Die Welt im Knast

Florian Rötzer 12.12.1998

Website von Gefangenen der Justizvollzugsanstalt Tegel

Seit Freitag gibt es den Planet Tegel, die erste Website in Deutschland, die von Gefangenen der größten Justizvollzugsanstalt gestaltet wurden, die mit 1600 "Bewohnern" aus 40 Ländern wahrhaft multikulturell ist. Die Besucher müssen sich, wie es sich gehört, anmelden und klicken sich dann durch die Tore ins Innere des Gefängnisses.

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Dort werden sie zwar nicht wirklich auf Insassen treffen, sondern neben vielen Informationen und Bildern bislang nur auf Mitteilungen der am Projekt beteiligten Strafgefangenen und auf eine Gefängnisuhr. Angekündigt wurde zwar, daß die Website ein "virtueller Ort der Begegnung zwischen Drinnen und Draußen" sei, doch die Insassen sind weiterhin vom Kontakt mit der Außenwelt gehindert. Für das Projekt, das Michael Henning im Rahmen eines Stipendiums der Akademie Schloß Solitude realisiert hat, konnte zwar "nach langwierigen administrativen Vorbereitungen" den Gefangenen immerhin ein Computer zur Verfügung gestellt werden, aber der ist natürlich nicht vernetzt, sondern gewissermaßen ebenso isoliert wie diese selbst. Ein "Ausbruch ins Internet" ist damit nicht möglich.

Deswegen haben die Gefangenen auch keinen direkten Zugriff auf die Website und können weder Emails direkt empfangen noch versenden. Ihre Texte, beispielsweise ein Lexikon der Knastterminologie, mußten also auf Disketten abgespeichert und dann mit der Post an den Webdesigner Henning geschickt werden, der dann alles zusammenbaute. Genauso kompliziert ist es, mit den Gefangenen in Kontakt zu treten. Die Emails werden erst einmal "draußen" von einem Projektmitarbeiter ausgedruckt und dann an die Gefangenen weitergereicht. Umgekehrt muß dieselbe Prozedur durchlaufen werden.

Auch wenn also das künstlerische und sozialpädagogische Projekt noch keineswegs, wie Henning schreibt, "zwei Welten, die gegensätzlicher kaum zu denken sind: das Wold Wide Web, Inbegriff für grenzenlose Kommunikation, und das größte deutsche Gefängnis", wirklich zusammenführt, so ist es doch ein großer Schritt vorwärts und erlaubt eine, wenn auch eingeschränkte und komplizierte Kommunikation zwischen außen und innen, vor allem aber vermutlich das Gefühl für die beteiligten Eingeschlossenen, der Welt wieder ein wenig näher gerückt zu sein und eine gewisse Öffentlichkeit finden zu können.

Wie man sich als Eingesperrter fühlt, ist denn auch ein wichtiges Thema vom Planet Tegel. Die virtuellen Besucher können durch die Bilder von vergitterten Fenstern und verschlossenen Türen die Enge erahnen. Die Fotografien von den Zellen lassen die Versuche erkennen, sich durch die Ausstattung ein wenig Individualität, einen Anklang an ein Zuhause zu verschaffen. Und mit einem Quicktime VR taucht der Besucher in die Enge der "öffentlichen" Räume ein. Man erfährt überdies die Geschichte des Gefängnisses, ein wenig von berühmten Gefangenen, liest Zitate von Foucault oder Bakunin über Gefängnisse und natürlich auch Texte der Gefangenen.

Selbst wenn die Gefangenen möglicherweise irgendwann einmal einen direkten Internetzugang erhalten würden und, wie auch immer überwacht und gefiltert, Emails versenden und empfangen könnten, so wäre diese virtuelle Öffentlichkeit möglicherweise nicht nur eine Freude, sondern könnte auch das Eingesperrtsein noch einmal mehr verdeutlichen. Andererseits wäre die Situation eines Menschen, der, in seiner Zelle eingeschlossen, im ortlosen Cyberspace überall ist, auch ein Bild für eine mögliche Zukunft der Informationsgesellschaft, die derzeit mit den bereits vorhandenen und geplanten Überwachungsmöglichkeiten darauf zusteuert, das Gefängnis als Panoptikum auf die ganze Welt zu erweitern.

http://www.heise.de/tp/artikel/1/1714/1.html
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