Der K@nzler kommt
Helmut Kohl diskutierte in der digitalen Provinz - eine Rezension
Mit einem Paukenschlag wollte die CDU für den bisherigen Höhepunkt der vernetzten Wahlkampagne sorgen. Am 18. September stellte sich Helmut Kohl in einem zweistündigen Chat der browsenden Bürgerschaft und demonstrierte Medienkompetenz - doch die eher fade Online-Präsentation der Live-Diskussion machte den Chat zu einer mühsamen Angelegenheit. Dennoch: der Kanzler der Einheit macht also Ernst - der Weg ins dritte Jahrtausend führt auch für ihn über die Computernetze.![]() |
Die CDU mußte reagieren - galt doch deren Netzauftritt bisher als "monoton" (Tagesspiel) oder "bierernst und spaßfrei" (online-today). Dagegen heimste die sozialdemokratische Konkurrenz die Meriten ein - das lebendige Design und die ausdrückliche Zentrierung auf den Kandidaten Schröder liessen die SPD-Site "mediengerechter" erscheinen. Doch schon mit dem Relaunch der CDU-Homepage Ende August kündigten sich die Online-Ambitionen aus dem Adenauer-Haus an. Mit der Sektion "Wahlkampf-Special" errichteten die CDU-Wahlkämpfer die Kandidaten-Homepage des Kanzlers. In einem eigenständigen Bildschirmausschnitt flimmert dabei eine eigenwillige Mischung aus Fernsehspot und Online-Service vor sich hin - zwischen animierten Wahlplakaten demonstriert das Kanzler-Konterfei "Weltklasse für Deutschland", die Stationen der Kohl-Tour über Strassen und Plätze der Republik werden aufgelistet, ebenso die Lebensdaten des Einheitskanzlers oder Infos für Erstwähler.
Die CDU-Wahlkämpfer verzichteten auf die Besetzung einer Kandidaten-Domain wie "helmut-kohl.de" und nutzten das heimelige Umfeld der virtuellen Parteizentrale als Rahmen für die Präsentation ihres Spitzenkandidaten. Auf diese Weise werden zwar gute Zugriffszahlen garantiert, neue Wähler dürften damit aber kaum erreicht werden - zwar trifft man auf der CDU-Site nicht nur Parteimitglieder, doch für das Gros der Besucher ist die Wahlentscheidung längst beschlossene Sache. Die eigenständige Plazierung in den Weiten der Netzwelt hätte schon eher neue Klientel erschließen können, doch ist die Unterhaltung einer eigenen Kandidaten-Site weit aufwendiger als ein schickes Sonderangebot in der virtuellen Parteizentrale.
Und nun also der Chat. Die CDU-Homepage kündigte den "Event" mit einem Werbebanner an - im neuen Wahlkampf-Special war der Kohlsche Online-Auftritt jedoch nicht verzeichnet: Dort folgte auf das Kanzler-Erlebnis vom 17. September in Bitterfeld die Visite in Dresden (18.), bevor es am Tag Eins nach dem Chat in Ludwigshafen weiterging. Offenbar wähnten die Wahlwerber diskussionsfreudige Chatter eher vor den Fernsehschirmen - ein TV-Spot bewarb die digitale Plauderstunde: Helmut Kohl lud aus dem Off zur Diskussion "im Internet", doch wollte ihm die Vokabel nur recht holprig über die Lippen kommen. Aber immerhin - der Clip verwies auf ein arges Manko des bisherigen Online-Wahlkampfes: zu selten haben die digitalen Wahlkampfmühen den Datenraum verlassen und die Verzahnung mit dem Offline-Wahlkampf gesucht. Sogar auf vielen Wahlplakaten fehlt der Verweis auf die Fortführung des Wahlkampfs mit digitalen Mitteln - trotz vorhandenem Internet-Angebot sucht man die WWW-Adresse meist vergeblich.
Die Chats mit prominenten Politikern haben in den letzten Wochen der Vorwahlzeit Hochkonjunktur - besonders die zahlreichen Web-Sites zur Wahlberichterstattung integrierten die Diskussions-Events mit interessierten Netzbürgern schnell in das Wahlkampfgeschehen. Ein genauerer Blick auf Vorbereitung und Durchführung solcher Chats zeigt dabei, daß die Kommunikation zwischen Bürger und Politiker nicht immer so unvermittelt ist, wie es das Netz erlaubt. Im Vorfeld vieler Online-Diskussionen ist Einreichen von Fragen per e-mail möglich - auf diese Weise kommen zwar auch diejenigen zum Zuge, die für den Live-Chat keine Zeit haben, doch können so die Diskussionsveranstalter unbequeme Fragen herausfiltern, Rosinenfragen herauspicken oder gleich Textbausteine für die "Live"-Beantwortung anfertigen.
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Daß die hochrangigen Online-Diskutierer während des eigentlichen Chats nur höchst selten selbst zur Tastatur greifen, ist durchaus in Ordnung, denn das Eintippen der Antworten durch flinke Helferfinger erhöht die Zahl der möglichen Fragen - schließlich tickt ja im Hintergrund der Gebührenzähler. Auch die zeitliche Plazierung vieler Chat-Veranstaltungen gibt Anlaß zum Nachdenken - häufig bitten die Politiker gerade in den "gebührenfreundlichen" Mittagsstunden zum Plausch, zur allerbesten Regelarbeitszeit. Interessierte Bürger müssen entweder den Bürorechner zur politischen Kommunikation zweckentfremden oder zu Hause bleiben und die Online-Zeche zahlen. Offenbar haben die herkömmlichen Wahlveranstaltungen auf Marktplätzen, in Bürgerhäusern, Festzelten oder Gastwirtschaften die Terminplaner der Spitzenkandidaten überfüllt. Erst als sich Online-Auftritte zu medienwirksamen Wahlkampf-Events gemausert hatten, mußten die digitalen Politiker-Sprechstunden auf die wenigen noch verbleibenden Stunden verteilt werden.
Schließlich wird auch die Möglichkeit zur Nachbereitung der Online-Chats noch unzureichend genutzt. Zwar werden die meisten "Mitschriften" von Politiker-Chats archiviert, doch ohne weiterführende Aufbereitung wirkt die Abfolge von Frage und Antwort zumeist wenig aufregend. Das nachträgliche Einfügen einiger qualifizierter Querverweise könnte den entstandenen Text entscheidend aufwerten - durch einen Link auf Wahlprogramme, Hintergrundmaterialien, Umfragen oder Statistiken könnte eine reichhaltige Informationsquelle entstehen, die die Aussagen des Online-Chats in aktuelle Wahlkampf-Diskussionen einordnet. Und ebenso könnte die Konfrontation mit gegenteiligen Aussagen und konkurrierenden Standpunkten so manches Online-Statement an den Rand der Glaubwürdigkeit führen.
"Wo ist Helmut?"
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Doch was geschah nun, als sich der Kanzler um zwölf Uhr Mittags zwei Stunden lang mit interessierten Netzbürgern zum Online-Chat traf? Zunächst einmal sehr wenig, denn die erste Kanzler-Antwort ließ beinahe eine halbe Stunde auf sich warten und der CDU-Server geriet ob des großen Andrangs der Diskussionswilligen zeitweilig ins Stottern. In der Zwischenzeit wurde die Chat-Gemeinde langsam unruhig (12.03: "Wo ist Helmut?") und machte dann ihrem Unmut unverhohlen Luft (12.07: "Man, ist das peinlich hier!!!", 12.25: "WELTKLASSE??????"). Die erste Kanzler-Message um 12.27 Uhr enthielt immerhin eine klare Aussage: "Ich plane nicht, die Mehrwertsteuer zu erhöhen."
Danach ging der Kanzler auf verschiedene Standard-Themen aus dem reichhaltigen Fragen-Reservoir ein, darunter waren Jugend- und Bildungspolitik, die Lage auf dem Arbeitsmarkt oder die Russland-Krise. Um 13.40 Uhr war es dann schon wieder vorbei mit der Online-Herrlichkeit, Helmut Kohl verabschiedete sich aus dem laufenden Forum mit der Bemerkung "Es hat mir Spaß gemacht" sowie dem Verweis auf "andere Verpflichtungen" - er meinte wohl den Offline-Auftritt vor der Dresdner Frauenkirche am gleichen Abend. Besonders diskussionswillige Netzbürger nutzten das Forum jedoch weit über das offizielle Veranstaltungsende um 14 Uhr hinaus, nicht zuletzt für eine Nachbereitung und Bewertung des Premieren-Chats. Ein intensiver, problemorientierter Austausch wurde es nicht - und das war auch nicht wirklich zu erwarten.
Scheinbar hat die Visite des Kanzlers bei vielen Onlinern einen eher schalen Beigeschmack hinterlassen (14.42: "Überfordert, Herr Bundeskanzler?"). Doch es war auch keine Blamage für den Netz-Novizen Kohl, dafür sorgten auch die analogen Assistenten, die dem Kanzler an Monitor, Maus und Tastatur zur Hand gingen. Negativ ins Gewicht fiel aber die unzureichende Live-Präsentation der Diskussion - zu sehen waren jeweils nur die Titel von Frage- und Antwort-Mails, ein thematisches Verfolgen von Diskussionssträngen wurde dadurch enorm erschwert. Die antiquierte, an Gästebücher aus frühen Web-Zeiten erinnernde Darstellung verhindert auch die weitere Nutzung des entstandenen Textes. Die Plauderstunde mit dem Kanzler erscheint nun als unattraktive Sammlung von E-Mails. Darüber täuscht auch nicht die emsige Berichterstattung auf der CDU-Homepage hinweg, die einiges Bildmaterial vom Kanzler-Chat nachliefert: Kohl hinter dem Bildschirm, Kohl vor der übergroßen Web-Adresse der CDU - das sind die Bilder, die den Online-Event zum Offline-Medienereignis machen sollen.
Das im Vorfeld aufwendig entwickelte Szenario vom chattenden Jahrtausend-Kanzler unterstreicht die Inszenierung der Live-Diskussion als Wahlkampf-Großereignis. Bei näherer Betrachtung zerfällt jedoch, was man in den Reihen der CDU gerne als Demonstration der Zukunftsfähigkeit Kohls ausgeben möchte. Daß und wie sich der Kanzler einem Online-Chat gestellt hat, dokumentiert vielmehr den Stellenwert, den die Datennetze derzeit im politischen Prozeß einnehmen. Der ständig wachsenden Netzgemeinde - die inzwischen die Einwohnerzahl auch der größten deutschen Stadt längst übertrifft - widmet sich der Regierungschef noch nicht einmal die versprochenen zwei Stunden lang. Und dabei vergeht die Online-Zeit zwischen 12 und 14 Uhr schneller als bei Offline-Wahlveranstaltungen. Das Internet liegt hierzulande noch immer gleich zwischen Bitterfeld und Ludwigshafen - es ist eben Provinz.
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