Gefängnis unter freiem Himmel

Florian Rötzer 13.01.1999

Erstes GPS-basiertes System zur Überwachung von Strafgefangenen in Echtzeit

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Endlich ist es soweit, und die Justizminister und Gefängnisdirektoren können aufatmen. SecurityLink von Ameritech.com bietet jetzt den überlasteten Gefängnissen den Himmel als Ausweg an, wie eine Formulierung in der Pressemitteilung lautet. Mit SMART (Satellite Monitoring and Remote Tracking System) läßt sich jetzt über das Global Positioning System der Aufenthaltsort von Straftätern, die keine Gefängnisstrafe ableisten müssen, sondern Hausarrest haben, zur Arbeit gehen dürfen oder auf Bewährung entlassen wurden, "24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche" in Echtzeit überwachen.

Das biete den Strafvollzugsbehörden just zu der Zeit, in der sie es am nötigsten haben, die "ultimative elektronische Überwachungslösung", preist Ed Maier von SecurityLink die Technik an. "Mit den weiterhin steigenden Gefängniskosten hat sich die Zahl der Straftäter in alternativen Programmen wie dem Hausarrest oder dem Arbeitsfreigang seit 1995 auf mehr als 70000 Menschen verdoppelt." Bislang konnte man auch mit der "elektronischen Fessel" den Aufenthaltsort der Straftäter nicht in Echtzeit erkennen. Der Fußreif mit einem Sender ist hier mit dem Telefon verbunden, das angewählt werden muß, um ihn zu aktivieren. Das GPS-basierte System hingegen registriert permanent die Signale, die zusammen mit den Ortskoordinaten der GPS-Satelliten an ein zentrales Überwachungszentrum gesendet werden, das die Bewegungen des Straftäters anhand von Karten aufzeichnet. Der Sender am Fuß sollte daher permanent getragen werden. Wenn er entfernt wird, wird auch die Verbindung unterbrochen und Alarm ausgelöst.

Die Bewegungsfreiheit der SMART-überwachten Straftätern könne man so auf bestimmte Gebiete einschränken und andere für tabu erklären. Alarm würde auch ausgelöst, wenn der Straftäter den erlaubten Bereich überschreitet, so daß die Polizei möglicherweise gefährdete Opfer und Zeugen warnen könne.

SMART kostet etwa 15 Dollar am Tag, die alte elektronische Fessel etwa 8 Dollar, was zu einem Hindernis werden könnte. Ein Tag im Gefängnis allerdings bringt Kosten von 55 Dollar mit sich. Das ist jedenfalls ein ökonomisches Argument dafür, die nicht wegen Gewalttaten Bestraften eher zum panoptischen Objekt unter freiem Himmel zu machen.

Gerade eben hat das US-Justizministerium eine neue Statistik vorgelegt, die tatsächlich für die GPS-Überwachung sprechen könnte. Seit 1990 ist die Zahl der Strafgefangenen jährlich um 7 Prozent gestiegen. Wegen neuerer Gesetze sitzen die Menschen nämlich länger hinter Gittern, da sie erst einmal einen wesentlichen Anteil ihrer Strafe vor der Freilassung abbüßen müssen. Seit 1990 ist die Zahl derjenigen, die ihre volle Strafe absitzen mußten, um 6 Prozent gestiegen. 70 Prozent derjenigen, die wegen einer Gewalttat 1997 eingesperrt wurden, befinden sich in einem Bundesstaat, in dem sie mindestens 85 Prozent der Strafzeit absitzen müssen. Gleichzeitig ist natürlich das Verhältnis der Freigelassenen zu den Einsitzenden von 37 zu 100 im Jahr 1990 auf 31 zu 100 im Jahr 1996 gesunken. Gemäß dieser Tendenz werden die Gefängnisse immer voller.

Siehe auch: Gefängnisse als arbeitsmarktpolitische Maßnahme

http://www.heise.de/tp/artikel/1/1760/1.html
Kommentare lesen (1 Beiträge)
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS