfach durch unsere begrifflichen Entscheidungen und unsere Interessen bestimmt."

So konnte und wollte der Harvard-Philosoph in seiner Auseinandersetzung mit der universalistischen Grammatiktheorie Noam Chomskys, die er eher lustlos absolvierte, gar keinen Kontrapunkt zum Konstruktivismus setzen. Immerhin verdeutlicht sein Statement aber, daß die "Weisen der Welterzeugung" (N. Goodmann) dort auf ihre Grenzen (constraints) stoßen, wo das Politische beginnt und Erkenntnispolitik gemacht wird.

Für Konstruktivisten ist das nichts Neues, sondern gehört quasi mit zur Software. Gerade weil Politik und Macht Konstrukte unseres Wahrnehmens sind, liegen sie auch in unserer Verantwortung und Entscheidungsgewalt.

Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden.

Nimmt man des Biokybernetikers Vorliebe für die Umkehrung von Sätzen einmal for granted, dann geht es gar nicht um die Frage, ob und daß konstruiert wird, sondern wie mittels Sprache und Kultur, Gehirn und (elektronische) Medien Wirklichkeit konstruiert wird - auch wenn sich durch diese Verschiebung der Fragestellung an und in der Sache nichts ändert. Kein Wunder, daß vor allem Hirnforscher und Soziologen, Medienwissenschaftler und Unternehmensberater, Kognitionspsychologen und Kulturdesigner sich von seinen Ideen (Memen) infiziert zeigen, die sich inzwischen quer durch alle wissenschaftliche Kulturen verzweigen.

Wir sehen, daß wir nicht sehen. Ein Gespräch mit Heinz von Foerster.

Spielarten des Konstruktivismus

Obwohl es inzwischen eine Vielzahl verschiedener Varianten des Konstruktivismus gibt, ist man sich unter seinen Anhängern doch darüber einig, daß die Realität für den Beobachter prinzipiell unzugänglich und deshalb objektiv nicht erkennbar sei. Die Welt "da draußen" ist nur als unendlicher Horizont, als Raum von Möglichkeiten gegeben, die der Beobachter mit seinen Unterscheidungen und Bezeichnungen hervorbringt. Die kulturellen Mittel (Methoden, Logiken, Begriffe, Theorien, Konzepte usw.), die er dazu einsetzt, können diese Realität weder einfangen oder erfassen noch alle möglichen Optionalien ausschöpfen. Der Beobachter bringt, wie der Philosoph Martin Heidegger sagt, das "so Bestellte" in "den Bestand".

Die Unterschiede, beispielsweise zwischen dem kognitionspsychologisch orientierten Konstruktivismus Ernst von Glasersfelds oder dem kybernetisch unterfütterten Heinz von Foersters, dem labortechnischen Karin Knorr-Cetinas und Bruno Latours, dem Sozialkonstruktivismus von Peter Bergers und Thomas Luckmann oder dem operativ geschlossenen eines Humberto Maturanas oder Niklas Luhmanns, sind teilweise enorm. Sie entstehen zunächst aus den unterschiedlichen Forschungsgegenständen und Erkenntnisinteressen, dann aber auch in der Stellung zu und der Interpretation der Erreichbarkeit der Außenwelt (Ontologie) und schließlich daraus, wieviel Außenwelt ihre Vertreter gewillt sind, an den internen Operationen des Bewußtseins mitschreiben zu lassen.

Während manche Beobachter und Außenwelt, System und Umwelt strukturell miteinander koppeln und den Weltbezug funktional bestimmen, begnügen sich andere wiederum mit der Bewährung der intern konstruierten Wahrnehmungs-, Begriffs- und Urteilsmuster durch und im Gebrauch. Haben sich diese als "viabel" gezeigt, kann beispielsweise der Radikale Konstruktivist mit ihnen bis zum Beweis des Gegenteils weiter operieren. Der Relativismus ist durch "Anpassung" sozusagen "vernünftig" geworden. Wie sich die Ersetzung des "Sehens" der Außenwelt durch die Vorstellung der Realisierbarkeit bestimmter innerhalb des Systems (kognitiv, sozial) entwickelter Bilder von seiner Außenwelt aber von der traditionellen Auffassung der "Abbildung" unterscheidet, bleibt dabei ungeklärt. Luhmann, der den Radikalen Konstruktivismus bisweilen mit milder Kritik bedenkt, spricht daher lieber von der Sondenfunktion von Wissenschaft, wodurch sie sich "der Realität anpaßt."

Das Gehirn ist ein Handicap

Belege für die innere Abgeschlossenheit des Bewußtseins einerseits und die Unzugänglichkeit der "Welt draußen" für es andererseits, schafft bekanntlich die neuere Hirnforschung herbei. Daß die zentraleuropäischen Spitzenkräfte in Heidelberg anwesend waren, verwunderte daher nicht.

Überraschend allerdings war, daß Gerhard Roth (Bremen), einer der ersten deutschen neurobiologischen Konstruktivisten, offensichtlich immer mehr von einigen Kanonika der Lehre abrückt. Zwar streut er noch immer solche Meme ein wie: "Was wir sehen, sehen wir mit dem Gehirn" oder: "Alles, was wir erkennen, ist ein Konstrukt des Gehirns." Aber die Behauptung von der "operativen Geschlossenheit" des Gehirns kommt nicht mehr über seine Lippen. Offenbar haben Humberto Maturanas Thesen in der Hirnforschung ausgespielt. In "Die Welt des Gehirns" hörte man jedenfalls nichts mehr davon. Dafür umso mehr über die Evolution desselben.

Nach Roth schließt die Entwicklung des Gehirns spätestens mit dem vierten Lebensjahr ab. Die sozialen Interaktionsfähigkeiten schreiten im Vergleich dazu viel zu langsam voran. Sowohl das "taking the role of the other" (G. H. Mead) als auch der freie Wille treten erst auf, wenn "das Gehirn darüber schon entschieden hat".

Intelligenz hat mit sozialen Interaktionen zu tun. Ein Gespräch mit dem KI-Forscher Luc Steels.

Kontrastiert man diese Äußerungen mit aktuellen Bemühungen des KI-Forschers Luc Steels (Brüssel) um die Eruierung der minimalsten Bedingungen für die Entstehung von Sprachen, die er anhand künstlicher Agentensysteme aufzuspüren versucht, so könnte man in Versuchung kommen, das menschliche Gehirn als Handicap zu betrachten. Die Redundanzen (Rauschen), die es trotz oder gerade wegen seiner Schnellentwicklung über all die Jahre in seinen Hirnlappen anhäuft oder anhäufen muß, verhindern, daß es beispielsweise Objekte trennscharf von anderen diskriminieren kann und so ziel- und punktgenau wie eine Digitalmaschine, ein Roboter, eine Flugmaschine oder ein Terminator operiert. Vielleicht ist das ein Grund, warum es dem menschlichen Gehirn mitunter so schwer fällt, sich klaglos und blitzschnell auf neue soziale Lagen und Situationen oder plötzlichen Veränderungen im real life einzustellen.

Zur Neurowissenschaft der Aufmerksamkeit. Ein Gespräch mit Wolf Singer.

Wolf Singer (Frankfurt) blieb es vorbehalten, dem Begehren des Publikums nach Bestätigung konstruktivistischer Aussagen nachzukommen. Laut Singer führt das Gehirn einen "inneren Monolog". Die Aktivität (Rauschen), der das Gehirn ständig unterliegt, ist nach raumzeitlichen Mustern strukturiert. Dieses in der Architektur des Gehirns ständig präsente Wissen sorgt dafür, daß das, was "hereinkommt", in Echtzeit mit den bereits vorhandenen Erwartungsmustern und Erwartungshaltungen verglichen und geprüft werden kann. Selektivität ist demnach eine Folge von frühen Erfahrungen, die großen Einfluß auf das Zentrale Nervensystem nehmen. Dagegen beschäftigen sich nur 10 Prozent der Synapsen tatsächlich mit der Welt der Sinnesorgane.

Die Erleichterung, die diese Aussage im Raum hervorrief, war weithin spürbar. Singer machte sich vor allem für die Thesen Donald Hebbs aus den Nachkriegsjahren stark. Ihm zufolge werden Wahrnehmungsobjekte nicht von spezialisierten Zellen, sondern von einem ganzen Ensemble von Nervenzellen wahrgenommen, die gemeinschaftlich oder kooperativ im koordinierten Neuronenverband feuern. Das Gehirn stellt dafür ein ganzes Netzwerk von Schaltzellen bereit, die für verschiedenste und nicht nur für bestimmte Funktionen oder Zwecke zur Verfügung stehen. In dieser Frage also nicht viel Neues unter der Sonne. Seit längerem schon finden diese Gedanken in der Theorie neuronaler Netzwerke Anwendung. Überhaupt zeigte sich Singer sehr vorsichtig, was die Verabschiedung traditioneller Denkweisen anging. Der Alltagserfahrung, wonach Information aus der Außenwelt via sinnlicher Erfahrung ins menschliche Gehirn gelangt, wollte er nicht unbedingt verwerfen. Repräsentationstheorien à la Descartes spuken offensichtlich immer noch in den Hirnen der Hirnforscher herum.

Einzig der Philosoph Thomas Metzinger (Bremen) getraute sich, für Polemik zu sorgen und Hirnforscher wie Konstruktivisten gezielt zu provozieren. Den Radikalen Konstruktivimus bezeichnete er als "intelligenten Unfug im Sinne akademischer Philosophen". Ihren Protagonisten beschied er, sich auf einem höchst "niedrigen Niveau begrifflicher Klarheit" zu bewegen und nur unzureichend zwischen phänomenalen und intentionalen, personalen und subpersonalen Akten zu unterscheiden. Äußerungen Singers wie: "Das Gehirn weiß wie die Welt beschaffen ist, das System aktualisiert ständig dieses Wissen", überschüttete er mit Ironie. Er erinnerte die Hirnforscher an die Trivialität, daß nur Personen, nicht aber die Gehirne (der Personen) sich auf Wirklichkeit beziehen könnten.

Nach Verteilung dieser Spitzen stellte er mögliche (funktionale, virtuelle) "Selbstmodelle" vor. Mit einem kurzen Parforceritt durch die Begriffsgeschichte der Philosophie zeigte er die Phänomenalität der "Jemeinigkeit" (ur-sprüngliche Vertrautheit mit sich selbst) auf, die er mit empirischen Forschungen zu Befindlichkeiten von Astronauten nach Rückkehr aus dem Zustand der Schwerelosigkeit und den Bekundungen von Personen, denen Teile des Körpers abhanden gekommen waren, zu belegen versuchte. Es überraschte, wie widerspruchslos sowohl die polemischen und kritischen Pfeile gegen den Konstruktivismus als auch die phänomenale Argumentation des Philosophen auf- und hingenommen wurde. Mit den ontologischen und philosophischen Implikationen ihres Denkgebäudes schien sich so mancher Konstruktivist nur sehr oberflächlich auseinandergesetzt zu haben.

Neuigkeiten in Sachen Hirnforschung gab es kaum zu vermelden, sieht man davon ab, daß man dort wieder mehr Wert auf Qualias (feelings oder Geschmacksempfindungen) legt. Es zeigte sich, daß man die vor Jahren erhobenen Versprechen nicht einlösen kann. Noch Lichtjahre sind die Hirnforscher davon entfernt, herauszufinden, was Bewußtsein ist und wie es funktioniert. Ihr Wissen bleibt auf lokale Strukturen des Gehirns begrenzt und entspringt höchst reduktionistischer Verfahren. Wer mehr darüber wissen will, ist nach wie vor auf die philosophischen Spekulationen Hegels, Husserls oder Freuds angewiesen.

Dafür beeindruckten die Hirnforscher mit materiellen Visualisierungen der Gehirnströme im Kernspintomographen. Mit Hilfe bildgebender Verfahren sind die Hirnforscher inzwischen imstande, den Tätigkeiten des Gehirns in Echtzeit zuzusehen. Wieder einmal wurde deutlich, wie sehr das Wissen von graphischen und/oder ikonischen Schriftfiguren abhängt, und daß erst die Fortschritte von Hard- und Software zu diesem "Jahrzehnt des Gehirns" (G. Roth) geführt haben. Dem Beobachter wurde aber auch klar: Wer mehr über das Gehirn erfahren will, muß nicht das Gehirn, er muß das Gehirn der Hirnforscher beobachten. Zu dieser Anwendung von Konstruktivismus fühlte sich in Heidelberg aber niemand aufgerufen.

Auch die Vergangenheit ist ein Konstrukt

Wie problematisch es ist, konstruktivistische Lehrsätze umstandslos in jedes Wissensgenre zu importieren, zeigte sich in der Sektion Konstruktivismus und Geschichte.

Seit Erscheinen der Metahistory Hayden Whites (Venezia), rumort in den Köpfen der Historiker herum, wie mit historischen Fakten umzugehen ist. Für sein Hineinlesen linguistischer Verfahren (Dekonstruktivismus) in die Historiographie heimste er vor einigen Jahren viel Lob seitens der Kontextualisten (Kulturalisten) ein. Herbe Kritik bis schroffe Ablehnung erntete er dagegen von den Traditionalisten der Historikerzunft. In Heidelberg stellte Hayden White auch gleich auf diese Frage: Wie muß mit Quellen und Diagrammen, Monumenten und Mentalitäten verfahren werden? Sollen sie vom Historiker erzählt (narrative Methoden) oder nach abstrakt-formalen Regeln (strukturale Methode) geordnet und klassifiziert werden?

Wie zu erwarten, schlug sich Hayden White auf die Seite des Geschichtenerzählers, der aus dem "Chaos des Seins" in heroischer Weise die Ereignisse auswählt, diese ordnet, gestaltet und im Gestus römischer Rhetoriker in Szene setzt (mise en figure). Die Gültigkeit historischer Fakten beruht demnach nicht auf der Auswertung historischer Quellen oder Funden, sondern auf der Performanz (Macht) der besseren Erzählung. Das Problem, wie dadurch Gruppeninteressen ausgeschaltet werden könnten - man denke an die zunächst berechtigten, dann überzogenen feministischen Irritationen, die die Geschichtsforschung verunsicherten, oder an die ideologischen Debatten über die Rolle der Deutschen Wehrmacht im WK II -, konterte Hayden-White mit der Einsicht, daß das historische Begehren (moralische Bewertungsweisen, dialektische Bilder der Erfüllung) unweigerlich an jeder historischen Darstellung mitschrieben. Die Letztentscheidung über die Differenz zwischen historischen und fiktionalen Erzählungen obliege aber der kommunizierenden scientific community, sie befände letztlich über die Gültigkeit/Nicht-Gültigkeit historischer Fakten.

Klar, daß seine Ausführungen heftigen Widerspruch hervorrufen mußten. Jörn Rüsen (Bielefeld) erklärte Hayden Whites Erfolg einer Kulturalisierung von Geschichte mit einem Mangel an Methodologie unter den Fachleuten. Als Gegengift zur Ästhetisierung von Fakten empfahl er die (freiwillige) Verpflichtung der Historiker auf "gute Gründe" als regulative Idee (J. Habermas). Sie bildeten das Fundament für die "intersubjektive Geltung" (Kohärenz und Konsistenz) historischer Daten. Historische Erfahrung müßte so wasserdicht sein, daß sie "notfalls auch von einem Chinesen anerkannt werden könnte."

Chris Lorentz (Amsterdam) dagegen warnte vor symbolischen Spielereien. Metaphern könnten weder wahr noch falsch sein. Die Aussage: "Ist Sharon Stone eine unbekleidete Rakete Hollywoods?" ist zwar nicht nichtssagend, aber unbeweisbar. Streng wollte er zwischen Darstellung (historical writing) und Forschung (historical research) unterscheiden. Während in der traditionellen Sichtweise "Darstellung das Ergebnis von Forschung" ist, entspringt in einer metaphorischen Ordnung "die Forschung der Darstellung".

Albert Müller (Wien) wiederum sprang Hayden White zur Seite. Zum x-ten Male variierte er die von Foerstersche Trivialität, derzufolge es in erster Linie darauf ankäme, den Historiker beim Konstruieren von Geschichte zu beobachten. Sicherlich wird der Streit hier weitergehen.

Die Renaissance französischer Geschichtenerzähler (Fernand Braudel, Georges Duby, Jacques LeGoff u.a.) hat gezeigt, daß durchaus ein Bedarf am Erzählen von Geschichte beim Publikum vorhanden ist. Man läßt sich gern die Geschichte Frankreichs oder des Mittelalters erzählen. Doch auch der Erfolg der Annales beruhte nicht allein auf gekonnt inszenierter Rhetorik. Ohne das Stöbern in alten Archiven, ohne genaues Studium der Quellen und ohne das Lesen und Auswerten historischer Fakten wäre dieser Erfolg des New Historism kaum möglich und erklärbar. Das Beherrschen des historischen Handwerks ist conditio sine qua non und durch die Phantasie, den Witz oder die rhetorische Kraft des Erzählers nicht zu ersetzen. Zwar ist jede Rekonstruktion auch Konstruktion, doch ohne Rekonstruktion auch keine Konstruktion.

Bedenkenswert für alle Anhänger des Konstruktivismus und metaphorischen Erzählens scheint aber der Einwurf, daß sich (historische) Objektivität in der Erinnerung, im kollektiven Gedächtnis von Gesellschaften, immer schon mitteilt. Die Präsenz der Vergangenheit wirkt, wie Walter Benjamin dereinst schon hellsichtig bemerkte, latent in die Gegenwart hinein und determiniert sie auf diese Weise. Differenzen und Pluralitäten, das Meer unendlicher Unterscheidungen, wie sie der Konstruktivismus favorisiert, finden hier seinen (historischen) Halt.

Medien schaffen Wirklichkeiten

Ein dankbares und weites Experimentierfeld für die Veranschaulichung und Anwendung konstruktivistischer Ideen eröffnen die Massenmedien. Hier, so ließe sich formulieren, kommen die konstruktivistischen Ideen erst zu sich selbst. Luhmanns Die Realität der Massenmedien ist vielleicht das prominenteste Beispiel dafür.

Sein Einleitungssatz: "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien", kann als Manifestierung von Konstruktivismus gewertet werden. Wirklichkeit ist dort wegkommuniziert und auf ihre Darstellung in und Verbreitung durch massenmediale Kommunikationen reduziert. Der Medienkonsument, die Kundschaft der Medienanbieter, ist zum platonischen Höhlenbewohner geworden. Die Welt spielt sich nur noch innen ab, im Wohnzimmer auf den Screens. Aus dem Bildschirm kommen die Bilder, Abbilder ohne jede Tiefe und/oder Referentialität auf die Welt. Der Schein ist zum Sein geworden, das Design bestimmt das Bewußtsein, die Welt existiert nur noch "als ob".

Deswegen erstaunte es, daß diesem Thema von den Veranstaltern so wenig Platz eingeräumt wurde. Auf den letzten Tag verschoben, agierten die Referenten unter enormen Zeitdruck. Eine breitere Diskussion über die Konstruktion dieser Konstruktion war deshalb kaum möglich. Noch mehr erstaunte, daß Luhmanns "operativer Konstruktivismus" kaum zur Sprache kam, obwohl doch gerade dieser die Aufmerksamkeit der Medien in den letzten Jahren auf sich gezogen hatte.

Gebhard Rusch (Siegen) bezeichnete seine Theorie kurz und bündig als "abstrakte Variante des Konstruktivismus", dem die empirische Ausrichtung fehle. Luhmanns Mix aus Interaktionismus und Phänomenologie stelle eine Spielart immanenter Hermeneutik dar. Rusch vermied es, auf die Spitzen Luhmanns gegen die Lieblingsmetapher des Radikalen Konstruktivismus, die "Blindheit" der Systeme gegenüber ihrer Umwelt, einzugehen.

Rudolf Maresch: Blindflug des Geistes. Was heißt (technische) Medientheorie?

Indes wurde deutlich, daß die konstruktivistische Medienwissenschaft nur auf den "Verstehensbegriff" abzielt. Ihr geht es hauptsächlich um ein Output-Verstehen, während alle Fragen des Inputs, des Kanals, der Übertragung und/der der Codierung externalisiert werden. Die Materialität des Mediums oder das Problem der Übertragung spielen darin keine prominente Rolle. Das Medium fungiert als passive Instanz, es muß die rigideren Formen aufnehmen. Munter diskriminieren oder zappen ihre Vertreter deshalb zwischen massenmedialen Programmangeboten wie z. B. Werbung, Unterhaltung, Nachrichten und ihren Crossover-Formen (infotainement, edutainement etc.) hin und her.

Sinn geht für den Radikalen Konstruktivismus nicht aus einer Dreifachsynthese von Information, Mitteilung und Verstehen hervor, er ist kein bloßes Amalgam aus Inhalts- und Beziehungsebene wie bei Luhmann, sondern fällt mit seinem "Stabilitätswert" zusammen. Beim Oszillieren zwischen Orientierungserwartung und Orientierungsziel muß Verstehen sich für ein kognitives System als passend erweisen. Diese Bewährung zeigt sich im Erfolg, sie ist deshalb der Beweis für das Gelingen des Verstehens. Und weil sich diese Stabilitäten unter der Dominanz der Wirklichkeitskonstruktionen von Medien ständig ändern, bleibt jedes Verstehen lokal und zeitlich begrenzt. Alles könnte immer auch anders sein.

Deshalb orientiert sich die konstruktivistische Medienforschung auch an der Steigerung von Komplexitäten. "Konstruiere möglichst viele Kommunikate" lautet ein Leitmotiv. S. J. Schmidt (Münster) stieß ins gleiche Horn. Er definierte Medien als "Instrumente der Wirklichkeitskonstruktion". Sie verbinden kognitive Systeme zum Zwecke der Sinnproduktion. Auffallend ist, daß er Medientheorie auf den Aspekt der Mediennutzung reduziert. Der User (Beobachter) entscheidet letztlich darüber, welche Konstruktionen von Wirklichkeit vorgenommen werden. Für den Programmacher bleibt er ein Buch mit sieben Siegeln, weshalb er weder manipuliert oder betrogen, noch überwacht oder kontrolliert werden kann. Wann, warum und wie der Zuschauer weiterzappt, bleibt ungewiß, seine Handlungsweisen sind von den Programmachern nicht prognostizierbar. Semantische Stabilitätswerte pendeln sich erst über die komplexe Beziehung ein, die Sender und Empfänger, Programmacher und Programmnutzer eingehen (Einschaltquoten). Zusammen schaffen und erzeugen sie eine neuartige Kultur, die Schmidt "Medienkultur" nennt.

Von der Turing-Galaxis war in Heidelberg allerdings wenig bis nichts zu hören. Konstruktivistische Medientheorie beschränkt sich weitgehend auf die Beobachtung traditioneller Massenmedien (Druck, Funk, Fernsehen). Medien werden unter dem Aspekt der Verbreitung, der strukturellen Kopplung kognitiver Systeme und der Erweiterung von Kommunikationsmöglichkeiten beschrieben und diskutiert. Und genau dort, in diesem selbstinduzierten Blindheiten gegenüber der Umwelt, sind auch ihre theoretischen Schwächen zu suchen. Zwar versuchte sich Peter Spangenberg (Siegen) an den veränderten Körperwahrnehmungen durch elektronische Netzwerke. Er beschrieb die Chancen und Angebote, die das Erzeugen "virtueller Körper" oder das Experimentieren mit ihnen durch raffinierte Software (Morphing, Avatare etc.) für die Identitätspolitik sozialer Individuen und/oder Gemeinschaften mit sich bringt, doch beließ er es weitgehend bei der literarischen Darstellung der Möglichkeiten und Visionen (Stelarc, Turkle), die Spangenberg insgesamt zurückhaltend bewertete. Das Technobegehren, das heute bei vielen Computerjunkies anwest, fand in seinen Beschreibungen keinen Ort.

Auf all das: die ständige Entwicklung schnellerer Prozessoren mit größeren Speicherkapazitäten, die Erweiterung von Bandbreiten und Kanälen, die Erhöhung von Übertragungsraten, die Gestaltung direkterer Interfaces, die operative Schließung von black boxes, womit das WINTEL-Universum den User zum feindlichen Objekt erklärt, den es mit neuer Hard- und Software zu verfolgen und einzufangen gilt, ging er nicht ein. Von diesen Strategien und Taktiken nimmt der Konstruktivismus, getreu der intern vorgenommenen Unterscheidungen von System und Umwelt, Medium und Form, auch kaum Notiz.

Konstruktivismus meint Mentalismus (Idealismus), er singt nicht bloß das hohe Lob auf Formen und Oberflächen, er schreibt auch an einer Theorie der Benutzeroberfläche ohne Blaupause und Schaltplan. Konstruktivisten interessiert nicht das, was die Welt in-formiert, sondern einzig das, was wie auf den Screens erscheint und an den Ausgängen exzessiv kommuniziert wird oder werden kann. Ihr Desinteresse an Hardware und Algorithmen, Geschmack am und Vorliebe für Design und Oberflächeneffekte sind demnach hausgemacht, sie sind systembedingt durch die Architektur (Konstruktion) des Beobachtens und Bezeichnens vorgegeben.

Sherry Turkle hat dieses Verschwinden der Rechenbefehle und Schaltpläne in Leben im Netz die Emergenz der Weltgesellschaft treffend mit dem Übergang einer "Kultur der Berechnung" zu einer "Kultur der Simulation" bezeichnet. Daß die Sozialtherapeutin zumindest damit ins Schwarze getroffen hat, davon konnte man sich in Heidelberg überzeugen.

http://www.heise.de/tp/artikel/1/1499/1.html
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